The American West von Ernst Haas - "Malen mit der Kamera"

Ernst Haas. The American West.

Hardcover (engl.), 208 Seiten, 150 farbige Abbildungen, 50 s/w Abbildungen, ISBN: 978-3-7913-8825-0, Prestel Verlag München-London-New York, 2022, 50 €

 

„Malen mit der Kamera“

Ernst Haas wurde 1921 in Wien geboren. Von früh auf förderten seine Eltern, Regierungsbeamte, sein kreatives Talent. Er studierte erst Medizin, dann Fotografie an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien und war zunächst als freier Fotojournalist für Zeitschriften unterwegs. 1946, zu seinem 25. Geburtstag, erwarb er seine erste Kamera, eine Rolleiflex, im Tauschhandel gegen Margarine. Er begann, Kriegsheimkehrer und Invaliden zu fotografieren und wurde mit diesen Bildern bekannt. 1947 verwendete nämlich das American Red Cross in Wien seine Fotos zur Identifizierung bzw. Zusammenführung von Kriegsopfern; später wurden sie in einem Feature des Magazins LIFE veröffentlicht.

 

Die Fotos erregten die Aufmerksamkeit des berühmten Fotografen Robert Capa und er lud Haas in die USA ein, um der neu gegründeter Fotoagentur Magnum beizutreten. Haas ging also 1951 als junger Mann, der kaum Englisch konnte, nach Amerika, froh, den Zwängen der Nachkriegszeit entfliehen zu können. Er lernte neben Capa andere damals berühmte Fotografen wie Werner Bischof oder Henri Cartier-Bresson kennen und fing an mit einer Leica und ersten Farbfilmen zu fotografieren. Seine Bildsprache änderte sich, wurde vielseitiger, malerischer, poetischer und dazu wandte er sich stärker journalistischen Themen – sozialen Zuständen, städtischem Leben oder den Mythen „Indianer“ und „Wilder Westen“ –  zu.

 

Ein Fotograf auf Reisen

1952 trampte Haas für die sechsseitige LIFE-Story „Land of Enchantment“ durch New Mexico. Aufgrund dieser Reise blieb er die nächsten 34 Jahre vom amerikanischen Westen gefangen. Wie er selbst sagte, hatten ihn Autoren wie Jack London oder Zane Grey stark geprägt. Es folgte die Bildstrecke „Images of a Magic City (New York)“ und mit ihr schuf Haas 1953 auf damals neuartigem Kodachrome-Farbfilm ungewöhnliche Impressionen und Reflexionen einer Großstadt. LIFE veröffentlichte die Bilder in einem 24-seitigen Essay – das erste Farbfoto-Feature im Magazin. Auch seine Sportreportage „The Magic of Colours in Motion“ zeigte noch nie zuvor gesehene Aufnahmen mit Bewegungsunschärfen – absichtlich verwackelt, jedoch mit extremen Farbkontrasten.

 

 Auch deshalb gilt Haas als Pionier der Farbfotografie. Er lotete die Möglichkeiten der analogen Farbfotografie sowohl technisch als auch künstlerisch voll aus. Kontraste, Bildaufbau und Belichtungszeiten setzte er gezielt ein und experimentierte viel. Das für den Buchtitel verwendete Foto ist exemplarisch für seine durch Wischeffekte gesteigerte Dynamik bei sonst perfekter Belichtung bis in die Details. Auch klassische Landschaftsaufnahmen mit feinem Gespür für Strukturen, Farben und Kontrasten stammen von Haas, dazu aber auch Detailfotos von Blumen und Felsen, Porträts von Indianern und Bilder von Cowboys.

 



Gemälde oder Fotografie?

Am bekanntesten wurde Haas für seine abstrakten Kompositionen, die eher aufwändig konstruierten Gemälden als Fotografien gleichen. Haas hat das „Malen mit der Kamera“ perfektioniert. Sein bahnbrechender Einsatz von geringer Schärfentiefe und verschwommener Bewegung durch lange Verschlusszeiten verliehen ihm eine Sonderstellung. Zudem war er einer der ersten Fotografen, der sich intensiv mit dem Farbstoffübertragungsprozess beschäftigte. Farbfilme können nämlich anders als SW-Filme nicht nachgearbeitet werden. Jede Aufnahme muss perfekt sein und Haas war ständig auf der Suche nach dem nächsten, noch besseren Foto.

 


 

Der Wiener war ein unabhängiger Geist, der sich ungern Vorschriften machen ließ, aber mit der Werbefotografie seinen Lebensunterhalt bestritt – und durch sie weltberühmt wurde. Werbeaufträge für Chrysler, Mobil, Volkswagen oder Kodak halfen ihm bei der Finanzierung seiner persönlichen Vorlieben, Projekte und Reisen. Vor allem aber wurde er in den 1970ern als Erfinder des „Marlboro Man“ groß – ein Motiv, das bis heute die Werbefotografie beeinflusst. Für Marlboro Man Darrell Winfield schlug Haas auch Drehorte vor, dramatische Landschaften, die einen guten Hintergrund bildeten. Und er war begeistert von Wetterwechseln – „the world is your stage ... the best things are surprises“.

 

Auch als Set-Fotograf bei Filmproduktionen wie „Misfits“ (1960) mit Marilyn Monroe, „Kings of the Sun“ mit Yul Brunner (1963) war Haas dabei. Er produziert 1964 für den Film „Die Bibel“ von John Huston eine Bildstrecke, 1969 war er an dem Klassiker „Little Big Man“ (Montana, 1969) beteiligt. Vor allem dieses Projekt brachte ihn mit Indianern in Kontakt und hatte eine Reihe großartiger unabhängiger Fotos zur Folge.

 

Ausstellungen, Auszeichnungen und Buchprojekte

1960 wurde Haas zum Präsidenten von Magnum gewählt, es folgen viele Reisen, Aufträge und Ausstellungen. Er zog nach New York City um und eröffnete sein erstes Studio auf der East 71st Street; 1965 zog er in die 7th Avenue um. 1962 erhielt er eine Einzelausstellung im MoMA, die erste dort gezeigte Zusammenstellung von Farbfotografien. Edward Steichen, damals Direktor der Fotosammlung, bezeichnet ihn als „free spirit, untrammelled by tradition and theory, who has gone out and found beauty unparalleled in photography“.

 

Anfang der 1970er realisierte er außer den Landschaften für die Marlboro-Serie mehrere Buchprojekte, die sich vorrangig mit Japan und einer zenbuddhistischen und meditativen Bildsprache befassten. Damit konzentrierte er sich zunehmend auf ruhigere Motive. Haas illustrierte Gedichte von Rainer Maria Rilke, veranstaltete Workshops und war bei 1984 den olympischen Sommerspielen in Los Angeles für die Chrysler Company mit dabei. Blumenmotive sollten Hauptteil seines Spätwerks werden. Haas starb unerwartet an einem Schlaganfall 1986; kurz zuvor hatte er noch seine multimediale Bilderschau „Abstracts“ fertiggestellt.

 

„The American West“ bei Prestel

 

Haas arbeitet zu Lebzeiten für LIFE, Vogue und Look, und verfasste vier Bücher: The Creation (1971), In America (1975), In Germany (1976) und Himalayan Pilgrimage (1978). Zahlreiche Ausstellungen fanden posthum statt. Die Bilder in dem bei Prestel neu erschienenen Band „The American West“ rangieren zeitlich zwischen den frühen 1950ern und etwa 1970. Beim ersten Durchsehen fallen vor allem einsame Landschaften, Cowboys und Indianer, manche in Schwarzweiß, die meisten in Farbe, auf. Das Spektrum reicht von „Man on Crutches“ (ein kriegsinvalider Mann) über Porträts von Cocteau, Einstein oder Martin L. King bis hin zu Society-Fotos in Kalifornien, dazu Alltagsszenen und Filmset-Bilder, aber auch Blumendetails und Landschaften.

 

Eine der Leidenschaften von Haas waren Indianer, die er häufig ablichtete, aber auch Cowboys, meist in verschwommener Technik aufgenommen, in weiter Landschaft oder bei Rodeos. Es sind „gemalte“ Bilder, z.B. „Motion Cowboys Rodeo“, ein Bronc Rider. Kontrastierend dazu: gestochen scharfe Landschaftsaufnahmen, beispielsweise vom Canyon de Chelly in Arizona oder vom Monument Valley. Ein Blumendetail vom Grand Canyon, Felswände ganz nah, in allen Farbnuancen, oder tanzende Indianer beim Powwow in Gallup/New Mexico sind weitere Themen, dazu grandiose Wolkenbilder wie „Sky Nevada“ oder „White Sands National Monument“. Ein Bison im Yellowstone Nationalpark im Schneesturm trifft auf einen Indianer auf der Truck-Ladefläche in eine Decke gewickelt („Navajo Nation“, Monument Valley, 1967), dann wieder knallige Aufnahmen von Las Vegas oder sein wohl berühmtestes Bild, von der Route 66, mit Autos, Hochhäusern und Reklameschildern – vibrierend, schnell und gestochen scharf.

 


Haas war ein Virtuose, hat sich mehrfach selbst neu definiert hat und dadurch eine enorme Vielfalt hervorbrachte. Er verwendete nie ein Stativ, setzte auf ein Minimum an Ausrüstung, denn für ihn sollte die „Kamera eine Verlängerung des Auges sein ..., nichts sonst“. Auch Zoom-Linsen lehnte er ab, dafür experimentierte er mit Viewpoints, Zweidimensionalität, Komposition und Fisheye-Linsen um die Ränder verschwimmen zu lassen. Sein Motto war klar: „Es gibt nur dich und deine Kamera. Die Grenzen Ihrer Fotografie liegen bei Ihnen selbst, denn wir sehen, was wir sind.“ Haas wurde er zum Vorbild für viele junge Fotografen, als „Poet with a camera“.

 

Ebenfalls bei Prestel erschienen: Ernst Haas. New York in Color, 1952-1962, ISBN: 978-3-7913-8654-6, 2020.

 

©Text: Margit Brinke, Fotos: PrestelVerlag/GettyImages

NYC Storefronts – gelungenes Design und Anregungen für New-York-Fans

 


Joel Holland (Zeichnungen), David Dodge (Texte)

NYC Storefronts

Die schönsten Läden in New York

ISBN: 978-3-7913-8892-2

Mit einem Vorwort von NIkolas Heller

Hardcover, 192 Seiten, über 200 farbige Abbildungen 

€ 25,00 [D] inkl. MwSt.

Prestel Verlag München 2022

 

NYC Storefronts - natürlich denkt man da sofort an Läden und tatsächlich handelt es sich bei diesem ungewöhnlichen Buch auch um einen „Schaufensterbummel“, aber um einen der besonderen Art! Es ist auch kein Buch im Stil von „Die 100 besten Tipps“, sondern ein wunderschön gestalteter Band zu New Yorker Unternehmen, gezeichnet und mit prägnanten Beschreibungen versehen. Es ist das perfekte Buch zum Immer-Wieder-Selbst-Betrachten oder Verschenken.

 

Mit mehr als 200 Illustrationen hat Joel Holland – ein international anerkannter Illustrator mit Wohnsitz in New York City – seine liebsten Häuserfronten verewigt. Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte er begonnen, die Schaufenster seiner Lieblingsgeschäfte und -lokale in der Nähe seiner Wohnung zu zeichnen und auf Instagram zu posten. Er startete mit „Economy Candy“, andere folgten. Hollands Ziel war auch, die Beliebtheit und Bekanntheit der Geschäfte zu fördern, denn viele von ihnen kämpften speziell während der Pandemie und der Lockdowns um ihre Existenz.

Gute Werbung und Hilfe in harten Zeiten

Dazu trug auch Nicolas Heller bei, der als „New York Nico“ vor allem für seinen Instagram-Account @newyorknico bekannt ist. Dort dokumentierte er bereits interessante Persönlichkeiten auf den Straßen Big Apples und erwarb sich den Ruf als „inoffizieller Talentscout von New York City“. Er unterstützte schon mehrmals über seinen Account Läden, die von Schließung, sei es wegen Corona oder wegen Mieterhöhungen, betroffen waren.


Mit der Zeit erweiterte sich Hollands Spektrum und es entstand eine umfassende Sammlung von „Storefronts“ der verschiedensten Art: Buch- und Blumenläden, Diners und Feinkostgeschäfte, Bars und Clubs, Schreibwarenläden und Floristen, Schuhwerkstätten, Reinigungen und Carwash-Garagen, Friseure und Barbershops, Musikläden und Galerien, ein Kino und ein Boxclub, ein Schachladen („Chess Forum“) oder Kuriositäten wie ein Gummi-, ein Ballon- oder ein Glühbirnengeschäft.
 

Hollands Zeichnungen, großteils ausgeführt mit einfachen Pilot 2-Gelschreibern, sind zwar menschenleer, wirken aber heiter und zeitlos. Zu jeder Illustration gibt es einen kurzen Text mit Adressangabe vorweg, der Infos zu Besitzern, zur Geschichte, zu Besonderheiten und manchmal auch Anekdoten liefert und die Neugierde weckt, die Plätze selbst einmal aufzusuchen. Die Beschreibungen stammen von David Dodge, einem ebenfalls bekannten Journalisten. In der Regel erhält jede Location eine eigene Seite, zwischengeschoben gibt es aber einige Doppelseiten mit jeweils vier Fronten und Texten pro Seite in entsprechend kleinerem Format. Manche, dem Zeichner/Autor wohl besonders wichtige Orte, wurden durch farbigen Hintergrund hervorgehoben.

 


Vielfach zeichnete Holland weithin bekannte „Legenden“, wie die Pickle Guys, allerdings finden sich auch einige „versteckte Perlen“. Nicht alle Genannten sind heute noch offen bzw. an derselben Stelle zu finden. Darauf wird zu Anfang auch klar hingewiesen. Für New-York-Kenner teilt sich das Buch in zwei Rubriken: In die „Oldies, but Goodies“, d.h. die Klassiker, und in die „Aha-“ bzw. „Write-it-down-Erlebnisse
.

 

 

Alte Klassiker und wenig bekannte Juwele

Kalustyan’s (123 Lexington Ave.) - Speciality Foods of the World – ist solch ein Klassiker, „Joe’s Pizza“ kennt man aus Spider Man 2, und in der Kategorie Clubs werden z.B. Village Vanguard, Small’s Jazz Club, Blue Note Jazz Club und das Minton’s Playhouse gewürdigt. Julius’ (159 W. 10th St.) rühmt sich, bereits vor dem Stonewall Inn (das ebenfalls abgebildet ist), Anlaufpunkt, Treff und Ort von Protesten der LGBT-Gemeinde gewesen zu sein.

 


 

Russ & Daughters oder Katz’s, Economy Candy oder Yonah Schimmel Knish Bakery, Pearl Diner oder Vesuvio Bakery, Veselka oder Murray’s Bagels sind „kulinarische Klassiker“, die natürlich nicht fehlen dürfen. Weniger bekannt sind hingegen der K.K. Discount Store oder die Gramercy Typewriter Company, wo Tom Hanks Schreibmaschinen gekauft haben soll. Natürlich wurde der Strand Bookstore mit seinen One-Dollar-Carts auf dem Bürgersteig und seinem Rare-book-Room aufgenommen, allerdings auch einige kleine Spezial-Buchläden wie einer für Kochbücher, einer für Krimis, einer für Theaterliteratur oder McNally Jackson für Karten aller Art.

 

The Roost in Alphabeth City scheint ein Spot zu sein, den man sich mal anschauen sollte, ebenso könnte man endlich einen Blick in C.O. Bigelow Pharmacy (414 6th Ave (8/9th St.), die älteste Apotheke der USA, von 1838, werfen. Und auch Pastrami Queen (1125 Lexington Ave.), wo der legendäre Koch und Weltenbummler Antony Bourdain Pastrami-Sandwiches gegessen hat, wird für den nächsten New-York-Besuch gleich notiert. Am Nom Wah Tea Parlor in Chinatown ist man sicher schon mehrmals vorbeigelaufen ohne zu registrieren, dass es sich hier um das älteste kontinuierlich betriebene Restaurant in Chinatown (1920) handelt, und dass neben Dim Sum auch Teespezialitäten serviert werden.

 

Von Militärbedarf bis Restaurantzubehör


Eher etwas kurios wirken in der Serie Institutionen wie die Greenwich Locksmiths, Army & Navy Bags – Militärbedarf in # 77 E. Houston St., das übrigens durch Crowdfounding 2020 gerettet wurde – , Capitol Fishing Tackle Co. (Angelbedarf), Cowboy Shoe Repair oder Casey Rubber Stamps (Gummistempel). „Just Bulbs“ verkauft nur Glühbirnen, bei Chef Restaurant Supply (294 Bowery) bekommt der Hobbykoch das lange benötigte richtige Messer und in der Village Music World (197 Bleecker) findet der Plattenfan die richtige Scheibe. Vielleicht sollte man auch einmal B&H Dairy oder den Lexington Candy Store (1226 Lexington) selbst ausprobieren? In Letztgenanntem gibt es weniger Süßes, als vielmehr typisch amerianische Kost, hier kann man als Gast noch einen der letzten originalen „Lunchenettes“, seit 1925 in Familienbesitz, erleben.


 

Die Anordnung der Lokalitäten erfolgt eher willkürlich, weder nach Genres, noch alphabetisch, und auch nicht geografisch. Man hätte sich vielleicht gewünscht, dass die Spots nach Vierteln angeordnet worden wären – was passagenweise zwar so wirkt, aber dann nur sehr grob zutrifft. Im hinteren Teil des Buches befinden sich dann Karten „Nördlich der 34th St.“, „Zwischen Houston St. und 34th“ (wo sich die meisten Punkte befinden) und „Südlich der Houston St.“, aber diese helfen zur geografischen Verortung nicht wirklich.

 

 

 

 

 

Abgesehen von dieser organisatorischen Kleinigkeit, handelt es sich um ein wirklich gelungenes Buch, das man vor jeder New York-Reise wieder konsultieren kann. Die Zeichnungen sind ein Augenschmaus – detailliert, prägnant, heiter und machen neugierig. Die Anordnung von Text und Bild ist harmonisch, das Design perfekt. Kurzum: Beim Durchblättern wächst der Wunsch, der Sache nachzugehen und Zeichnung und Original, vor Ort, zu vergleichen.

 

© Fotos: Prestel Verlag (Zeichnungen aus dem Buch) bzw. MB (Fotos zur Gegenübertellung).  

TORE ZUR WELT – HAFENSTÄDTE

 

Tore zur Welt – Hafenstädte: Laboratorien der Moderne 

Herausgegeben von Jörg Vögele, Luisa Rittershaus
Autor/en: Jörg Vögele, Luisa Rittershaus, Margrit Schulte Beerbühl, Nadine Borowietz, Loredana Fiorello
Buch (kartoniert), 232 Seiten, 35 farbige Illustrationen.
ISBN: 3868326405, Wienand Verlag & Medien Köln, 2021, 25 Euro

Der aufkommende Welthandel, Auswanderungswellen und immer größer werdende Dampfschiffe machten europäische Hafenstädte zu Knotenpunkten der frühen Globalisierung und zu Wegbereitern der Moderne. Auch alle Widersprüche dieser Epoche schienen sich hier zu manifestieren: Kommen und Gehen, Spass und Einsamkeit, Reichtum und Armut, modernste Technik und unqualifizierte Arbeit. Der Band beschäftigt sich anhand von Essays von Experten, z.B. Kunsthistoriker/inne/n und Sprachwissenschaftler/inne/n, mit den unterschiedlichsten interessanten Aspekten von Hafenstädten und Seefahrt. 




Mystischer Klang, harte Realität

Amsterdam, Hamburg, Liverpool, Marseille, Genua, Piräus, Odessa oder Honolulu (Foto rechts) - Hafenstädten wohnt noch immer ein mystischer Klang inne. Sie werden bis heute mit Handel, Schiffsverkehr, Auswanderung und Fernweh in Verbindung gebracht. Die Haupt- und Prachtstraßen – ob Reeperbahn, Tiger Bay oder Paradise Street – übten magische Anziehungskraft aus. Zum Hafen gehör(t)en Exotik und Erotik, Anrüchiges wie Glücksspiele, Tätowierungen, Schmuggel, Alkohol und Promiskuität der Matrosen. Hier trafen Alt und Neu, Abschied und Ankunft, ethnische Vielfalt und kosmopolitischer Charakter, Prostituierte und Matrosen, Seemannskneipen und Bordelle aufeinander. Ein babylonisches Sprachengewirr – jedoch strikt getrennte Wohnviertel der einzelnen Ethnien – sorgten für internationales Flair und Exotik und diese Atmospähre faszinierte Tourist/innen ebenso wie Künstler/innen, Schriftsteller/innen und Musiker/innen.  Und um diese geht es hier auch.


In dem von Paulina Rauh mit witzigen Zeichnungen versehenen Band, der im Wienand Verlag in Köln im Frühjahr 2021 erschienen ist,  herausgegeben von Jörg Vögele und Luisa Rittershaus, geht es um die Welt der Hafenstädte während ihrer Blütezeit im 19. und frühen 20. Jh. Eine breite Palette an Themen, z.B. »Frauen im Hafen« »Seemannstattoos«, »Seemännisch für Landratten«, der Schmuggel im Zeitalter Napoleons, »Seestücke« (Malerei) und die Rolle von Hafenstädten in Film, Musik und Literatur kommt da zur Sprache. Man wird an die Titanic, an Lilly Marleen, an Tango in den Seemannskneipen oder Goethes Italienische Reise und Venedig erinnert. Im Kapitel über Seemannsgarn, Kesselklopfersprache und andere Geheimsprachen wird klar, woher beispielsweise die Begriffe » klar Schiff machen«, oder »im selben Boot sitzen« kommen.

                                                  Häfen Seattle/WA und Galveston/TX

Die Liebe der Matrosen

Prostituierte gehören untrennbar zum Hafen, aber nicht nur sie. Von den »Staumädchen«, die die Ladung an Bord verstauten, bis hin zu »Domestic Service« und Kaffee-Sortiererinnen in den Lagerhallen – es wird vor allem deutlich, dass Frauen wichtige Fadenzieherinnen im  maritimen Alltag waren. Und das, obwohl es bis in die 1950er-Jahre dauern sollte, ehe Frauen erstmals als Funkerinnen anheuern durften. Bis die erste Frau ein Schiff steuerte, vergingen noch viele weitere Jahre.

Von Geschlechtskrankheiten über Homosexualität bis Sadismus unter der Besatzung, zwischen Einsamkeit und praller Lebenslust – die Seefahrt war eigen und Matrosen eine ganz besondere Spezies! Seemannstattoos – unterschiedliche Motive, die sich die Seemänner als Reisesouvenir, v.a. in Hafenstädten, stechen ließen sind ein weiteres Thema. Wie ernährten sich die Matrosen, welche Rolle spielte der Hamburger Fischmarkt, wie stand es um Genussmittel wie Kaffee, Alkohol und Tabakwaren – all das sind interessante Aspekte in dem Buch.

 
Foto links: The Kissing Sailor (San Diego/CA)

 

 

Hoffnungsvoll gen Westen

Auswanderer nutzten die Hafenstädte als Durchgangsstation: Von den 5,5 Mio. Emigranten, die zwischen 1819 und 1859 in die USA und nach Kanada fuhren, wanderten beispielsweise zwei Drittel über Liverpool aus. Auf transatlantischen Passagierschiffen gingen die Menschen oft auf wochen- oder  sogar monatelange Reise. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderte ein Großteil der Auswanderer aus West- und Nordeuropa über die Hafenstädte Antwerpen, Le Havre, Liverpool und Rotterdam in die Vereinigten Staaten aus. Vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg in den 1860ern waren die Hafenstädte Baltimore, Boston, New Orleans und Philadelphia wichtigste Einwanderungshäfen. 


Im Verlauf des 19. Jahrhunderts und mit steigender Attraktivität des dünner besiedelten Westen wurde New York City zum wichtigsten Anlaufpunkt. Zwar hatte es schon 1818 eine erste fahrplanmäßige Route Liverpool-New York City (Black Ball Line) gegeben, doch mit der Fertigstellung des Eriekanals 1825 expandierte der Hafen. Dampf- und Segelschiffe fuhren Ellis Island jedoch nicht direkt an, sondern legten an den Pieren des Hudson oder des East River an. Die Passagiere der 3. Klasse wurden von dort mit Fähren nach Ellis Island (siehe Fotos oben) gebracht um sie  medizinisch zu untersuchen und ihre Papiere zu kontrollieren, die in den besseren Klassen konnten gleich an Land gehen.

Paulina Rauh, freiberufliche Illustratorin hat den Band analog, mit Tuschestift und Aquarell, bebildert. Auch in die Gestaltung des Layouts sind analoge Techniken eingeflossen: Titel sowie Seitenzahlen sind händisch gestempelt. Das Buch endet mit einem Anmerkungsteil und mit der Vorstellung der Autor/inn/en. Alles in allem ein inhaltlich hochinteressanter und schön gestalteter Band zum Thema Hafen, Seefahrt … und zu vielen anderen Seitenaspekten. 

Queen Mary II.



Hillbilly-Elegie von J.D. Vance


J.D. Vance,

Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise

Ullstein Verlag, Berlin 2017
ISBN 9783550050084
Gebunden, 304 Seiten, 22 Euro
Originaltitel: Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis (Harper & Row, 2016)

Das 2016 in den USA erschienene Buch »Hillbilly Elegy« ist mehr als ein ein trauriger Lobgesang auf die »Hinterwäldler«: ein Familien- und Erziehungsroman, eine Autobiografie, eine Sozialreportage, ein Sachbuch, und nicht zuletzt eine  Informationsquelle über US-Marines und Eliteuniversitäten. Hauptschauplätze des Buches von J.D. Vance sind Ohio und die Appalachen in Kentucky, ein bewaldetes Mittelgebirge im Osten Nordamerikas, das sich über eine Länge von 2400 km von Neufundland in Kanada bis in den Norden des US-Bundesstaates Alabama erstreckt. Die meisten Menschen, die hier lebten, sind weiß, arm, religiös und einfache Gemüter – bei Bedarf auch gewaltbereit: Hillbillies, Hinterwäldler.

In dem Buch geht um eine gespaltene Gesellschaft, um ein schonungsloses Milieu, die der anfangs 12-Jährige James Donald, kurz »J.D.«, im Gerichtssaal, wo es (wieder mal) um sein Sorgerecht geht, beschreibt. So beginnt das Buch, es endet mit J.D. als strahlender Absolvent der renommierten Yale University Law School.  Erzählt wird – aus der Perspektive dieses jüngsten Sohnes – die Geschichte einer Familie, genauer gesagt, von drei Generationen, bei denen die Großeltern, wie viele andere Arbeits- und Glückssuchende, von Kentucky nach Ohio gezogen sind, um dort den amerikanischen Traum zu realisieren. Sie gelten als »Hillbillies«, sind weiße Fabrikarbeiter, Unterschicht, die in der allmählich niedergehenden Stahlindustrie schuften und dennoch dem Teufelskreis von Armut und Abhängigkeit nur in seltenen Fällen entkommen.

 

Von Kentucky nach Ohio – die »Hill People«

J.D. Vance (geboren 1984) hat seinen Jura-Abschluss in Yale gemacht und ist heute ein erfolgreicher Kapitalmanager und Schriftsteller. Er wuchs in der Industriestadt Middletown, im sog. Rust Belt von Ohio auf, seine Vorfahren stammen aus Jackson, Kentucky, wohin er auch immer wieder zurückkehrt. Die Familiengeschichte beginnt im Nachkriegsamerika, als seine Großeltern – »Mamaw« und »Papaw« – nach Ohio umziehen. Dort beginnt der Großvater in einer Stahlfabrik in Middletown zu arbeiten. Auch am neuen Wohnort bleiben die »Hill People« unter sich. Papaw kauft ein Haus und bemüht sich um den sozialen Aufstieg seiner Familie, zugleich ist er aber Alkoholiker und zu Hause herrschten raue Sitten.

Vances Mutter Beverly ist bei ihrem Highschool-Abschluss, als Zweitbeste ihrer Klasse!, bereits schwanger. J.D. Vance verbringt viel Zeit bei den Großeltern, vor allem bei der Großmutter, da die Mutter eher Drogen und wechselnden Männern zugewandt ist als der Erziehung des Sohnes und seiner älteren Schwester Lindsay. J.D’s leiblicher Vater hatte den Jungen zudem zur Adoption freigegeben. Lindsay kümmert sich neben den Großeltern um J.D., was die Geschwister zu Verbündeten macht gegen die Mutter, die einerseits ihre Kinder bedroht und andererseits um Hilfe bettelt. Beispielsweise um Urinproben, die verhindern sollen, dass sie wieder einmal einen Arbeitsplatz verliert.

Die Großmutter, »Mamaw«, bei der J.D. die letzten Jahre vor seinem High-School-Abschluss verbringt, gibt ihm Halt und bringt ihn nach einigem Auf und Ab auf die richtige Bahn. Trotz guten Highschool-Abschlusses entscheidet sich dann der noch unsichere Junge jedoch, zu den U.S. Marines zu gehen, zur Eliteeinheit des amerikanischen Militärs. Der dortige harte Schliff über vier Jahre gibt seinem Leben Struktur, ist Charakterschulung, verhilft ihm zu Durchsetzungsvermögen und Disziplin, und dazu, endlich an sich selbst zu glauben – Irak-Einsatz und Patriotismus inklusive. Zugleich gibt die Schilderung dieser Zeit dem Leser einen guten Einblick in das Training bei den Marines, das mit unserer Bundeswehr oder selbst mit der Ausbildung in anderen US-Militärabteilungen wenig zu tun hat.

Aufstieg mit Hindernissen

Denselben hohen Informationsgehalt haben übrigens Vances Ausführungen im letzten Buchdrittel über seine Aufnahme und seinen Werdegang an der renommierten Yale University in New Haven/ Connecticut, wo er Jura studiert. Interessant für den Leser: Selbst eine Ivy League-School wie diese, ist mithilfe von Unterstützungsprogrammen und Stipendien bei entsprechender Leistung durchaus auch für Leute der unteren Schichten zugänglich – selbst wenn diese weiterhin Außenseiter bleiben. Denn als solcher fühlt sich Vance stets, wenn er damit hadert, wie gekleidet er zum Interview erscheinen soll oder welches Besteck beim großen Dinner wozu dient.

J.D. erzählt eine Aufsteigergeschichte, allerdings eine mühsame. Am Schluss gelingt es ihm, der Gewalt – physisch wie verbal –, den Unberechenbarkeiten, Umzügen, Wirrungen und Vorbelastungen seiner Familie zu entkommen, wie er sie gegen Ende des Buches mit seiner Freundin und späteren Frau Usha analysiert. Im letzten Viertel des Romans geht es auch um die Schuldfrage, vor allem im Hinblick auf das Scheitern der Mutter, und um Einblicke in die Psyche der Hillbillies. 


Vance verzichtet bei seiner Analyse auf Pathos und Vorurteile und ist der Meinung, dass die Leute selbst an ihrem Schicksal Mitschuld tragen. Mangelnde Bildung, fehlender Ehrgeiz und Unaufgeklärtheit sieht er als Hauptursachen für die Situation der »Ewig-Abgehängten«. So staut sich Frust auf, Pessimismus grassiert und Initiativlosigkeit ist verbreitet. 

Viele Amerikaner sprechen auch von »Rednecks« oder »White Trash« und diese Gesellschaftsgruppe war es auch, die einst Trump gewählt hat. Dementsprechend handelt es sich bei »Hillbilly Elegy« nicht nur um eine Familiengeschichte, sondern auch um eine sozio-ökonomische Analyse, die das Buch in den USA gerade während Trumps Amtszeit zum Bestseller machte. Denn Vance weiß, dass heute „viele europäische Länder den amerikanischen Traum besser verwirklichen als Amerika“.

Inzwischen wurde das Buch von Ron Howard für Netflix verfilmt und 2017 erschien der Roman in der deutschen Übersetzung von Gregor Hens im Ullstein-Verlag.

 

©Text & Fotos: MB



Die Fuggerei: 500 Jahre sozialer Wohnungsbau

 



Die Fuggerei. Familie, Stiftung und Zuhause seit 1521

Hsg. Astrid Gabler

Hanser Corporate im Carl Hanser Verlag, München 2020

192 Seiten, fest gebunden, ISBN 978-3-446-26351-2

22,00 € (D), 22,70 € (AU)

 

 

„Ich, Jakob Fugger, Bürger zu Augsburg, bekenne mit diesem Brief, (...) der armen Leute Häuser am Kappenzipfel als Stiftung zu vollenden und die Nachfahren auf ewig mit der Vollstreckung zu verpflichten.“

 

Mit diesen Worten beginnt der am 23. August 1521 von Jacob Fugger – auch im Namen seiner damals schon verstorbenen beiden Brüder Ulrich und Georg – unterzeichnete Stiftungsbrief, der den Grundstein für die älteste, bis heute bewohnte Sozialsiedlung der Welt gelegt hat. Seit 500 Jahren ist die „Fuckerey“, wie sie damals hieß, eine ummauerte Stadt in der Stadt – mit drei Einlasstoren, Kirche, romantischen Gassen und kleinen Häuschen mit Gärten – und eine der Top-Touristenattraktionen Augsburgs.

 

Begehrte Mietwohnungen 

 

Die Fuggerei ist ein fortdauernder, zeitloser Modellversuch, der zwischen 1516 und 1523 ins Leben gerufen wurde. Als Wohnsiedlung für bedürftige Augsburger Bürger, v.a. Handwerker und Taglöhner, wurde sie nach Plänen von Baumeister Thomas Krebs errichtet und durch die Urkunde von Jakob Fugger „dem Reichen“ von 1521 in die „ewige“ Obhut der von ihm geschaffenen Stiftung gelegt. Die Fuggerei gehört also weder den Fuggern privat, noch der Stadt Augsburg.

 



Architektonisch handelt es sich um zweigeschossige Reihenhäuschen auf standardisierten Grundrissen mit meist je zwei kleinen Wohnungen, jeweils mit separatem Eingang, insgesamt 140 in 67 Gebäuden. Ausgestattet mit Küche, Wohnstube, Kammer und Schlafstube waren sie für die Entstehungszeit großzügig geplant und modern ausgestattet – eine historische Wohnung ist im Museum in der Mittleren Gasse unzerstört erhalten; im Vergleich dazu sind auch Räume und Flur einer modernen Wohnung zu sehen. 

 

Die Grundmiete von 1 Rheinischen Gulden – was einem heutigen nominellen Gegenwert von 88 Cent entspricht – wurde beibehalten, dazu kommen natürlich noch die Nebenkosten. Mieter verpflichten sich außerdem, täglich drei Gebete für den Stifter und seine Familie  zu sprechen. Noch immer werden die Tore um 22 Uhr geschlossen, danach öffnet der Nachtwärter nur nach Hinterlegung einer „Sperrgebühr“.

 

Eine „ewige“ Einrichtung

 

Dieses soziale Wohnbauprojekt, ist ein viel besuchter Ort, bewohnt von „normalen Menschen“ und daher alles andere als ein „Musemsdorf“. Neben der Puppenkiste gilt die Fuggerei als die zweite Hauptattraktion Augsburgs. Die Fuggersche Stiftung hat daher zum 500. Geburtstag auch einen besonderen Bildband im Carl Hanser Verlag München auf den Markt gebracht hat. Es handelt sich um das erste Standardwerk zur Fuggerei, herausgegeben von Astrid Gabler unter Mitarbeit zahlreicher weiterer Autoren.

 


Der gut illustrierte und von langjährigen Kennern der Geschichte der Fugger verfasste Band liefert eine umfassende, profunde und anschauliche Darstellung der Einrichtung, deren soziales Engagement Tradition und Zukunft zugleich verkörpert. Die Geschichte der Familie Fugger und die Gründe, die eine der einflussreichsten Handelsdynastien des 16. Jahrhunderts zur Einrichtung einer Sozialsiedlung bewegten, werden ebenso in dem Band geschildert wie die Architektur, den Betrieb der Fuggerei, ihre Bewohner, Bewerbungsverfahren und Voraussetzungen für das Wohnen dort und dazu lebendige Eindrücke von Heute.

 

Rund 150 Menschen leben heute in der Fuggerei, pro Jahr werden drei bis zehn Wohnungen frei und die Warteliste ist lang. Als Kriterium für die Aufnahme gilt noch immer, dass sie „ohne eigenes Verschulden in Armut geraten, katholisch und wohnhaft in Augsburg sind“. Denn die Fuggerei ist kein Alterswohnsitz, sondern steht Bedürftigen offen. Derzeit ist etwa die Hälfte der Bewohner unter 66 Jahre alt, rund zwei Drittel sind weiblich. Wohl prominentester Bewohner war einst der Maurermeister Franz Mozart, der Urgroßvater des weltberühmten Komponisten. 

 

Bis heute wird die Sozialsiedlung nahezu ausschließlich aus dem Stiftungsvermögen (Forstwirtschaft und Immobilien) der drei Linien der Fugger-Familie – Fugger-Kirchberg, Fugger-Babenhausen und Fugger von Glött – finanziert.

 

Lesenswertes über die Fugger und darüber hinaus

 

Die Absolventin der Filmhochschule Astrid Gabler, die seit 2016  die Abteilungen Kommunikation und Programme der Fuggerschen Stiftungen leitet, hat als Herausgeberin viele Fachleute in das Projekt eingebunden: die Historiker Dr. Stefan Birkle, Franz Karg M.A. und Prof. Dr.  Dietmar Schiersner – alle für das Fugger-Archiv tätig –, die Historikerin Dr. Anke Sczesny und die Architekturhistorikerin Dr. Hilde Strobl.

 

Über die Entstehung der Siedlung, die Familiengeschichte und die historische Einordnung schreibt Prof. Schiersner in den beiden ersten Kapiteln, „Um 1500: Die Fugger, Augsburg und die weite Welt“ und „Schenken und Stiften – Frömmigkeit und Familie“. Interessant auch sein Aufsatz „Der Mietnachlass als soziale Innovation: Warum ein Rheinischer Gulden?“. Hilde Strobl untersucht in ihrem Aufsatz die Architektur der Fuggerei zwischen Tradition und Modernität, Franz Karg beschäftigt sich mit Veränderungen und Krisen der Siedlung und der Stiftungen im Laufe der Geschichte. 

 

Für Anke Sczesny steht der interessante Aspekt der Armenfürsorge und Armutsbewältigung bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zentrum und Stefan Birkle widmet sich in dem Abschnitt „Arbeiten für die Fuggerei“ den vielfältigen Aufgabenbereichen: von den Verwaltern und der Administration über die Baumeister und die Bedeutung der Forstwirtschaft für die Stiftung, bis hin zu den Handwerkern, die Kirche und den sozialen und medizinischen Dienst.

 

Ein Prachtband zum Geburtstag

 

Eine Großteil der Texte stammt von Sigrid Gribl, als selbstständige Texterin und Autorin seit 2014 auch als Beraterin für Texte und Inhalte für die Fuggerschen Stiftungen aktiv. Sie hat z.B. Texte über die Geschichte der Fuggerei von 1905–1945, über die Fuggerei-Bewohner oder das interessante Kapitel „Legenden, Fake News, Tatsachen zur Fuggerei“ verfasst.

 


Den gelungenen Abschluss des Bandes lieferte die mehrfach ausgezeichnete und in Leipzig lebende Schriftstellerin Anja Kampmann (u.a. „Wie hoch die Wasser steigen“ 2018 oder „Der Hund ist immer hungrig“ 2021, beide Carl Hanser Verlag, München). In „Möchten’s Pfannkuchen? Eine Einladung in die Fuggerei von heute“ schildert sie ihren dreitägigen Besuch in der Fuggerei und die Begegnungen mit den heute dort lebenden Menschen. Den Schluss bildet das Gedicht „Fuggerei“.

 

Es  ist ein Vergnügen und dazu informativ, in diesem Buch über die älteste Sozialsiedlung der Welt zu zu lesen, doch auch die Aufmachung und besonders die Bildauswahl, bei der die Menschen im Mittelpunkt stehen, machen den Band attraktiv und zu einem netten Geschenk. Es handelt sich um eine Mischung aus modernen und historischen Bildern, Grafiken und Texten, die den Anlass der Publikation, der Feier des 500. Geburtstags der Fuggerei, gebührend würdigen. Interessanter Lesestoff mit vielen Infos zur Geschichte der ältesten Sozialsiedlung der Welt und ein Buch, das man gerne immer wieder zur Hand nimmt.

 

Weitere Informationen:

www.fugger.de/fuggerei.html

www.augsburg-tourismus.de

M. Brinke – P. Kränzle, CityTrip Augsburg, Reise Know-HowVerlag, Bielefeld,

ISBN: 978-3-8317-3256-2, 144 Seiten, 4. Aufl. 2019

Fugger & Welser Museum Augsburg

 

© Text & Fotos: MB-PK