Episoden aus Harlem

 

 Sidik Fofana, Dünne Wände

Claassen Verlag Berlin

256 S., Hardcover 23 €, ISBN 9783546100151, 2024

Originaltitel: Stories from the Tenants Downstairs, übersetzt von Jens Friebe

 

 

Gleich vorweg: Ein Buch aus dem New Yorker „Harlem-Slang“ zu übersetzen, mag schwierig sein. Und, im Deutschen ist der Text auch teils sehr gewöhnungsbedürftig für Leser. Grundfrage hier ist: Sollte man das überhaupt versuchen? Es bleiben  Zweifel an der Übersetzung und persönlich würde ich die englische Version vorziehen. 

 

ClaassenVerlag©RogWalker
Dennoch, kürzlich ist im Berliner Claassen Verlag das Erstlingswerk des Amerikaners  Sidik Fofana (Foto rechts) mit dem Titel "Stories from the Tenants Downstairs" von Jens Friebe ins Deutsche übersetzt worden. Ungeachtet aller sprachlichen Bedenken handelt es sich um einen lesenswerten Roman, der ein gutes Bild von einer nicht gerade begünstigten sozialen Schicht im überwiegend schwarzen Harlem gibt. 

 

Er spielt in einer hellhörigen (daher der Titel!) Wohnsiedlung in Harlem, im Norden Manhattans, in der sog. Banneker Terrace an der 129th Street/Frederick Douglass Avenue. Reell existiert dieser Wohnkomplex zwar nicht, aber vielleicht ist er vergleichbar mit den Manhattanville Houses – einem „Public Housing Project“ zwischen Broadway und Amsterdam Ave., 129th-133rd Street, bestehend aus sechs 20-stöckigen Gebäuden mit 1272 Apartments, 1961 fertiggestellt. Nur um eine Vorstellung von den  Wohngegebenheiten zu geben …

 

Der Roman gliedert sich in Episoden, die mehr oder weniger stark durch die Charaktere verbunden werden. Eine Hauptdarstellerin ist Ms. Dallas, die am Flughafen arbeitet und im Zweitjob an einer Schule hilfsbedürftige Kinder betreut. Da der Autor, Fofana, selbst Lehrer in Brooklyn ist und Kreatives Schreiben an der New York University studiert hat, dürfte er gut Bescheid wissen, wie es in Schulen in den weniger privilegierten Vierteln zugeht.


Gedanken, Hoffnungen, Zweifel und Sehnsüchte, Kämpfe und Liebschaften der Mieter/innen stehen im Zentrum der Episoden. Eine weitere Romanfigur  heißt Mimi und lebt in Apartment 14D. Die junge, schwarze  Frau ist die Mutter eines Sohnes, der Beeinträchtigungen hat, seit er als Kleinkind giftige Farbe geleckt hat. Mimi arbeitet als Bedienung (und lässt für gutes Trinkgeld auch betatschen) und flicht nebenzu Zöpfe, afrikanische Braids.

Als Gehilfen hat sie Dary, jung und gay, und ansonsten bei einem Escort Service tätig. Wie ein roter Faden zieht sich die Sorge, wie sie die nächste Miete aufbringen kann, durch Mimis Leben, doch zwischendurch wird sie schwach und schmeißt das hart verdiente Geld für sinnlose Luxusartikel raus. Fortunes Vater Swan wohnt ebenfalls im selben Haus, in Apartment 6B, bei seiner Mutter Ms. Dallas, und pflegt Umgang mit eher zwielichtigen Figuren, immer nah dran, auf die schiefe Bahn zu gelangen. 

 

Murray, ein alter Mann, sitzt seit Jahren täglich auf dem Gehweg. Er baut sein Schachbrett immer an der gleichen Stelle auf und wartet auf Mitspieler. Dann wird er plötzlich vertrieben, da er das Klientel eines neu eröffneten Restaurants stören könnte. Und dann gibt es in dem Buch die Briefe von Nasjee, 12 Jahre alt, die mit Kumpeln als Gruppe „Lite Feet „in U-Bahnen tanzte und einen tragischen Unfall miterlebt hat. Der Brief strotzt vor Fehlern (und ist im Deutschen dadurch schwer lesbar) und berührt.

Es geht zumeist um Episoden und Eskapaden in dem Wohnkomplex, der alles andere als schön ist, aber von Vielen als ihr einzige Zuflucht betrachtet wird. Es handelt sich um eine Schicksalsgemeinschaft von Personen, die selten auf der Gewinnerseite stehen, einfache schwarze Menschen im ständigen Kampf ums Überleben, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. 

 

Doch auch hier wieder schlechte News für die Mieter: Ihr Wohnblock wurde verkauft – was im Zuge der Gentrifizierung von Harlem tatsächlich keine Seltenheit ist ­– und die ersten Mieter haben die Aufforderung zur Räumung erhalten, jene zuerst, die mit der Mietzahlung zurück liegen bzw. von denen am wenigsten Widerspruch zu erwarten ist. Dünne Wände erzählt von einer Gemeinschaft, die bedroht wird und trotz aller Unterschiede irgendwie zusammenhält.  

 

Das Buchcover zeigt eine Häuserfront mit verschlossenen Fenstern. Eines davon ist einen Spalt geöffnet, vielleicht um zumindest einen kleinen Einblick zu geben in eine Gesellschaft, die die meisten von uns sich so nicht vorstellen können. 

 

©Fotos: Claassen Verlag (Buchcover, Autor) sowie MB (3)

©Text: MB 

 

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