Ein Stück Kultur: New Yorks Straßenverkäufer



Joel Holland, David Dodge

NYC Street Vendors. Food Trucks, Coffee Carts, Market Stalls, and More

Vorwort: Jaeki Cho

Hardcover, 176 Seiten, 220 Bilder

ISBN: 978-3-7913-9372-8

März 2026, 30 Euro, Engl.

 

New Yorks vielseitige Streetfood-Szene

Joel Holland (Foto unten rechts) ist ein international anerkannter Illustrator. Er lebt in New York City, seine Arbeiten wurden schon weltweit ausgestellt und z.B. in The New York Times, The New Yorker oder im New York Magazine publiziert. Zusammen mit David Dodge – New Yorker Journalist, der u.a. für die NY Times arbeitet – wurde nach dem bereits früher hier besprochene Buch "NYC Storefronts" der vorliegende Band kürzlich im Prestel-Verlag München publiziert.

 

Die Zeichnungen von Holland sind - wie gewohnt - treffend und witzig, auf dem Punkt und machen Spass. Gezeigt werden in über 150 Bildern Verkaufsbuden aller Art – Verkaufswägelchen (pushcarts), Foodtrucks, Pop-ups, Messerschärfer und mobile Bookstores. Dazu geht es um Märkte wie den Union Square Greenmarket, um Night Markets oder den "Gourmetmarkt" Smorgasburg. Dodges Texte beschreiben, was angeboten wird, wer der Besitzer ist, was dahintersteckt, beleuchtet die Geschichte und die Hintergründe.

 

Jaeki Cho (vom SM-Kanal "Righteous Eats") befasst sich im Vorwort mit dem Thema Streetfood in NYC allgemein. Wo kommt es her, was ist es: deutsche Hot Dogs, jüdische Knishes, italienische Eiscreme, südamerikanische oder mexikanische Schnellgerichte. Der Straßenverkauf ist ein Überlebenstest, Ort und Konzept müssen stimmen, das Wetter darf keine Rolle spielen und ein gewisser Mut ist nötig, denn ein Sicherheitsnetz gibt es nicht immer. Die Bürokratie ist oft überwältigend, die Zahl der Stände limitiert, der Graubereich groß. Lizenzen werden unter der Hand verkauft, Bestrafungen und Schließungen stehen an der Tagesordnung.

 

Dennoch sind die Straßenstände bis heute ein wichtiger Teil der Wirtschaft und der Kultur in New York City. Aufgeblüht war das Business im 19./20. Jahrhundert mit dem Zustrom von Immigranten aus aller Welt. Heute soll es rund 23.000 Straßenverkäufer in NYC geben, davon über 90 % Einwanderer aus mehr als 60 verschiedenen Ländern!

 

Buntes Kaleidoskop

Bei der Auswahl und Anordnung im Buch kommt man dann allerdings etwas ins Stolpern, aber vielleicht ist ja gerade - wie bei den Zeichnungen - diese "Buntheit" beabsichtigt? Es geht um Persönlichkeiten wie Militärveteranen oder besonders mutige Unternehmer/innen, es kommen die Klassiker vor wie Mister Softee, der King of Falafel & Shawarma, der Dosa Man, und dazu ein breites Spektrum an Küchen: Tamales, afghanische Kost bei Nansense, Birria-Landia, Jamrock Jerk u.v.a. Es geht um Märkte, aber auch um Zeitungsstände (die es mittlerweile kaum mehr gibt) und nicht zuletzt um Dienstleister wie Messerschleifer, Reparaturdienstleister oder mobile Barbiere und Poeten-auf-Abruf.

 

 Einerseits werden kulinarische Gruppen und ihre Vertreter vorgestellt, zum Beispiel die Hot Dog Vendors ("erfunden" von dem polnischen Immigranten Nathan Handwerker) und u.a. perfektioniert von Dominick's. Oder aber die Churros-Ladies, die vor allem in Subway-Stationen, vielfach illegal, leckeres Gebäck verkaufen. Obststände wie jene entlang dem Broadway bieten frischeste Ware zu günstigen Preisen an. Coffee Carts sind vor allem griechischen Zuwanderern der frühen 1900ern zu verdanken. Viele der Buden befinden sich noch heute in griechischem Besitz, wie man leicht an den blau-weißen Pappbechern mit Mäandermuster und der Aufschrift "We are happy to serve you" erkennen kann. Im Laufe der Zeit sind  Gourmet-Kaffeestände wie "Mud Truck" oder die "Espresso Guys" dazugekommen. 

 

Halal Food Vendors sind meist Einwanderer aus Ägypten, Bangladesh, Pakistan. Sie boten ursprünglich nur das nach moslemischen Essensvorschriften zubereitete Essen an. Bekannt wurden z.B. The Halal Guys, ägyptische Immigranten, die seit 1990 im Geschäft sind. Soft Pretzels – quasi bayerische Brezen – sind natürlich Sache der deutschen Immigranten, sie werden in den USA aber gerne mit Senf gegessen. Ein bekannter Brezen-Bäcker heißt "Sigmund's Pretzels".



 

 

Ein andes "Genre" sind die Märkte, die verschiedene Verkaufsstände an einem Ort vereinen. Musterbeispiel ist der Union Square Greenmarket (links), der 1976 durch GrowNYC ins Leben gerufen wurde und direkt von lokalen Farmern und Bäckern bestückt und von Küchenchefs geschätzt wird. Verkäufer wie Lani's Farm aus New Jersey, Springs Fireplace (Pepper & Salsa), Andrew's Honey (Foto unten) oder die Mushroom Queens (Foto unten) gehören dazu. 

 


 

 

 

 

 

Brooklyn Flea, Chelsea Flea oder der Queens Night Market sind saisonale (Floh-)Märkte. Letzterer lockt an Samstagabenden von April-Oktober rund 20.000 Besucher zu den rund 100 Ständen, darunter Treat Yourself Jerk, Art Cotton Candy oder Nansense (afghanisch). Auch Smorgasburg kann als Gourmet-Food-Market mit exquisiten Imbissstationen wie  Mao's Bao (Chinese Buns) oder Red Hook Lobster Pound aufwarten.

 

 Althergebrachtes und Brandneues




Schließlich geht es im Buch um einzelne Ikonen, Newcomer und Traditionsstände, die teils von besonderen Charakteren geführt werden, wie NY Dosas mit dem "Dosa Man" aus Sri Lanka. Er hatte in der Green Card Lottery gewonnen, kam in die USA und eröffnete im Greenwich Village einen Essensstand mit (vegetarischer) südindischer Küche. Freddy Zeideia serviert als "King of Falafel & Shawarma" authentisch palästinische Küche, und das seit 2002! Auch der Veteran Dani Rossi ist mit seinem Stand "New York Hot Dog King" vor dem Metropolitan Museum seit 2007 legendär geworden.

 


Neuere Erfolgsgeschichten sind Birria-Landia (mexikanisch, Foto links) oder Jamrock Jerk (oben), der als erster Wagen in NY ganz legal mit Grill und Räucherofen ausgestattet war. El Rey del Taco, Calexico, Latino Bites, Evelia's Tamales oder die Arepa Lady und Stan's Taco Bike bedienen den latein- und südamerikanischen Geschmack. Auch die Piragua Carts mit "Shaved Ice" sind meist in puertorikanischer Hand. 

 

Uncle Gussy's (seit 1971) oder die Souvlaki Lady servieren Griechisches, Banh Mi Cart vietnamesische Kost und Gourmet-Foodtrucks wie D'Angelo's Sausages begeistern jüngere Generationen. Deftig wird es bei Mo's Famous Burgers, Father & Son's Kitchen & BBQ oder Steak Freak. Schon allein äußerlich auffällig ist der Hip Hop Food Truck in der Bronx. Nachtisch gefällig? Nuts4Nuts (geröstete Nüsse) - heute auch online und in allen 50 US-Staaten erhätlich – oder Vinny's Nut House bzw. Steve's Authentic Key Lime Pie sind ideal dafür.


Es geht in dem Band aber auch um Dienstleister wie Messerschleifer oder mobile Barbiere – wie Harlem's First Mobile Barber Linwood Dillard, der nach Mieterhöhung nun einen Ford E-350 Bus nutzt. Dazu gehört auch "Shoeshine", jene legendäre Schuhputzer wie sie  v.a. an Subwaystationen oder vor Bürogebäuden seit Mt. 20. Jh. zu finden sind. 

 

Abgesehen von dem NY Public Library Bookmobile (der "library on wheels") existieren fahrende Buchverkäufer wie Charles Mysak, Common Books oder das Nonbinarian Book Bike (unten). Eine mobile  Änderungsschneiderei, ein Telefon-Reparaturservice und schließlich Künstler wie der Park Poet, der Gedichte auf der Straße nach Wunsch schreibt oder Oriel Ceballos mit seinen Cartoons. Ob Straßenkünstler wie die TS Performers oder Prediger ebenfalls in die Kategorie "Street Vendors" fallen, ist dagegen fragwürdig.

 


Dieses Buch kann kein vollständiges, systematisches Nachschlagewerk sein, sondern es ist eher unterhaltsamer Lesestoff. Man sollte den Notizblock daneben liegen haben, um sich für den nächsten NY-Besuch Notizen zu machen. Und am Buchende im Kapitel "Index and Vendor Information" nachsehen, wo sich Webseiten und Insta-Accounts finden. Damit kann man sich dann informieren, wo genau und wann man einen bestimmten Verkaufsstand finden kann.

 

 

©Text: Margit Brinke

©Fotos: Zeichnungen ©Joel Holland, 2026, Foto JH: ©Maxwell Schiano, Buchcover ©Prestel Verlag München, alle anderen: ©Margit Brinke


THE HOOK – Red Hook/Brooklyn vorgestellt in Fotos

Lisa Cutler,  The Hook
A Photographic Journey Through Red Hook, Brooklyn
Texte von Simon Bainbridge, Lisa Cutler
Gestaltet von Benjamin Wolbergs
176 Seiten, 107 Farbabbildungen

Kehrer Verlag Heidelberg 

Englisch, ISBN 978-3-96900-207-0, 55 €

 

 

 

 

 

 

 

I discovered Red Hook by chance, making a wrong turn leaving the

Smith Street subway station in Brooklyn, New York. Over the next two

years, I returned to photograph this urban, gritty wonderland. I found

a postindustrial part of the city where the story is in the quiet details.

 

So Lisa Cutler, deren Fotos in einem neuen Bildband im Kehrer Verlag das Viertel Red Hook in Brooklyn/New York in neuem Licht vorstellen. So fern man "Red Hook" bis dato überhaupt kennt... Falls ja, denkt man wohl zuerst an IKEA, dann vielleicht an den Kreuzfahrtschiffhafen, den Brooklyn Cruise Terminal, wo Luxuskreuzer wie die Queen Mary  anlegen. Das Stadtviertel liegt am westlichen Rand von Brooklyn und wurde so benannt , weil es quasi hakenförmig in die New York Bay hineinragt und auf roter Erde erbaut wurde. 

©Lisa Cutler/Kehrer Verlag

Und zwar – wie man in der interessanten Einleitung von Simon Bainbridge erfährt – von niederländischen Siedlern, 1636, unter dem Namen "Roode Hoek". Das Areal entwickelte sich bis zum späten 19. Jahrhundert zu einem der verkehrsreichsten Industriehäfen der Welt. Während der Unabhängigkeitskriegs, 1775-83,  war es militärisch ein strategisch wichtiger Punkt und in den 1850ern, beim Bau des Erie Canals, bedeutender Getreideumschlagpunkt. Ab den 1920er-Jahren setzte dann der Niedergang ein: Kriminalität und Armut wuchsen. Hier begannen Al Capone und die Gallo Brothers ihre "Karrieren", während der Great Depression in den 1930ern sprach man von "The Bitter Desert" und Henry Miller bezeichnete Red Hook als den "Schlund von New York". Die Handelsrouten hatten sich verlagert und die Industrie war eingebrochen. Der Bau des Gowanus Expressway (Foto oben) in den 1930er-Jahren hatte  Red Hook zudem isoliert, denn die vielspurige Straße auf einer Hochtrasse hatte das Viertel brutal zerschnitten, ganze Häuserblöcke vernichtet  und viele Leute heimatlos gemacht.

 

©Margit Brinke
©Margit Brinke
Ab 2012 – nach dem verheerenden Hurricane Sandy – setzte eine Gentrifizierung ein, die allerdings die alten Einwohner noch mehr an den Rand drängte.  Rings um IKEA (*2008) entstand der Erie Basin Park und eine Fährverbindung nach Manhattan wurde ins Leben gerufen. Dennoch: die hässlichen grauen Wohnblöcke im Hintergrund –  eine der größten Sozialwohnungssiedlungen New Yorks – lassen sich schwer übersehen. 

In den letzten Jahren hat sich die postindustrielle Landschaft von Red Hook dennoch verändert und es wird überall "verschönert" (z.B. mit dem Valentino Pier Park) und gebaut. Red Hook ist zum „work in progress“ geworden. Kreative Leute haben Geschäfte eröffnet, Künstler, Intellektuelle und Aussteiger sind hergezogen, teils in historische Lagerhäuser, teils in die heute begehrten historischen kleinen Reihenhäuser (Foto links oben) entlang und um die Hauptachse des Viertels, die Van Brunt Street. 

©Margit Brinke

©Margit Brinke 
Grandios ist der Ausblick von den Piers, z. B. 44 oder 41, auf Freiheitsstatue (Foto ganz oben), Staten Island, Verrazano Bridge, Manhattans Skyline oder Governors Island jenseits des „Buttermilk Channel“. Auf Pier 44 liegt das Waterfront Museum und in einige der alten Warehouses, wie das Liberty Warehouse an Pier 41 oder das Merchant Stores Building, sind Läden und Kneipen eingezogen, z.B.  Steve’s Authentic Key Lime Pies, die Red Hook Winery (Foto oben, rechts) oder die Strong Rope Brewery. 

 

©Lisa Cutler/Kehrer Verlag

©Lisa Cutler/Kehrer Verlag
Sehr positiv und lebhaft wirken die Fotos der Fotografin Lisa Cutler zunächst nicht, eher künstlerisch durchgestaltet und wohlüberlegt, in sich ruhend, ausdrucksstark. Cutler ist eine renommierte Fotografin, die sich der Landschafts-, Porträt- sowie Straßenfotografie widmet. Ihre Serie Red Hook wurde beim Prix de la Photographie Paris ausgezeichnet, gewann den Julia Margaret Cameron Award für Stadtlandschaften und wurde in Galerien weltweit ausgestellt. Sie entdeckte Red Hook 2017 zufällig, als sie beim Verlassen einer nahe gelegenen U-Bahn-Station falsch abbog. Fasziniert von dem Kontrast kehrte sie in den folgenden zwei Jahren, 2017-2019, immer wieder zurück, um die Gegensätze und die Transformation zu dokumentieren. 
©Lisa Cutler/Kehrer Verlag

Ihre Fotos zeigen Lagerhäuser aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg und Reihenhäuser, die im 19. Jh. für die Hafenarbeiter errichtet worden waren, die einst im riesigen Getreidehafen im Henry Street Basin arbeiteten. Der Red Hook Park, der später hier angelegt wurde, wird auf Cutlers Fotos mit Zaun verschlossen und von der Natur überwachsen gezeigt. Auf den Bildern sieht man ein "no-man’s-land of warehouses" mit von Bauzäunen abgegrenzten Laderampen, leere Parkplätze mit Müll, aufgelassene Piers, geschlossene Rolläden, Industriearchitektur neben neu renovierten Häusern, hier Schmutz, dort Kreativität (unten). Nie aber sind auf den Fotos Personen zu sehen, lediglich "menschliche Relikte", z.B. Stühle oder Tische oder Graffiti. Ihre Fotos arbeiten v.a. mit vertikalen und horizontalen Linien in einer Landschaft, in der es keine hohen Gebäude und kaum Bäume gibt – dafür Tore und Laternenpfähle und Zäune. 

©Lisa Cutler/Kehrer Verlag
Cutlers "The Hook" porträtiert Red Hook an einem Wendepunkt zwischen Vergänglichkeit und Erneuerung. Mit der Kamera erfasste die Fotografin das Viertel 2017-19 mit Klarheit, Präzision und Respekt, und fing  den Charakter eines Ortes ein, der lange übersehen wurde. Und der es  auf alle Fälle Wert ist, beim nächsten New York-Besuch angesteuert zu werden. Speziell auch, um die Veränderungen seit 2019 zu studieren.

©Margit Brinke

©Margit Brinke

 

 

 

 

©Text: MB, Fotos: Kehrer Verlag bzw. Margit Brinke (wie angegeben) 

ES LEBE DIE SCHALLPLATTE! 

TOLLE PLATTENLÄDEN IN NEW YORK 

     

James & Karla Murray, Hattie Lindert

Vinyl NYC

Prestel Verlag (München) Okt. 2025, Englisch, 224 S.

ISBN-13 : ‎ 978-3791393537

 

James und Karla Murray sind seit Langem bekannt für ihre Fotobände, vor allem über New York City, wo sie auch wohnen. Viele davon erschienen im Prestel Verlag, z.B. Store Front NYC oder Great Bars of NYC (s. frühere Besprechungen). Ihr neuestes Buch "Vinyl NYC" befasst sich mit einem "Zeitphänomen", nämlich der Rückkehr von Vinyl (Schallplatten) und entsprechenden Läden in NYC. In den frühen 2000er-Jahren hatten Platten ihre Beliebtheit verloren, viele Läden mussten schließen. Etliche jedoch überlebten und seit einigen Jahren stießen Newcomer dazu. Record Stores fungieren heute wieder als Treffs zum Musik hören und kennenlernen.

 

 Über 30 Plattenläden in allen fünf Boroughs von New York City werden in dem von den Murrays illustrierten und mit Texten von Co-Autorin und Musikjournalistin Hattie Lindert versehenen Buch vorgestellt. Es handelt sich einerseits um alteingesessene Läden, die in ihren jeweiligen Vierteln quasi zum Inventar gehören, andererseits um neu gegründete. Manchmal ist das Ambiente "old fashioned", eng und etwas chaotisch, manchmal schick und eher minimalistisch, modern und luftig. Die Platten sind zum Teil übersichtlich in schönen Regalen, Kisten oder Schubern eingeordnet und Titel leicht auffindbar, in anderen Fällen aber bedarf es erst eines sehr sachkundigen Geschäftsführers um etwas zu finden, so beispielsweise im vollgepackten Village Revival mit Besitzer Jamal Ainasr. Ordnungssysteme bzw. Möblierung unterscheiden sich enorm: schön arrangierten Bäcker- oder Holzkisten, edel geschreinerte Holzregale oder auch nur schlichte Pappkartons, mehrfach genutzt.

 

Einige Stores laden zum "Browsen" (Schauen) ein, andere sind eher geeignet für "Vinyl Freaks" oder "Crate Diggers" auf der Suche nach dem "Black Gold", den lang vergessenen Schätzen. Es gibt die Spezialisten, die sich auf bestimmte Genres konzentriert haben und die "Universalisten". Spannend ist auch zu erfahren, welche angesehenen Musiker oder DJs, Producer oder sonstige Musikgrößen die jeweiligen Shops frequentieren. So werden im Buch z.B. Eli Escobar (Foto links), Shawn Dub, Zoe Wiggins, Large Professor in kleinen Exkursen bei ihrem jeweiligen Lieblings-Store vorgestellt.

 

 


Auf bestimmte Musikgenres spezialisiert sind z.B. die Punk-Rock-Legende Generation Records im Greenwich Village (Foto oben), das Jazz Record Center oder die Casa Amadeo (unten) in der Bronx. Letzteres ist der älteste Shop für Latin Music und wurde als "Casa Harnández" 1941 als erster puertorikanischer Musik Store in NYC gegründet. Inhaber Miguel Angel Amadeo ist selbst Komponist und stellt viele Memorabilien, Gitarren, Poster, Fotos etc. im Laden aus.


 


Reggae Dancehall und Soca Music findet man bei VP Records – auf dem Foto rechts Pat Chin a.k.a. Miss Pat, die Mitbegründerin des Ladens in Jamaica/Queens –, japanische Musik bei Face Records (Williamsburg), Electronic Dance Music bei Manhattan45. Im  gemütlichen "Wohnzimmer" von Billy's Record Salon in East Williamsburg genießt an v.a. die Auswahl an Jazz, Funk und Soul. Hiphop, Soul und Electronic in großer Auswahl bietet der Captured Record Store in Greenpoint (Foto unten). Raritäten findet man bei Human Head Records in Brooklyn. 

Der A-1 Record Shop (unten) ist ein Klassiker, einer der besten für used vinyl (gebrauchte Platten), mit breitem Musikspektrum und beliebt unter DJs, Producern und Sammlern. Vor der Türe stehen Tische mit LPS schon ab $ 2. 

 


 

 

 


Und es gibt die gemütlichen und die funktionalen Shops. Bei Black Star Vinyl in Bed-Stuy kann man z.B. bei Kaffee und Kuchen Musik hören und auch Duft-Kerzen kaufen. Ähnlich vielseitig ist auch Black Gold Records in Carroll Gardens: Kaffee, Antiquitäten, Vintagekleidung gibt’s dort. VP RECORDS in Queens existiert schon seit 1979 und verkauft nicht nur Vinyl, CDs und Kassetten, sondern auch Lifestyle-Artikel wie karibische Kleidung, Bücher oder Poster. RPM Underground im Theater District hat nicht nur Platten im Angebot, sondern betreibt dazu ein Speakeasy mit Karaoke Rooms.

 

Sie haben etwas liebenswert-chaotisches, die engen Schläuche oder winzigen Räume, teils vollgestopft mit Regalen oder Kisten. Moodie Records in Williamsbridge/Bronx gehört zu diesem Typ oder auch Record Runner im West Village und Rebel Rouser in Bushwick. Ebenfalls eng, gediegen schwarz, aber sehr ordentlich mit Listening Stations (wofür der Kauf einer Reward Gift Card nötig ist) präsentiert sich Manhattan 45.

 

Geräumig-luftig wirkt dagegen Second Hand Records in Bushwick und Super Elevation Records in Williamsburg ist schön ordentlich und modern, mit Hörstationen und bequemen Sitzgelegenheiten. Im Industrial Chic, fast minimalistisch, ist hinter schlichter Brownstone-Fassade Blue Sun in Williamsburg eingerichtet. Richtig geschmackvoll: Billy's Record Saloon von 2023 in East Williamsburg oder auch Paradise of Replica in der Lower Eastside, ganz in Hellblau gehalten. Schön ausgestattet mit selbstgebauten Regalen und in bunten Farben ist der Record Shop (rechtes Foto) in Red Hook. Auch Rough Trade im Rockefeller Center gibt sich bunt, mit "Album Art" an Wänden und Boden. Verkauft werden gebrauchte und neue Platten.

 

Die meisten der von den Autoren vorgestellten Plattenstores liegen in Brooklyn (16), gefolgt von Manhattan (12) – alle sind auf einer Karte im Anhang eingetragen. So regt der Band zum Entdecken von Plattenläden ein, jeder davon mit eigener Geschichte und eigenem Charakter. Dazu kommen coole Fassaden, Einrichtungen und Interieurs, alles auf den tollen Fotos der Murrays zu bewundern. Zusätzlich werden im Text Besitzer oder Gründer vorgestellt, dazu lokale DJs, Produzenten und Musiker, die in den Läden regelmäßig auftauchen. Alles in Allem: ein gelungener Bildband und für jeden Vinyl-Fan nicht nur ein Muss, sondern das pure Vergnügen.

 

©MB (Text)

©Prestel Verlag (Fotos) - alle aus dem besprochenen Buch.

 

Das Dirndl - nur Mode oder Kleidungsstück mit Tradition?

Am 19. Oktober ging die Dirndl-Ausstellung „Tradition goes Fashion“ im tim, dem Staatlichen Textil- und Industrieuseum Augsburg, zu Ende, und sie hat viele Besucher angelockt. Was bleibt, ist der kulturwissenschaftliche Begleitband zur Dirndl-Ausstellung, der kurz vor Start des Münchner Oktoberfests erschien:

 

Dirndl – Mode – Geschichte 

Studien zur Historie und Praxis eines wandelbaren Kleids

Michaela Breil, Sophie Buscher und Karl Borromäus Murr (Hrsg.)

ISBN 978-3-9821727-6-7, 24,90 Euro

Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim), Sept. 2025

Erhältlich im Museumsshop des tim, online unter kasse@timbayern.de sowie im Buchhandel

 

Um das Dirndl als höchst beliebter modischer Alleskönner, um seine unglaubliche Anpassungsfähigkeit und um die kulturgeschichtliche Entwicklung, darum geht es in insgesamt 20 Beiträgen von Kulturwissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in dem 148-seitigen, reich bebilderten neuen Buch. Autorinnen und Autoren sind u.a. Sophie Buscher, Kunsthistorikerin, Museumsleiter K.B. Murr und Kuratorin und stellvertretende Museumsleiterin Michaela Breil.

 

 

Zurück zum Oktoberfest und dem "Dirndl-Phänomen": Tatsache ist, dass die Wiesntracht erst seit etwa der Jahrtausendwende zu beobachten ist. Sie ist jedoch mittlerweile zum festen Kleidercode auf Volksfesten geworden. Dirndl oder Lederhose sind heute "Pflicht", alpenländische Färbung bedeutet Zugehörigkeit. Doch wie kam es zu der "Historisierung des Dirndls" und zu der großen Popularität in der Gegenwart?

 

©B.Rampf/tim

"Tradition goes Fashion"

Das Dirndl steht für bayerische Tradition, Geschichte und Handwerkskunst und ist heute ein modisches Statement: "Tradition goes Fashion". Die wechselvolle Entwicklungsgeschichte des Dirndls, seine Ursprünge, politischen Vereinnahmungen und spannenden Neuinterpretationen durch junge Designer/innen sind Themen, mit denen sich die Fachleute in dem Band beschäftigen.

 

©MB
Die Geschichte des Dirndls vom 19. Jh. bis zur Wiesntracht, das Wallach-Dirndl – ein von Gebrüdern jüdischer Herkunft um 1900 in München gegründetes florierendes Unternehmen  –, der Tiroler Look oder die berühmte Trachtenzeichnerin Margarete Hein kommen zur Sprache. Das "Dirndl als Festtagsmode" am Beispiel des Augsburger Plärrers, und einzelne Designer wie Gössl, Lola Paltinger, Noh Nee oder Policarpo sind weitere Themen. Fast schon exotisch erscheinen japanische Kimono-Dirndl und afrikanische Sari-Dirndl, aber auch einige Kooperationen mit modernen Modemachern. Die politische Vereinnahmung des Dirndls, etwa von den Nazis, wird beleuchtet, aber auch die Dirndl, die zu den Olympischen Spielen 1972 von Otl Aicher designt wurden und zum  "Markenbotschafter Bayerns“ wurden.

 

©B.Rampf/tim

Das Dirndl als "erfundene Tradition"

Die Begriffe "Dirndl" und "Tracht" werden heute meist synomym verwendet. Dabei ist das Dirndl eines der wenigen Kleidungsstücke in der Kostümgeschichte, das quasi von unten in höhere Gesellschaftsschichten aufgestiegen und daher ein demokratisches Gewand ist. Entgegen landläufiger Meinung, handelt es sich beim Dirndl jedoch um keine "alte", lang hergeleitete Tradition, sondern vielmehr um eine "erfundene Tradition". Im Biedermeier soll ein "ländliches Kleid", ein Sommerkleid des „Sommerfrische“-Publikums, den Höhenflug des Dirndls eingeleitet haben. Auf einem Gemälde von W. Kandinsky, wird seine Partnerin Gabriele Münter 1909 dann in Frauentracht gezeigt. Im Laufe des 20. Jh. wurden Dirndl und Lederhosen dann enger mit Bayern verknüpft, verstärkt durch eben jene hellblauen Münchner Olympiade-Dirndl 1972. 

 


©C.Jorda/tim
Anfang der 2000er-Jahre verursachten die Medien einen Hype und Stars wie Regina Sixt (Damenwiesn), Paris Hilton oder Kim Kardashian zeigten sich plötzlich im Dirndl auf der Wiesn. Seither ist Dirndl zum "Lebensgefühl“ geworden, zum Bindeglied von Tradition und Moderne, Vergangenheit und Gegenwart, Land und Stadt. Es hat jedoch nichts mit den alten historischen Trachten, die sich je nach Landstrich unterscheiden, zu tun, sondern ist ein relativ modernes Statement.

 

Fest steht, jede Frau, die ein Dirndl im Schrank hängen hat, sollte sich dieses Buch anschaffen und studieren wie es um den "alten Mythos" steht. Für alle Anderen ist der Band ebenfalls höchst informativ und eine Bereicherung im Bücherregal.

 

> Infos: www.timbayern.de 

 

Text ©MB

Fotos ©tim/MB