THE HOOK – Red Hook/Brooklyn vorgestellt in Fotos

Lisa Cutler,  The Hook
A Photographic Journey Through Red Hook, Brooklyn
Texte von Simon Bainbridge, Lisa Cutler
Gestaltet von Benjamin Wolbergs
176 Seiten, 107 Farbabbildungen

Kehrer Verlag Heidelberg 

Englisch, ISBN 978-3-96900-207-0, 55 €

 

 

 

 

 

 

 

I discovered Red Hook by chance, making a wrong turn leaving the

Smith Street subway station in Brooklyn, New York. Over the next two

years, I returned to photograph this urban, gritty wonderland. I found

a postindustrial part of the city where the story is in the quiet details.

 

So Lisa Cutler, deren Fotos in einem neuen Bildband im Kehrer Verlag das Viertel Red Hook in Brooklyn/New York in neuem Licht vorstellen. So fern man "Red Hook" bis dato überhaupt kennt... Falls ja, denkt man wohl zuerst an IKEA, dann vielleicht an den Kreuzfahrtschiffhafen, den Brooklyn Cruise Terminal, wo Luxuskreuzer wie die Queen Mary  anlegen. Das Stadtviertel liegt am westlichen Rand von Brooklyn und wurde so benannt , weil es quasi hakenförmig in die New York Bay hineinragt und auf roter Erde erbaut wurde. 

©Lisa Cutler/Kehrer Verlag

Und zwar – wie man in der interessanten Einleitung von Simon Bainbridge erfährt – von niederländischen Siedlern, 1636, unter dem Namen "Roode Hoek". Das Areal entwickelte sich bis zum späten 19. Jahrhundert zu einem der verkehrsreichsten Industriehäfen der Welt. Während der Unabhängigkeitskriegs, 1775-83,  war es militärisch ein strategisch wichtiger Punkt und in den 1850ern, beim Bau des Erie Canals, bedeutender Getreideumschlagpunkt. Ab den 1920er-Jahren setzte dann der Niedergang ein: Kriminalität und Armut wuchsen. Hier begannen Al Capone und die Gallo Brothers ihre "Karrieren", während der Great Depression in den 1930ern sprach man von "The Bitter Desert" und Henry Miller bezeichnete Red Hook als den "Schlund von New York". Die Handelsrouten hatten sich verlagert und die Industrie war eingebrochen. Der Bau des Gowanus Expressway (Foto oben) in den 1930er-Jahren hatte  Red Hook zudem isoliert, denn die vielspurige Straße auf einer Hochtrasse hatte das Viertel brutal zerschnitten, ganze Häuserblöcke vernichtet  und viele Leute heimatlos gemacht.

 

©Margit Brinke
©Margit Brinke
Ab 2012 – nach dem verheerenden Hurricane Sandy – setzte eine Gentrifizierung ein, die allerdings die alten Einwohner noch mehr an den Rand drängte.  Rings um IKEA (*2008) entstand der Erie Basin Park und eine Fährverbindung nach Manhattan wurde ins Leben gerufen. Dennoch: die hässlichen grauen Wohnblöcke im Hintergrund –  eine der größten Sozialwohnungssiedlungen New Yorks – lassen sich schwer übersehen. 

In den letzten Jahren hat sich die postindustrielle Landschaft von Red Hook dennoch verändert und es wird überall "verschönert" (z.B. mit dem Valentino Pier Park) und gebaut. Red Hook ist zum „work in progress“ geworden. Kreative Leute haben Geschäfte eröffnet, Künstler, Intellektuelle und Aussteiger sind hergezogen, teils in historische Lagerhäuser, teils in die heute begehrten historischen kleinen Reihenhäuser (Foto links oben) entlang und um die Hauptachse des Viertels, die Van Brunt Street. 

©Margit Brinke

©Margit Brinke 
Grandios ist der Ausblick von den Piers, z. B. 44 oder 41, auf Freiheitsstatue (Foto ganz oben), Staten Island, Verrazano Bridge, Manhattans Skyline oder Governors Island jenseits des „Buttermilk Channel“. Auf Pier 44 liegt das Waterfront Museum und in einige der alten Warehouses, wie das Liberty Warehouse an Pier 41 oder das Merchant Stores Building, sind Läden und Kneipen eingezogen, z.B.  Steve’s Authentic Key Lime Pies, die Red Hook Winery (Foto oben, rechts) oder die Strong Rope Brewery. 

 

©Lisa Cutler/Kehrer Verlag

©Lisa Cutler/Kehrer Verlag
Sehr positiv und lebhaft wirken die Fotos der Fotografin Lisa Cutler zunächst nicht, eher künstlerisch durchgestaltet und wohlüberlegt, in sich ruhend, ausdrucksstark. Cutler ist eine renommierte Fotografin, die sich der Landschafts-, Porträt- sowie Straßenfotografie widmet. Ihre Serie Red Hook wurde beim Prix de la Photographie Paris ausgezeichnet, gewann den Julia Margaret Cameron Award für Stadtlandschaften und wurde in Galerien weltweit ausgestellt. Sie entdeckte Red Hook 2017 zufällig, als sie beim Verlassen einer nahe gelegenen U-Bahn-Station falsch abbog. Fasziniert von dem Kontrast kehrte sie in den folgenden zwei Jahren, 2017-2019, immer wieder zurück, um die Gegensätze und die Transformation zu dokumentieren. 
©Lisa Cutler/Kehrer Verlag

Ihre Fotos zeigen Lagerhäuser aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg und Reihenhäuser, die im 19. Jh. für die Hafenarbeiter errichtet worden waren, die einst im riesigen Getreidehafen im Henry Street Basin arbeiteten. Der Red Hook Park, der später hier angelegt wurde, wird auf Cutlers Fotos mit Zaun verschlossen und von der Natur überwachsen gezeigt. Auf den Bildern sieht man ein "no-man’s-land of warehouses" mit von Bauzäunen abgegrenzten Laderampen, leere Parkplätze mit Müll, aufgelassene Piers, geschlossene Rolläden, Industriearchitektur neben neu renovierten Häusern, hier Schmutz, dort Kreativität (unten). Nie aber sind auf den Fotos Personen zu sehen, lediglich "menschliche Relikte", z.B. Stühle oder Tische oder Graffiti. Ihre Fotos arbeiten v.a. mit vertikalen und horizontalen Linien in einer Landschaft, in der es keine hohen Gebäude und kaum Bäume gibt – dafür Tore und Laternenpfähle und Zäune. 

©Lisa Cutler/Kehrer Verlag
Cutlers "The Hook" porträtiert Red Hook an einem Wendepunkt zwischen Vergänglichkeit und Erneuerung. Mit der Kamera erfasste die Fotografin das Viertel 2017-19 mit Klarheit, Präzision und Respekt, und fing  den Charakter eines Ortes ein, der lange übersehen wurde. Und der es  auf alle Fälle Wert ist, beim nächsten New York-Besuch angesteuert zu werden. Speziell auch, um die Veränderungen seit 2019 zu studieren.

©Margit Brinke

©Margit Brinke

 

 

 

 

©Text: MB, Fotos: Kehrer Verlag bzw. Margit Brinke (wie angegeben) 

ES LEBE DIE SCHALLPLATTE! 

TOLLE PLATTENLÄDEN IN NEW YORK 

     

James & Karla Murray, Hattie Lindert

Vinyl NYC

Prestel Verlag (München) Okt. 2025, Englisch, 224 S.

ISBN-13 : ‎ 978-3791393537

 

James und Karla Murray sind seit Langem bekannt für ihre Fotobände, vor allem über New York City, wo sie auch wohnen. Viele davon erschienen im Prestel Verlag, z.B. Store Front NYC oder Great Bars of NYC (s. frühere Besprechungen). Ihr neuestes Buch "Vinyl NYC" befasst sich mit einem "Zeitphänomen", nämlich der Rückkehr von Vinyl (Schallplatten) und entsprechenden Läden in NYC. In den frühen 2000er-Jahren hatten Platten ihre Beliebtheit verloren, viele Läden mussten schließen. Etliche jedoch überlebten und seit einigen Jahren stießen Newcomer dazu. Record Stores fungieren heute wieder als Treffs zum Musik hören und kennenlernen.

 

 Über 30 Plattenläden in allen fünf Boroughs von New York City werden in dem von den Murrays illustrierten und mit Texten von Co-Autorin und Musikjournalistin Hattie Lindert versehenen Buch vorgestellt. Es handelt sich einerseits um alteingesessene Läden, die in ihren jeweiligen Vierteln quasi zum Inventar gehören, andererseits um neu gegründete. Manchmal ist das Ambiente "old fashioned", eng und etwas chaotisch, manchmal schick und eher minimalistisch, modern und luftig. Die Platten sind zum Teil übersichtlich in schönen Regalen, Kisten oder Schubern eingeordnet und Titel leicht auffindbar, in anderen Fällen aber bedarf es erst eines sehr sachkundigen Geschäftsführers um etwas zu finden, so beispielsweise im vollgepackten Village Revival mit Besitzer Jamal Ainasr. Ordnungssysteme bzw. Möblierung unterscheiden sich enorm: schön arrangierten Bäcker- oder Holzkisten, edel geschreinerte Holzregale oder auch nur schlichte Pappkartons, mehrfach genutzt.

 

Einige Stores laden zum "Browsen" (Schauen) ein, andere sind eher geeignet für "Vinyl Freaks" oder "Crate Diggers" auf der Suche nach dem "Black Gold", den lang vergessenen Schätzen. Es gibt die Spezialisten, die sich auf bestimmte Genres konzentriert haben und die "Universalisten". Spannend ist auch zu erfahren, welche angesehenen Musiker oder DJs, Producer oder sonstige Musikgrößen die jeweiligen Shops frequentieren. So werden im Buch z.B. Eli Escobar (Foto links), Shawn Dub, Zoe Wiggins, Large Professor in kleinen Exkursen bei ihrem jeweiligen Lieblings-Store vorgestellt.

 

 


Auf bestimmte Musikgenres spezialisiert sind z.B. die Punk-Rock-Legende Generation Records im Greenwich Village (Foto oben), das Jazz Record Center oder die Casa Amadeo (unten) in der Bronx. Letzteres ist der älteste Shop für Latin Music und wurde als "Casa Harnández" 1941 als erster puertorikanischer Musik Store in NYC gegründet. Inhaber Miguel Angel Amadeo ist selbst Komponist und stellt viele Memorabilien, Gitarren, Poster, Fotos etc. im Laden aus.


 


Reggae Dancehall und Soca Music findet man bei VP Records – auf dem Foto rechts Pat Chin a.k.a. Miss Pat, die Mitbegründerin des Ladens in Jamaica/Queens –, japanische Musik bei Face Records (Williamsburg), Electronic Dance Music bei Manhattan45. Im  gemütlichen "Wohnzimmer" von Billy's Record Salon in East Williamsburg genießt an v.a. die Auswahl an Jazz, Funk und Soul. Hiphop, Soul und Electronic in großer Auswahl bietet der Captured Record Store in Greenpoint (Foto unten). Raritäten findet man bei Human Head Records in Brooklyn. 

Der A-1 Record Shop (unten) ist ein Klassiker, einer der besten für used vinyl (gebrauchte Platten), mit breitem Musikspektrum und beliebt unter DJs, Producern und Sammlern. Vor der Türe stehen Tische mit LPS schon ab $ 2. 

 


 

 

 


Und es gibt die gemütlichen und die funktionalen Shops. Bei Black Star Vinyl in Bed-Stuy kann man z.B. bei Kaffee und Kuchen Musik hören und auch Duft-Kerzen kaufen. Ähnlich vielseitig ist auch Black Gold Records in Carroll Gardens: Kaffee, Antiquitäten, Vintagekleidung gibt’s dort. VP RECORDS in Queens existiert schon seit 1979 und verkauft nicht nur Vinyl, CDs und Kassetten, sondern auch Lifestyle-Artikel wie karibische Kleidung, Bücher oder Poster. RPM Underground im Theater District hat nicht nur Platten im Angebot, sondern betreibt dazu ein Speakeasy mit Karaoke Rooms.

 

Sie haben etwas liebenswert-chaotisches, die engen Schläuche oder winzigen Räume, teils vollgestopft mit Regalen oder Kisten. Moodie Records in Williamsbridge/Bronx gehört zu diesem Typ oder auch Record Runner im West Village und Rebel Rouser in Bushwick. Ebenfalls eng, gediegen schwarz, aber sehr ordentlich mit Listening Stations (wofür der Kauf einer Reward Gift Card nötig ist) präsentiert sich Manhattan 45.

 

Geräumig-luftig wirkt dagegen Second Hand Records in Bushwick und Super Elevation Records in Williamsburg ist schön ordentlich und modern, mit Hörstationen und bequemen Sitzgelegenheiten. Im Industrial Chic, fast minimalistisch, ist hinter schlichter Brownstone-Fassade Blue Sun in Williamsburg eingerichtet. Richtig geschmackvoll: Billy's Record Saloon von 2023 in East Williamsburg oder auch Paradise of Replica in der Lower Eastside, ganz in Hellblau gehalten. Schön ausgestattet mit selbstgebauten Regalen und in bunten Farben ist der Record Shop (rechtes Foto) in Red Hook. Auch Rough Trade im Rockefeller Center gibt sich bunt, mit "Album Art" an Wänden und Boden. Verkauft werden gebrauchte und neue Platten.

 

Die meisten der von den Autoren vorgestellten Plattenstores liegen in Brooklyn (16), gefolgt von Manhattan (12) – alle sind auf einer Karte im Anhang eingetragen. So regt der Band zum Entdecken von Plattenläden ein, jeder davon mit eigener Geschichte und eigenem Charakter. Dazu kommen coole Fassaden, Einrichtungen und Interieurs, alles auf den tollen Fotos der Murrays zu bewundern. Zusätzlich werden im Text Besitzer oder Gründer vorgestellt, dazu lokale DJs, Produzenten und Musiker, die in den Läden regelmäßig auftauchen. Alles in Allem: ein gelungener Bildband und für jeden Vinyl-Fan nicht nur ein Muss, sondern das pure Vergnügen.

 

©MB (Text)

©Prestel Verlag (Fotos) - alle aus dem besprochenen Buch.

 

Das Dirndl - nur Mode oder Kleidungsstück mit Tradition?

Am 19. Oktober ging die Dirndl-Ausstellung „Tradition goes Fashion“ im tim, dem Staatlichen Textil- und Industrieuseum Augsburg, zu Ende, und sie hat viele Besucher angelockt. Was bleibt, ist der kulturwissenschaftliche Begleitband zur Dirndl-Ausstellung, der kurz vor Start des Münchner Oktoberfests erschien:

 

Dirndl – Mode – Geschichte 

Studien zur Historie und Praxis eines wandelbaren Kleids

Michaela Breil, Sophie Buscher und Karl Borromäus Murr (Hrsg.)

ISBN 978-3-9821727-6-7, 24,90 Euro

Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim), Sept. 2025

Erhältlich im Museumsshop des tim, online unter kasse@timbayern.de sowie im Buchhandel

 

Um das Dirndl als höchst beliebter modischer Alleskönner, um seine unglaubliche Anpassungsfähigkeit und um die kulturgeschichtliche Entwicklung, darum geht es in insgesamt 20 Beiträgen von Kulturwissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in dem 148-seitigen, reich bebilderten neuen Buch. Autorinnen und Autoren sind u.a. Sophie Buscher, Kunsthistorikerin, Museumsleiter K.B. Murr und Kuratorin und stellvertretende Museumsleiterin Michaela Breil.

 

 

Zurück zum Oktoberfest und dem "Dirndl-Phänomen": Tatsache ist, dass die Wiesntracht erst seit etwa der Jahrtausendwende zu beobachten ist. Sie ist jedoch mittlerweile zum festen Kleidercode auf Volksfesten geworden. Dirndl oder Lederhose sind heute "Pflicht", alpenländische Färbung bedeutet Zugehörigkeit. Doch wie kam es zu der "Historisierung des Dirndls" und zu der großen Popularität in der Gegenwart?

 

©B.Rampf/tim

"Tradition goes Fashion"

Das Dirndl steht für bayerische Tradition, Geschichte und Handwerkskunst und ist heute ein modisches Statement: "Tradition goes Fashion". Die wechselvolle Entwicklungsgeschichte des Dirndls, seine Ursprünge, politischen Vereinnahmungen und spannenden Neuinterpretationen durch junge Designer/innen sind Themen, mit denen sich die Fachleute in dem Band beschäftigen.

 

©MB
Die Geschichte des Dirndls vom 19. Jh. bis zur Wiesntracht, das Wallach-Dirndl – ein von Gebrüdern jüdischer Herkunft um 1900 in München gegründetes florierendes Unternehmen  –, der Tiroler Look oder die berühmte Trachtenzeichnerin Margarete Hein kommen zur Sprache. Das "Dirndl als Festtagsmode" am Beispiel des Augsburger Plärrers, und einzelne Designer wie Gössl, Lola Paltinger, Noh Nee oder Policarpo sind weitere Themen. Fast schon exotisch erscheinen japanische Kimono-Dirndl und afrikanische Sari-Dirndl, aber auch einige Kooperationen mit modernen Modemachern. Die politische Vereinnahmung des Dirndls, etwa von den Nazis, wird beleuchtet, aber auch die Dirndl, die zu den Olympischen Spielen 1972 von Otl Aicher designt wurden und zum  "Markenbotschafter Bayerns“ wurden.

 

©B.Rampf/tim

Das Dirndl als "erfundene Tradition"

Die Begriffe "Dirndl" und "Tracht" werden heute meist synomym verwendet. Dabei ist das Dirndl eines der wenigen Kleidungsstücke in der Kostümgeschichte, das quasi von unten in höhere Gesellschaftsschichten aufgestiegen und daher ein demokratisches Gewand ist. Entgegen landläufiger Meinung, handelt es sich beim Dirndl jedoch um keine "alte", lang hergeleitete Tradition, sondern vielmehr um eine "erfundene Tradition". Im Biedermeier soll ein "ländliches Kleid", ein Sommerkleid des „Sommerfrische“-Publikums, den Höhenflug des Dirndls eingeleitet haben. Auf einem Gemälde von W. Kandinsky, wird seine Partnerin Gabriele Münter 1909 dann in Frauentracht gezeigt. Im Laufe des 20. Jh. wurden Dirndl und Lederhosen dann enger mit Bayern verknüpft, verstärkt durch eben jene hellblauen Münchner Olympiade-Dirndl 1972. 

 


©C.Jorda/tim
Anfang der 2000er-Jahre verursachten die Medien einen Hype und Stars wie Regina Sixt (Damenwiesn), Paris Hilton oder Kim Kardashian zeigten sich plötzlich im Dirndl auf der Wiesn. Seither ist Dirndl zum "Lebensgefühl“ geworden, zum Bindeglied von Tradition und Moderne, Vergangenheit und Gegenwart, Land und Stadt. Es hat jedoch nichts mit den alten historischen Trachten, die sich je nach Landstrich unterscheiden, zu tun, sondern ist ein relativ modernes Statement.

 

Fest steht, jede Frau, die ein Dirndl im Schrank hängen hat, sollte sich dieses Buch anschaffen und studieren wie es um den "alten Mythos" steht. Für alle Anderen ist der Band ebenfalls höchst informativ und eine Bereicherung im Bücherregal.

 

> Infos: www.timbayern.de 

 

Text ©MB

Fotos ©tim/MB

 

 

Brooklyns Dean Street - eine Gesellschaftsstudie von Jonathan Lethem

 

Jonathan Lethem

Der Fall Brooklyn

Roman Hardcover, 26,00 €

Aus dem Amerikanischen von: Thomas Gunkel

1. Auflage 2025, 448 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

ISBN: 978-3-608-50244-2

Klett-Cotta-Verlag Stuttgart

 

 

Es geht um die Dean Street in Brooklyn, die sich knapp 5 Meilen lang vom Viertel Brooklyn Heights nahe der Waterfront (East River) im Westen bis Broadway Junction im Osten, hinzieht. Genauer gesagt, in dem Roman geht es um den Abschnitt in Boerum Hill, begrenzt durch die Schermerhorn Street im Norden, die 4th Ave. im Osten, Smith und Court St. im Westen und mit Warren oder Wyckoff Street als Südgrenze. Das sehr feine "Brooklyn Heights" liegt im Nordwesten, im Süden erstreckt sich hingegen Gowanus, und hier grenzen die massiven Wohnblöcke der Ärmeren, die "Projects" oder Sozialwohnsiedlungen, an. Im Norden der Smith Street siedelte einst die Mohawk Indian Community aus Quebec/Kanada, jene schwindelfreien Arbeiter, die beim Wolkenkratzerbau arbeiteten. Auch auf sie kommt Letham zu sprechen.

 

Im Kern des Viertels überwiegen dreigeschossige Reihenhäuser, die zwischen 1840 und 1870 entstanden sind. "Hill" ist übertrieben: Das Areal ist eher flach und auch der Name eher willkürzlich gewählt: Er leitet sich von Henry Boerum, einem Holländer aus Long Island, ab. Noch bis um die Wende zum 21. Jh. war das Areal großteils von Arbeitern und Mittelklasse-Familien, v.a. Afroamerikanern und Puertorikanern, besiedelt. Dann schlug die Gentrifizierung zu und veränderte das Neighborhood komplett, machte es zu einem "upper-class"-Viertel. Der Begriff Gentrifizierung, um den es im Buch immer wieder geht, beschreibt, wie Banken und Immobilienmakler ein Viertel zu Veränderungen zwingen – Veränderungen, die die Bewohner hoffen, im Griff zu haben.

 


Die "Brownstoner", die im Viertel leben stammen nach Worten Lethams "...aus Idaho, Manhattan, Pittsburg, Frankreich. Von überall außer Brooklyn. Sie haben keine Ahnung, wo sie gelandet sind.... Da sind Doktoranden, radikale Organisatoren, Quäker, da sind Maler und Schriftsteller, jüngere Schwule, die aus Brooklyn Heights herüberschwappen... Sie bilden Bündnisse und Gegenbündnisse... pflanzen viele Bäume.... Jeder Einzele von ihnen hat schon mal Pot geraucht... ".

 

Mehr als nur eine Straße

Für Autor Jonathan Letham ist die Dean Street in Brooklyn jedoch mehr als nur eine Straße. Er wuchs hier auf und stellte seine eigenen Beobachtungen an. Hier treffen reiche, verwöhnte Kids auf Jungs aus der "Hood", hier gibt es große Verbrechen und kleine Gaunereien, teils am hellichten Tag. Geld und Macht, Gewalt und Raffinesse, rivalisierende Gangs, die sich streiten, wer in der Straße Hockey spielen oder skaten darf, treffen hier aufeinander.


Jonathan Lethem erzählt die wechselvolle Geschichte einer der heute hippsten Straßen New Yorks. Er springt in den einzelnen Kapiteln in verschiedene Zeiten, beobachtet die Geschehnisse, Kleinkriminalität, Rassismus, Gentrifizierung aber auch die "normale Welt". Seine Figuren haben keine reellen Namen, sie bleiben anonym und tragen nur Spitznamen. Es gibt die "Schreierin" oder den "Schlüpfer", den "Kotelettenmann"  oder – benannt nach einer (noch existierenden) Bar – den "Brazen-Head-Schwätzer". Ins Deutsche übersetzt, klingen die Namen manchmal etwas künstlich, während es im Englischen z.B. mit "Mr. Clean", "The Wheazer" oder "The Screamer" besser passt.

 

Wichtig ist Letham die Interaktion, die Art und Weise, wie Menschen einander wahrnehmen, sich in einem bestimmten Umkreis verhalten. In welche Kategorien ordnen sie sich ein: nach Hautfarbe, Beruf, Alter, Verhalten... Und, es geht immer wieder um Gentrifizierung, um den Alltag in der Grenzzone zwischen Reich und Arm, um unsichtbare Gesetze und Strukturen.

 

Großer Literat aus Brooklyn

Jonathan Lethem wurde 1964 in New York geboren und ist Autor zahlreicher Romane, darunter die Brooklyn-Romane "Motherless Brooklyn" und "Die Festung der Einsamkeit". Letzteres ist eine traditionelle Coming-of-Age Geschichte. Darin geht es um ein Kind,  das schaut, lernt und Erfahrungen aufnimmt, versucht, sie einzuordnen und zu verstehen. Im "Fall Brooklyn" wird der Blickwinkel nun vergrößert.

 

Das hier vorgestellte Buch liest sich zunächst etwas ungewohnt: Die Kapitel sind durchnummeriert, die Überschriften wirken oft mal seltsam, z.B. "43. Der Fall Boerum (im Stil des 21. Jahrhunderts)", darunter steht jeweils der betrachtete Zeitpunkt oder -raum. Der ganze Roman erinnert ein wenig an ein Filmdrehbuch. Allerdings ein sehr interessantes, zumindest für alle die an Brooklyn, die Dean Street und, vor allem, an Gesellschaftsstudien interessiert sind.

 

Für sein Werk erhielt Letham zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den "National Book Critics Award", "Gold Dagger" und "MacArthur Fellowship". Lethem lehrt am Pomona College in Südkalifornien Creative Writing und lebt mit Familie in Kalifornien.
• Mehr Infos unter: www.jonathanlethem.com

Hängende Dächer und Formen aus der Natur

Frei Otto. Bauen mit der Natur

Hardcover, Pappband, 256 Seiten, 24,0x28,7cm

Prestel Verlag München, 2025

ISBN: 978-3-7913-7749-0

59 €

 

Um es gleich vorwegzunehmen: Dies ist ein Buch für Architekturfans und für Spezialisten, keine leichte Lektüre zum Blättern auf dem Sofa. Anlässlich des 100. Geburtstags am 31. Mai 2025 im Prestel Verlag München erschienen (Hrsg. Anna-Maria Meister und Joaquín Medina Warmburg), geht es um Leben, Werk und Wirkung eines der bedeutendsten und einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, Frei (Vorname) Otto (Nachname).

 

Ottos visionäre Arbeiten wie auch seine Vorstellungen und Ideen, Philosophien und Hintergründe werden in dieser Publikation in ganzer Bandbreite vorgestellt. Naturbegriff, Naturbilder und Naturprinzipien, die ihn beeinflussten und seine Entwürfe und Bauten prägten, stehen im Vordergrund. Ottos bahnbrechende Pionierleistungen auf heute aktuellen Gebieten wie umweltbewusstes Bauen, Bauen mit der Natur oder Bionik, werden an prägnanten Beispielen demonstriert. Sein oberstes Ziel war es, mit minimalem Einsatz von Material, Fläche und Energie lebenswerte, menschliche Räume zu schaffen und Impulse für ökologisches, humanes Bauen zu geben. Sein ganzheitliches Naturverständnis und seine Neuinterpretation des Verhältnisses von Natur, Technik und Kultur sind der rote Faden des Buches.

 


 

„Das hängende Dach“

1925 in Siegmar/Sachsen geboren, hat Otto den ungewöhnlichen Vornamen seiner Mutter und deren liberaler Gesinnung zu verdanken. Sie war, wie der Vater, Mitglied im Deutschen Werkbund. Vater und Großvater waren Bildhauer, der Sohn studierte nach Wehrdienst und französischer Kriegsgefangenschaft an der TU Berlin Architektur, dann Soziologie und Städtebau an der University of Virginia. In den USA begegnete er auch erstmals Architekturgenies wie F.L. Wright, Eero Saarinen, Mies van der Rohe oder Richard Neutra. 

 

1952 eröffnete Otto in Berlin-Zehlendorf ein eigenes Architekturbüro. Stark beeindruckt hatte ihn ein Modell der Dorton Arena in Raleigh/NC, das erste große Bauwerk mit sattelförmig geschwungenen Dach und aufgehängtem Seilnetz. Er schrieb über diese neue Bautechnik, „Das hängende Dach“, seine Doktorarbeit. Zahlreiche Preise und Ehrungen, posthum nach seinem Tod 2015 auch der Pritzker-Architekturpreis, waren Anerkennung für seine Leistungen.

 


Otto gilt als Pionier ökologischer Architektur und als Wegbereiter einer „menschlichen Architektur“. Er nahm seine Vorbilder aus der Natur. Vor allem wurde er jedoch als Schöpfer genial leichter, zeltartiger Konstruktionen bekannt, sogenannter leichter Flächentragwerke. Sein Herz schlug für den Leichtbau mit Seilnetzen und Gitterschalen. Zudem war er ein Vertreter der organischen Architektur und stellte sich damit in eine Reihe mit Richard Buckminster Fuller oder Santiago Calatrava.

 


Der Deutsche Pavillon der Expo in Montreal 1967 oder das Dach des 1972 eröffneten Olympiastadions in München (Foto unten), in Zusammenarbeit mit Günter Behnisch, sind Beispiele seines Schaffens. Wandelbare Schirme für die Konzerttournee von Pink Floyd 1977 in den USA (Foto oben) und 1990 die Ökohäuser in Berlin (ganz unten) sind andere bekannte Werke des Architekten. Frei Otto war Berater für das Projekt Stuttgart 21, er war für die „Lichtaugen“ – tropfenförmige Oberlichtöffnungen („Kelchstützen“) auf den Bahnsteigen – zuständig. Dabei fungierte Otto meist nur als „Ideengeber“ – die meisten Gebäude entstanden in Kooperation mit anderen Architekten.

 

©WikimediaCommons

 

Natur, Technik und Gesellschaft

Das Buch zum 100. Geburtstag und zum 10. Todestag soll den Architekten, Konstrukteur und Forscher würdigen.  Dies geschieht in einer Reihe von neun Essays zu drei Themenbereichen: Natur, Technik und Gesellschaft. Diesen voraus gehen ein Fototeil und ein Vorwort.

 

Der erste Bereich heißt „NATUR – Biologie, Ökologie, Klima“ und es geht um Ottos Entwicklungsstätte für den Leichtbau in Berlin 1959, um Projekte wie die Evangelische Kirche in Berlin-Zehlendorf 1959-63, sein eigenes Haus und Atelier in Warmbronn 1966-71. Die Natur als Baumeister, Klimahüllen und neue Luftarchitektur sindweitere Themen, die angesprochen werden.

 

„TECHNIK - Konstruktionen, Methoden, Formen“ befasst sich mit den „großen“ Otto-Bauten, dem deutschen Pavillon auf der Expo 67 in Montreal, den Münchner Olympischen Sportstätten 1968-72 oder der Multihalle in Mannheim (1975). Ottos leichte Konstruktionen und Dächer, die Art und Weise, wie er den Weg zum Leichtbau mit Zelten und Membranen ebnete, werden näher beleuchtet. Während einer Gastprofessur in St. Louis/USA hatte Otto 1958 Richard Buckminster Fuller kennengelernt, einen Protagonist des Leichtbaus. Mit diesem einte ihn die Absicht, mit geringstem Material- und Energieaufwand maximale Effizienz zu erzielen. Otto war besessen von Modellen und Modellstatik und das auch noch nachdem in den 1970ern digitale und rechnerische Methoden aufkamen. Der philosophische Ansatz Ottos und die Kluft zwischen Natürlichem und Künstlichem kommen in einem anderen interessanten Essay zur Sprache.

 

Das dritte große Kapitel lautet „GESELLSCHAFT– Ethik, Partizipation, Netzwerke“. Wissenschaftler beschäftigen sich hier zum Beispiel mit seiner Projektstudie „Stadt in der Arktis“ von 1971 und mit seinen  Ökohäusern in Berlin, die 1980-91 entstanden (Foto unten) und bemerkenswerte Lebensqualität boten. Die Überwindung gesellschaftlicher und ökologischer Grenzen zeigen die beiden realisierten Entwürfe am Tiergarten und am Askanischen Platz. Andere Themen sind die Materialexperimente von Frei Otto und seine Architekturlehre. Otto als Pädagoge – er hielt verschiedene Lehraufträge an amerikanischen Universitäten inne – kommt ebenfalls zur Sprache.

 

Den Abschluss des Buches bilden eine Biografie, eine Vorstellung der am Band mitwirkenden Autorinnen und Autoren und ein Abbildungsverzeichnis. Man lernt viel bei der Lektüre dieses Prestel-Bandes, muss allerdings auch bereit sein, sich in ein nicht ganz einfaches Thema zu vertiefen.

 

Text ©MB

Fotos ©PrestelVerlag / WikimediaCommons