ES LEBE DIE SCHALLPLATTE! 

TOLLE PLATTENLÄDEN IN NEW YORK 

     

James & Karla Murray, Hattie Lindert

Vinyl NYC

Prestel Verlag (München) Okt. 2025, Englisch, 224 S.

ISBN-13 : ‎ 978-3791393537

 

James und Karla Murray sind seit Langem bekannt für ihre Fotobände, vor allem über New York City, wo sie auch wohnen. Viele davon erschienen im Prestel Verlag, z.B. Store Front NYC oder Great Bars of NYC (s. frühere Besprechungen). Ihr neuestes Buch "Vinyl NYC" befasst sich mit einem "Zeitphänomen", nämlich der Rückkehr von Vinyl (Schallplatten) und entsprechenden Läden in NYC. In den frühen 2000er-Jahren hatten Platten ihre Beliebtheit verloren, viele Läden mussten schließen. Etliche jedoch überlebten und seit einigen Jahren stießen Newcomer dazu. Record Stores fungieren heute wieder als Treffs zum Musik hören und kennenlernen.

 

 Über 30 Plattenläden in allen fünf Boroughs von New York City werden in dem von den Murrays illustrierten und mit Texten von Co-Autorin und Musikjournalistin Hattie Lindert versehenen Buch vorgestellt. Es handelt sich einerseits um alteingesessene Läden, die in ihren jeweiligen Vierteln quasi zum Inventar gehören, andererseits um neu gegründete. Manchmal ist das Ambiente "old fashioned", eng und etwas chaotisch, manchmal schick und eher minimalistisch, modern und luftig. Die Platten sind zum Teil übersichtlich in schönen Regalen, Kisten oder Schubern eingeordnet und Titel leicht auffindbar, in anderen Fällen aber bedarf es erst eines sehr sachkundigen Geschäftsführers um etwas zu finden, so beispielsweise im vollgepackten Village Revival mit Besitzer Jamal Ainasr. Ordnungssysteme bzw. Möblierung unterscheiden sich enorm: schön arrangierten Bäcker- oder Holzkisten, edel geschreinerte Holzregale oder auch nur schlichte Pappkartons, mehrfach genutzt.

 

Einige Stores laden zum "Browsen" (Schauen) ein, andere sind eher geeignet für "Vinyl Freaks" oder "Crate Diggers" auf der Suche nach dem "Black Gold", den lang vergessenen Schätzen. Es gibt die Spezialisten, die sich auf bestimmte Genres konzentriert haben und die "Universalisten". Spannend ist auch zu erfahren, welche angesehenen Musiker oder DJs, Producer oder sonstige Musikgrößen die jeweiligen Shops frequentieren. So werden im Buch z.B. Eli Escobar (Foto links), Shawn Dub, Zoe Wiggins, Large Professor in kleinen Exkursen bei ihrem jeweiligen Lieblings-Store vorgestellt.

 

 


Auf bestimmte Musikgenres spezialisiert sind z.B. die Punk-Rock-Legende Generation Records im Greenwich Village (Foto oben), das Jazz Record Center oder die Casa Amadeo (unten) in der Bronx. Letzteres ist der älteste Shop für Latin Music und wurde als "Casa Harnández" 1941 als erster puertorikanischer Musik Store in NYC gegründet. Inhaber Miguel Angel Amadeo ist selbst Komponist und stellt viele Memorabilien, Gitarren, Poster, Fotos etc. im Laden aus.


 


Reggae Dancehall und Soca Music findet man bei VP Records – auf dem Foto rechts Pat Chin a.k.a. Miss Pat, die Mitbegründerin des Ladens in Jamaica/Queens –, japanische Musik bei Face Records (Williamsburg), Electronic Dance Music bei Manhattan45. Im  gemütlichen "Wohnzimmer" von Billy's Record Salon in East Williamsburg genießt an v.a. die Auswahl an Jazz, Funk und Soul. Hiphop, Soul und Electronic in großer Auswahl bietet der Captured Record Store in Greenpoint (Foto unten). Raritäten findet man bei Human Head Records in Brooklyn. 

Der A-1 Record Shop (unten) ist ein Klassiker, einer der besten für used vinyl (gebrauchte Platten), mit breitem Musikspektrum und beliebt unter DJs, Producern und Sammlern. Vor der Türe stehen Tische mit LPS schon ab $ 2. 

 


 

 

 


Und es gibt die gemütlichen und die funktionalen Shops. Bei Black Star Vinyl in Bed-Stuy kann man z.B. bei Kaffee und Kuchen Musik hören und auch Duft-Kerzen kaufen. Ähnlich vielseitig ist auch Black Gold Records in Carroll Gardens: Kaffee, Antiquitäten, Vintagekleidung gibt’s dort. VP RECORDS in Queens existiert schon seit 1979 und verkauft nicht nur Vinyl, CDs und Kassetten, sondern auch Lifestyle-Artikel wie karibische Kleidung, Bücher oder Poster. RPM Underground im Theater District hat nicht nur Platten im Angebot, sondern betreibt dazu ein Speakeasy mit Karaoke Rooms.

 

Sie haben etwas liebenswert-chaotisches, die engen Schläuche oder winzigen Räume, teils vollgestopft mit Regalen oder Kisten. Moodie Records in Williamsbridge/Bronx gehört zu diesem Typ oder auch Record Runner im West Village und Rebel Rouser in Bushwick. Ebenfalls eng, gediegen schwarz, aber sehr ordentlich mit Listening Stations (wofür der Kauf einer Reward Gift Card nötig ist) präsentiert sich Manhattan 45.

 

Geräumig-luftig wirkt dagegen Second Hand Records in Bushwick und Super Elevation Records in Williamsburg ist schön ordentlich und modern, mit Hörstationen und bequemen Sitzgelegenheiten. Im Industrial Chic, fast minimalistisch, ist hinter schlichter Brownstone-Fassade Blue Sun in Williamsburg eingerichtet. Richtig geschmackvoll: Billy's Record Saloon von 2023 in East Williamsburg oder auch Paradise of Replica in der Lower Eastside, ganz in Hellblau gehalten. Schön ausgestattet mit selbstgebauten Regalen und in bunten Farben ist der Record Shop (rechtes Foto) in Red Hook. Auch Rough Trade im Rockefeller Center gibt sich bunt, mit "Album Art" an Wänden und Boden. Verkauft werden gebrauchte und neue Platten.

 

Die meisten der von den Autoren vorgestellten Plattenstores liegen in Brooklyn (16), gefolgt von Manhattan (12) – alle sind auf einer Karte im Anhang eingetragen. So regt der Band zum Entdecken von Plattenläden ein, jeder davon mit eigener Geschichte und eigenem Charakter. Dazu kommen coole Fassaden, Einrichtungen und Interieurs, alles auf den tollen Fotos der Murrays zu bewundern. Zusätzlich werden im Text Besitzer oder Gründer vorgestellt, dazu lokale DJs, Produzenten und Musiker, die in den Läden regelmäßig auftauchen. Alles in Allem: ein gelungener Bildband und für jeden Vinyl-Fan nicht nur ein Muss, sondern das pure Vergnügen.

 

©MB (Text)

©Prestel Verlag (Fotos) - alle aus dem besprochenen Buch.

 

Das Dirndl - nur Mode oder Kleidungsstück mit Tradition?

Am 19. Oktober ging die Dirndl-Ausstellung „Tradition goes Fashion“ im tim, dem Staatlichen Textil- und Industrieuseum Augsburg, zu Ende, und sie hat viele Besucher angelockt. Was bleibt, ist der kulturwissenschaftliche Begleitband zur Dirndl-Ausstellung, der kurz vor Start des Münchner Oktoberfests erschien:

 

Dirndl – Mode – Geschichte 

Studien zur Historie und Praxis eines wandelbaren Kleids

Michaela Breil, Sophie Buscher und Karl Borromäus Murr (Hrsg.)

ISBN 978-3-9821727-6-7, 24,90 Euro

Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim), Sept. 2025

Erhältlich im Museumsshop des tim, online unter kasse@timbayern.de sowie im Buchhandel

 

Um das Dirndl als höchst beliebter modischer Alleskönner, um seine unglaubliche Anpassungsfähigkeit und um die kulturgeschichtliche Entwicklung, darum geht es in insgesamt 20 Beiträgen von Kulturwissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in dem 148-seitigen, reich bebilderten neuen Buch. Autorinnen und Autoren sind u.a. Sophie Buscher, Kunsthistorikerin, Museumsleiter K.B. Murr und Kuratorin und stellvertretende Museumsleiterin Michaela Breil.

 

 

Zurück zum Oktoberfest und dem "Dirndl-Phänomen": Tatsache ist, dass die Wiesntracht erst seit etwa der Jahrtausendwende zu beobachten ist. Sie ist jedoch mittlerweile zum festen Kleidercode auf Volksfesten geworden. Dirndl oder Lederhose sind heute "Pflicht", alpenländische Färbung bedeutet Zugehörigkeit. Doch wie kam es zu der "Historisierung des Dirndls" und zu der großen Popularität in der Gegenwart?

 

©B.Rampf/tim

"Tradition goes Fashion"

Das Dirndl steht für bayerische Tradition, Geschichte und Handwerkskunst und ist heute ein modisches Statement: "Tradition goes Fashion". Die wechselvolle Entwicklungsgeschichte des Dirndls, seine Ursprünge, politischen Vereinnahmungen und spannenden Neuinterpretationen durch junge Designer/innen sind Themen, mit denen sich die Fachleute in dem Band beschäftigen.

 

©MB
Die Geschichte des Dirndls vom 19. Jh. bis zur Wiesntracht, das Wallach-Dirndl – ein von Gebrüdern jüdischer Herkunft um 1900 in München gegründetes florierendes Unternehmen  –, der Tiroler Look oder die berühmte Trachtenzeichnerin Margarete Hein kommen zur Sprache. Das "Dirndl als Festtagsmode" am Beispiel des Augsburger Plärrers, und einzelne Designer wie Gössl, Lola Paltinger, Noh Nee oder Policarpo sind weitere Themen. Fast schon exotisch erscheinen japanische Kimono-Dirndl und afrikanische Sari-Dirndl, aber auch einige Kooperationen mit modernen Modemachern. Die politische Vereinnahmung des Dirndls, etwa von den Nazis, wird beleuchtet, aber auch die Dirndl, die zu den Olympischen Spielen 1972 von Otl Aicher designt wurden und zum  "Markenbotschafter Bayerns“ wurden.

 

©B.Rampf/tim

Das Dirndl als "erfundene Tradition"

Die Begriffe "Dirndl" und "Tracht" werden heute meist synomym verwendet. Dabei ist das Dirndl eines der wenigen Kleidungsstücke in der Kostümgeschichte, das quasi von unten in höhere Gesellschaftsschichten aufgestiegen und daher ein demokratisches Gewand ist. Entgegen landläufiger Meinung, handelt es sich beim Dirndl jedoch um keine "alte", lang hergeleitete Tradition, sondern vielmehr um eine "erfundene Tradition". Im Biedermeier soll ein "ländliches Kleid", ein Sommerkleid des „Sommerfrische“-Publikums, den Höhenflug des Dirndls eingeleitet haben. Auf einem Gemälde von W. Kandinsky, wird seine Partnerin Gabriele Münter 1909 dann in Frauentracht gezeigt. Im Laufe des 20. Jh. wurden Dirndl und Lederhosen dann enger mit Bayern verknüpft, verstärkt durch eben jene hellblauen Münchner Olympiade-Dirndl 1972. 

 


©C.Jorda/tim
Anfang der 2000er-Jahre verursachten die Medien einen Hype und Stars wie Regina Sixt (Damenwiesn), Paris Hilton oder Kim Kardashian zeigten sich plötzlich im Dirndl auf der Wiesn. Seither ist Dirndl zum "Lebensgefühl“ geworden, zum Bindeglied von Tradition und Moderne, Vergangenheit und Gegenwart, Land und Stadt. Es hat jedoch nichts mit den alten historischen Trachten, die sich je nach Landstrich unterscheiden, zu tun, sondern ist ein relativ modernes Statement.

 

Fest steht, jede Frau, die ein Dirndl im Schrank hängen hat, sollte sich dieses Buch anschaffen und studieren wie es um den "alten Mythos" steht. Für alle Anderen ist der Band ebenfalls höchst informativ und eine Bereicherung im Bücherregal.

 

> Infos: www.timbayern.de 

 

Text ©MB

Fotos ©tim/MB

 

 

Brooklyns Dean Street - eine Gesellschaftsstudie von Jonathan Lethem

 

Jonathan Lethem

Der Fall Brooklyn

Roman Hardcover, 26,00 €

Aus dem Amerikanischen von: Thomas Gunkel

1. Auflage 2025, 448 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

ISBN: 978-3-608-50244-2

Klett-Cotta-Verlag Stuttgart

 

 

Es geht um die Dean Street in Brooklyn, die sich knapp 5 Meilen lang vom Viertel Brooklyn Heights nahe der Waterfront (East River) im Westen bis Broadway Junction im Osten, hinzieht. Genauer gesagt, in dem Roman geht es um den Abschnitt in Boerum Hill, begrenzt durch die Schermerhorn Street im Norden, die 4th Ave. im Osten, Smith und Court St. im Westen und mit Warren oder Wyckoff Street als Südgrenze. Das sehr feine "Brooklyn Heights" liegt im Nordwesten, im Süden erstreckt sich hingegen Gowanus, und hier grenzen die massiven Wohnblöcke der Ärmeren, die "Projects" oder Sozialwohnsiedlungen, an. Im Norden der Smith Street siedelte einst die Mohawk Indian Community aus Quebec/Kanada, jene schwindelfreien Arbeiter, die beim Wolkenkratzerbau arbeiteten. Auch auf sie kommt Letham zu sprechen.

 

Im Kern des Viertels überwiegen dreigeschossige Reihenhäuser, die zwischen 1840 und 1870 entstanden sind. "Hill" ist übertrieben: Das Areal ist eher flach und auch der Name eher willkürzlich gewählt: Er leitet sich von Henry Boerum, einem Holländer aus Long Island, ab. Noch bis um die Wende zum 21. Jh. war das Areal großteils von Arbeitern und Mittelklasse-Familien, v.a. Afroamerikanern und Puertorikanern, besiedelt. Dann schlug die Gentrifizierung zu und veränderte das Neighborhood komplett, machte es zu einem "upper-class"-Viertel. Der Begriff Gentrifizierung, um den es im Buch immer wieder geht, beschreibt, wie Banken und Immobilienmakler ein Viertel zu Veränderungen zwingen – Veränderungen, die die Bewohner hoffen, im Griff zu haben.

 


Die "Brownstoner", die im Viertel leben stammen nach Worten Lethams "...aus Idaho, Manhattan, Pittsburg, Frankreich. Von überall außer Brooklyn. Sie haben keine Ahnung, wo sie gelandet sind.... Da sind Doktoranden, radikale Organisatoren, Quäker, da sind Maler und Schriftsteller, jüngere Schwule, die aus Brooklyn Heights herüberschwappen... Sie bilden Bündnisse und Gegenbündnisse... pflanzen viele Bäume.... Jeder Einzele von ihnen hat schon mal Pot geraucht... ".

 

Mehr als nur eine Straße

Für Autor Jonathan Letham ist die Dean Street in Brooklyn jedoch mehr als nur eine Straße. Er wuchs hier auf und stellte seine eigenen Beobachtungen an. Hier treffen reiche, verwöhnte Kids auf Jungs aus der "Hood", hier gibt es große Verbrechen und kleine Gaunereien, teils am hellichten Tag. Geld und Macht, Gewalt und Raffinesse, rivalisierende Gangs, die sich streiten, wer in der Straße Hockey spielen oder skaten darf, treffen hier aufeinander.


Jonathan Lethem erzählt die wechselvolle Geschichte einer der heute hippsten Straßen New Yorks. Er springt in den einzelnen Kapiteln in verschiedene Zeiten, beobachtet die Geschehnisse, Kleinkriminalität, Rassismus, Gentrifizierung aber auch die "normale Welt". Seine Figuren haben keine reellen Namen, sie bleiben anonym und tragen nur Spitznamen. Es gibt die "Schreierin" oder den "Schlüpfer", den "Kotelettenmann"  oder – benannt nach einer (noch existierenden) Bar – den "Brazen-Head-Schwätzer". Ins Deutsche übersetzt, klingen die Namen manchmal etwas künstlich, während es im Englischen z.B. mit "Mr. Clean", "The Wheazer" oder "The Screamer" besser passt.

 

Wichtig ist Letham die Interaktion, die Art und Weise, wie Menschen einander wahrnehmen, sich in einem bestimmten Umkreis verhalten. In welche Kategorien ordnen sie sich ein: nach Hautfarbe, Beruf, Alter, Verhalten... Und, es geht immer wieder um Gentrifizierung, um den Alltag in der Grenzzone zwischen Reich und Arm, um unsichtbare Gesetze und Strukturen.

 

Großer Literat aus Brooklyn

Jonathan Lethem wurde 1964 in New York geboren und ist Autor zahlreicher Romane, darunter die Brooklyn-Romane "Motherless Brooklyn" und "Die Festung der Einsamkeit". Letzteres ist eine traditionelle Coming-of-Age Geschichte. Darin geht es um ein Kind,  das schaut, lernt und Erfahrungen aufnimmt, versucht, sie einzuordnen und zu verstehen. Im "Fall Brooklyn" wird der Blickwinkel nun vergrößert.

 

Das hier vorgestellte Buch liest sich zunächst etwas ungewohnt: Die Kapitel sind durchnummeriert, die Überschriften wirken oft mal seltsam, z.B. "43. Der Fall Boerum (im Stil des 21. Jahrhunderts)", darunter steht jeweils der betrachtete Zeitpunkt oder -raum. Der ganze Roman erinnert ein wenig an ein Filmdrehbuch. Allerdings ein sehr interessantes, zumindest für alle die an Brooklyn, die Dean Street und, vor allem, an Gesellschaftsstudien interessiert sind.

 

Für sein Werk erhielt Letham zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den "National Book Critics Award", "Gold Dagger" und "MacArthur Fellowship". Lethem lehrt am Pomona College in Südkalifornien Creative Writing und lebt mit Familie in Kalifornien.
• Mehr Infos unter: www.jonathanlethem.com

Hängende Dächer und Formen aus der Natur

Frei Otto. Bauen mit der Natur

Hardcover, Pappband, 256 Seiten, 24,0x28,7cm

Prestel Verlag München, 2025

ISBN: 978-3-7913-7749-0

59 €

 

Um es gleich vorwegzunehmen: Dies ist ein Buch für Architekturfans und für Spezialisten, keine leichte Lektüre zum Blättern auf dem Sofa. Anlässlich des 100. Geburtstags am 31. Mai 2025 im Prestel Verlag München erschienen (Hrsg. Anna-Maria Meister und Joaquín Medina Warmburg), geht es um Leben, Werk und Wirkung eines der bedeutendsten und einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, Frei (Vorname) Otto (Nachname).

 

Ottos visionäre Arbeiten wie auch seine Vorstellungen und Ideen, Philosophien und Hintergründe werden in dieser Publikation in ganzer Bandbreite vorgestellt. Naturbegriff, Naturbilder und Naturprinzipien, die ihn beeinflussten und seine Entwürfe und Bauten prägten, stehen im Vordergrund. Ottos bahnbrechende Pionierleistungen auf heute aktuellen Gebieten wie umweltbewusstes Bauen, Bauen mit der Natur oder Bionik, werden an prägnanten Beispielen demonstriert. Sein oberstes Ziel war es, mit minimalem Einsatz von Material, Fläche und Energie lebenswerte, menschliche Räume zu schaffen und Impulse für ökologisches, humanes Bauen zu geben. Sein ganzheitliches Naturverständnis und seine Neuinterpretation des Verhältnisses von Natur, Technik und Kultur sind der rote Faden des Buches.

 


 

„Das hängende Dach“

1925 in Siegmar/Sachsen geboren, hat Otto den ungewöhnlichen Vornamen seiner Mutter und deren liberaler Gesinnung zu verdanken. Sie war, wie der Vater, Mitglied im Deutschen Werkbund. Vater und Großvater waren Bildhauer, der Sohn studierte nach Wehrdienst und französischer Kriegsgefangenschaft an der TU Berlin Architektur, dann Soziologie und Städtebau an der University of Virginia. In den USA begegnete er auch erstmals Architekturgenies wie F.L. Wright, Eero Saarinen, Mies van der Rohe oder Richard Neutra. 

 

1952 eröffnete Otto in Berlin-Zehlendorf ein eigenes Architekturbüro. Stark beeindruckt hatte ihn ein Modell der Dorton Arena in Raleigh/NC, das erste große Bauwerk mit sattelförmig geschwungenen Dach und aufgehängtem Seilnetz. Er schrieb über diese neue Bautechnik, „Das hängende Dach“, seine Doktorarbeit. Zahlreiche Preise und Ehrungen, posthum nach seinem Tod 2015 auch der Pritzker-Architekturpreis, waren Anerkennung für seine Leistungen.

 


Otto gilt als Pionier ökologischer Architektur und als Wegbereiter einer „menschlichen Architektur“. Er nahm seine Vorbilder aus der Natur. Vor allem wurde er jedoch als Schöpfer genial leichter, zeltartiger Konstruktionen bekannt, sogenannter leichter Flächentragwerke. Sein Herz schlug für den Leichtbau mit Seilnetzen und Gitterschalen. Zudem war er ein Vertreter der organischen Architektur und stellte sich damit in eine Reihe mit Richard Buckminster Fuller oder Santiago Calatrava.

 


Der Deutsche Pavillon der Expo in Montreal 1967 oder das Dach des 1972 eröffneten Olympiastadions in München (Foto unten), in Zusammenarbeit mit Günter Behnisch, sind Beispiele seines Schaffens. Wandelbare Schirme für die Konzerttournee von Pink Floyd 1977 in den USA (Foto oben) und 1990 die Ökohäuser in Berlin (ganz unten) sind andere bekannte Werke des Architekten. Frei Otto war Berater für das Projekt Stuttgart 21, er war für die „Lichtaugen“ – tropfenförmige Oberlichtöffnungen („Kelchstützen“) auf den Bahnsteigen – zuständig. Dabei fungierte Otto meist nur als „Ideengeber“ – die meisten Gebäude entstanden in Kooperation mit anderen Architekten.

 

©WikimediaCommons

 

Natur, Technik und Gesellschaft

Das Buch zum 100. Geburtstag und zum 10. Todestag soll den Architekten, Konstrukteur und Forscher würdigen.  Dies geschieht in einer Reihe von neun Essays zu drei Themenbereichen: Natur, Technik und Gesellschaft. Diesen voraus gehen ein Fototeil und ein Vorwort.

 

Der erste Bereich heißt „NATUR – Biologie, Ökologie, Klima“ und es geht um Ottos Entwicklungsstätte für den Leichtbau in Berlin 1959, um Projekte wie die Evangelische Kirche in Berlin-Zehlendorf 1959-63, sein eigenes Haus und Atelier in Warmbronn 1966-71. Die Natur als Baumeister, Klimahüllen und neue Luftarchitektur sindweitere Themen, die angesprochen werden.

 

„TECHNIK - Konstruktionen, Methoden, Formen“ befasst sich mit den „großen“ Otto-Bauten, dem deutschen Pavillon auf der Expo 67 in Montreal, den Münchner Olympischen Sportstätten 1968-72 oder der Multihalle in Mannheim (1975). Ottos leichte Konstruktionen und Dächer, die Art und Weise, wie er den Weg zum Leichtbau mit Zelten und Membranen ebnete, werden näher beleuchtet. Während einer Gastprofessur in St. Louis/USA hatte Otto 1958 Richard Buckminster Fuller kennengelernt, einen Protagonist des Leichtbaus. Mit diesem einte ihn die Absicht, mit geringstem Material- und Energieaufwand maximale Effizienz zu erzielen. Otto war besessen von Modellen und Modellstatik und das auch noch nachdem in den 1970ern digitale und rechnerische Methoden aufkamen. Der philosophische Ansatz Ottos und die Kluft zwischen Natürlichem und Künstlichem kommen in einem anderen interessanten Essay zur Sprache.

 

Das dritte große Kapitel lautet „GESELLSCHAFT– Ethik, Partizipation, Netzwerke“. Wissenschaftler beschäftigen sich hier zum Beispiel mit seiner Projektstudie „Stadt in der Arktis“ von 1971 und mit seinen  Ökohäusern in Berlin, die 1980-91 entstanden (Foto unten) und bemerkenswerte Lebensqualität boten. Die Überwindung gesellschaftlicher und ökologischer Grenzen zeigen die beiden realisierten Entwürfe am Tiergarten und am Askanischen Platz. Andere Themen sind die Materialexperimente von Frei Otto und seine Architekturlehre. Otto als Pädagoge – er hielt verschiedene Lehraufträge an amerikanischen Universitäten inne – kommt ebenfalls zur Sprache.

 

Den Abschluss des Buches bilden eine Biografie, eine Vorstellung der am Band mitwirkenden Autorinnen und Autoren und ein Abbildungsverzeichnis. Man lernt viel bei der Lektüre dieses Prestel-Bandes, muss allerdings auch bereit sein, sich in ein nicht ganz einfaches Thema zu vertiefen.

 

Text ©MB

Fotos ©PrestelVerlag / WikimediaCommons

KUNST UND NATUR - NOLDES GARTEN IN SEEBÜLL

 

Magdalena Moeller, 

Der Garten von Emil Nolde

Prestel Verlag München, 2025

Hardcover, 176 Seiten, 29 Euro

ISBN: 978-3-7913-7777-3

 

 

Ein Fest für Augen und Seele

Natur und Kunst im Garten von Emil Nolde in Seebüll ist das Thema dieses neu im Prestel Verlag erschienenen Bandes. Die Kunsthistorikerin und Fotografin Magdalena M. Moeller beschäftigt sich mit der Geschichte dieses Künstlergartens, mit dem Einfluss auf Noldes Werk und dessen Liebe zur Natur, vor allem aber mit dem Garten im Jahresverlauf. Reich bebildert mit Fotos und Reproduktionen von Noldes Werken, regt der Band sowohl Kunstfreunde als auch Hobbygärtner zum Lesen und Durchblättern an.

 

Künstlergärten gab es viele, z.B. ließen sich auch Liebermann, Monet oder Renoir von der Natur inspirieren. Auch Emil Nolde (1867-1956) verband Malerei und Gärtnerei, holte sich Anregungen von Farbenpracht und Blütenfülle für seine Blumengemälde und Aquarelle. Der Garten, heute Teil des Nolde Museums, liegt in Seebüll, in Nordfriesland, fast schon an der Grenze zu Dänemark. Das Ehepaar Emil und Ada Nolde hatte sich hier ab 1926 auf einer Warft, einem aufgeschütteten Hügel inmitten eines Marschgebiets, niedergelassen.


Vorausgeschickt wird dem Buch ein Plan des Blumengartens (der aber mehr ist als nur das!). Er schließt sich im Südwesten des Wohnhauses/Museum an, begrenzt durch die Gruft des Ehepaars am anderen Ende des Geländes, wo sich auch der Eingang befindet. Es gibt Insel-, Hügel-, Balken- und Kastenbeete, solche für Wildrosen, Tulpen oder Rudbeckien, und dazu Baumbestände – Laubbäume, aber auch Apfelbäume und Stachelbeeren.

 

Entstehung eines Künstlergartens

 

Die Geschichte von Emil Noldes Garten in Seebüll gibt Informationen darüber, wie die Noldes ans Werk gingen. Von Utenwarf, wo das Ehepaar 1914 ein baufälliges nordfriesisches Backsteinhaus erworben hatte, zog man 1926 ins nahe Seebüll, und legte nach dem Atelierbau gleich den Garten an, noch ehe das Haus bezugsfertig war. Die Gartenplanung erwies sich zunächst aufgrund der Gegebenheiten als schwierig, doch die Buchstaben A und E – für Ava und Emil – für die Beetformen brachten dann die Initialzündung. Als problematisch erwiesen sich der schwere Marschboden, der zu Verdichtung neigte, und die harschen klimatischen Bedingungen. Entwässerung war nötig, außerem Windschutz und Beachtung der Mikroklimate. 

Nolde führte Buch über Bäume und Pflanzen, Konstruktionen und Baumaßnahmen. Ergebnis war ein 2.000 qm großer zentraler Gartenbereich mit Blumenbeeten – ähnlich einem klassischen Bauerngarten, auch bezüglich der Pflanzenauswahl, aber ohne Mittelachse –, zentral das ovale Wasserbecken als Vogeltränke, dazu Baumreihen. Wichtig waren für den Künstler immer die Blickachsen und die Blütenvielfalt. Außer den sog. Buchstabenbeeten entstanden Kastenbeet und Hügelbeetstreifen und wurden Stauden und Sommerblumen, Zwiebelblühern, Büschen und Bäumen gepflanzt. Dank der ab den 1930ern zahlreich publizierten Versandkataloge war es ein Leichtes, vielerlei Sorten zu ordern.

 

 

Noldes Garten ist in erster Linie ein Ziergarten, der von April bis Ende Oktober sein volles Blütenspektrum zeigt. Gemüse war den Noldes unwichtig, Obstbäume und Beerenobst sind hingegen vertreten. Ada starb 1946, Emil selbst zehn Jahre später; beide sind in einer Gruft am Rand des Gartens bestattet. 2004 bis 2007 wurde der Garten wiederhergestellt, seit 2010 kann er wieder besucht werden. Historische Aufnahmen im Anschluss - Schwarzweiß-Fotos – zeigen den Garten zu Lebzeiten Noldes, des Öfteren sieht man auf ihnen auch das Künstlerehepaar.

Blumen und Bilder

Moeller stellt ausgewählte Werke Emil Noldes ihren eigenen Pflanzenaufnahmen gegenüber und schafft eine Symbiose von Malerei und Fotografie, Kunst und Natur. Blüten wie Mohn, Pfingstrosen, Sonnenblumen, Tulpen oder Dahlien, dienten als beliebtes Anschauungsmaterial. Noldes langjähriger Gärtner berichtet, dass der Künstler suchend von Blüte zu Blüte gewandelt sei, sie eingehend betrachtet hätte, ehe er sich dann die Staffelei aus der Werkstatt holen und aufstellen ließ und schnell und intensiv an einem Bild arbeitete. War es fertig, wurde es hineingebracht und von ihm und Ada begutachtet.

 

Die meisten Blumenbilder entstanden in den letzten 30 Jahren seines Lebens in Seebüll, zuletzt in Aquarelltechnik. Mohn (Papaver) war eine seiner Lieblingsblumen. Die Bilder, in einer besonderen Technik auf feuchtem Papier angefertigt, zeigen zerfließende Farben und ausfransende Ränder und wirken alle sehr spontan und leuchtend. 

 

 

 


 


Noldes Garten von April bis Oktober


Im umfangreichen Hauptteil des Buches begleitet Moeller die heutigen Gärtner bei ihrer Arbeit. Mit Text und vor allem vielen Fotos geht es um den Nolde-Garten im Wechsel der Jahreszeiten. Man sieht die saisonal bedingten Farb- und Höhenwechsel, die allmähliche Steigerung der Blütenpracht zum Sommer hin, die explodierende Vielfalt. Typische Stauden, die Nolde liebte, sind Mohn, Rittersporn, Taglilien, Margeriten, Sonnenbraut, Sonnenhut, Dahlien und Sonnenblumen.

 


Der Maler, ausgebildet als Holzbildhauer und Zeichner in Flensburg, sah sich, obwohl dänischer Staatsbürger, ab 1933 zunehmenden Angriffem der Nationalsozialisten ausgesetzt. 1937 wurden seine Werke beschlagnahmt und in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München gezeigt. Das und vieles mehr ist der kurzen Biografie, die auf die Gartenkapitel folgt, zu entnehmen.

 

Abschließend geht es um die „30 schönsten Blumen in Noldes Garten“. Sie werden alphabetisch mit Fotos gelistet, von Akelei, Bauernpfingstrose, Dahlie über Pfingstrose, Eisenhut, Indianernessel bis hin zu Orientalischem Mohn, Rittersporn, Schwertlilie, Taglilie und Sonnenblume – jeweils mit Herkunft, Blüte, Standort und besonderen Hinweisen. 

Ein bisschen schade ist, dass es leider keine Angaben dazu gibt, inwieweit die heutige Gartenbepflanzung noch jener ursprünglichen Noldes entspricht und ob dieser bzw. wie genau dieser selbst Details, wie die Namen von Arten notiert hat. Es wird erwähnt, dass ältere Sorten, die nicht mehr im Handel sind, durch neue, ähnliche ersetzt werden, doch unklar bleibt, ob es jemals exakte Pflanzlisten gab. Gerade bei Stauden wie Ritterspornen, Pfingstrosen oder auch Sonnenblumen gibt es so viele, teils sehr verschiedene Arten, dass es interessant gewesen wäre, zu wissen, welche genau Nolde ausgewählt hat. Immerhin lebte einer der größten deutschen Staudenzüchter, Karl Förster (1874-1970), der vielen der von Nolde geliebten Stauden erst die gebührende Rolle zumaß, zur etwa gleichen Zeit wie dieser (siehe auch: https://travelingbookworms.blogspot.com/2024/04/die-welt-ist-viel-zu-bunt-um-allzu.html).

 

Den Anhang bilden Literaturhinweise, Informationen zu Autorin und Fotografin und Fakten zum Nolde Museum Seebüll.  Das Buch ist hochwertig gestaltet, der Druck von guter Qualität. Der Band gibt Anregungen dazu, wie künstlerische Visionen in die Praxis umgesetzt werden können und liefert Inspiration für die Gestaltung des eigenen Gartens. 


©Text: MB     ©Fotos: PrestelVerlag