Die Fuggerei: 500 Jahre sozialer Wohnungsbau

 



Die Fuggerei. Familie, Stiftung und Zuhause seit 1521

Hsg. Astrid Gabler

Hanser Corporate im Carl Hanser Verlag, München 2020

192 Seiten, fest gebunden, ISBN 978-3-446-26351-2

22,00 € (D), 22,70 € (AU)

 

 

„Ich, Jakob Fugger, Bürger zu Augsburg, bekenne mit diesem Brief, (...) der armen Leute Häuser am Kappenzipfel als Stiftung zu vollenden und die Nachfahren auf ewig mit der Vollstreckung zu verpflichten.“

 

Mit diesen Worten beginnt der am 23. August 1521 von Jacob Fugger – auch im Namen seiner damals schon verstorbenen beiden Brüder Ulrich und Georg – unterzeichnete Stiftungsbrief, der den Grundstein für die älteste, bis heute bewohnte Sozialsiedlung der Welt gelegt hat. Seit 500 Jahren ist die „Fuckerey“, wie sie damals hieß, eine ummauerte Stadt in der Stadt – mit drei Einlasstoren, Kirche, romantischen Gassen und kleinen Häuschen mit Gärten – und eine der Top-Touristenattraktionen Augsburgs.

 

Begehrte Mietwohnungen 

 

Die Fuggerei ist ein fortdauernder, zeitloser Modellversuch, der zwischen 1516 und 1523 ins Leben gerufen wurde. Als Wohnsiedlung für bedürftige Augsburger Bürger, v.a. Handwerker und Taglöhner, wurde sie nach Plänen von Baumeister Thomas Krebs errichtet und durch die Urkunde von Jakob Fugger „dem Reichen“ von 1521 in die „ewige“ Obhut der von ihm geschaffenen Stiftung gelegt. Die Fuggerei gehört also weder den Fuggern privat, noch der Stadt Augsburg.

 



Architektonisch handelt es sich um zweigeschossige Reihenhäuschen auf standardisierten Grundrissen mit meist je zwei kleinen Wohnungen, jeweils mit separatem Eingang, insgesamt 140 in 67 Gebäuden. Ausgestattet mit Küche, Wohnstube, Kammer und Schlafstube waren sie für die Entstehungszeit großzügig geplant und modern ausgestattet – eine historische Wohnung ist im Museum in der Mittleren Gasse unzerstört erhalten; im Vergleich dazu sind auch Räume und Flur einer modernen Wohnung zu sehen. 

 

Die Grundmiete von 1 Rheinischen Gulden – was einem heutigen nominellen Gegenwert von 88 Cent entspricht – wurde beibehalten, dazu kommen natürlich noch die Nebenkosten. Mieter verpflichten sich außerdem, täglich drei Gebete für den Stifter und seine Familie  zu sprechen. Noch immer werden die Tore um 22 Uhr geschlossen, danach öffnet der Nachtwärter nur nach Hinterlegung einer „Sperrgebühr“.

 

Eine „ewige“ Einrichtung

 

Dieses soziale Wohnbauprojekt, ist ein viel besuchter Ort, bewohnt von „normalen Menschen“ und daher alles andere als ein „Musemsdorf“. Neben der Puppenkiste gilt die Fuggerei als die zweite Hauptattraktion Augsburgs. Die Fuggersche Stiftung hat daher zum 500. Geburtstag auch einen besonderen Bildband im Carl Hanser Verlag München auf den Markt gebracht hat. Es handelt sich um das erste Standardwerk zur Fuggerei, herausgegeben von Astrid Gabler unter Mitarbeit zahlreicher weiterer Autoren.

 


Der gut illustrierte und von langjährigen Kennern der Geschichte der Fugger verfasste Band liefert eine umfassende, profunde und anschauliche Darstellung der Einrichtung, deren soziales Engagement Tradition und Zukunft zugleich verkörpert. Die Geschichte der Familie Fugger und die Gründe, die eine der einflussreichsten Handelsdynastien des 16. Jahrhunderts zur Einrichtung einer Sozialsiedlung bewegten, werden ebenso in dem Band geschildert wie die Architektur, den Betrieb der Fuggerei, ihre Bewohner, Bewerbungsverfahren und Voraussetzungen für das Wohnen dort und dazu lebendige Eindrücke von Heute.

 

Rund 150 Menschen leben heute in der Fuggerei, pro Jahr werden drei bis zehn Wohnungen frei und die Warteliste ist lang. Als Kriterium für die Aufnahme gilt noch immer, dass sie „ohne eigenes Verschulden in Armut geraten, katholisch und wohnhaft in Augsburg sind“. Denn die Fuggerei ist kein Alterswohnsitz, sondern steht Bedürftigen offen. Derzeit ist etwa die Hälfte der Bewohner unter 66 Jahre alt, rund zwei Drittel sind weiblich. Wohl prominentester Bewohner war einst der Maurermeister Franz Mozart, der Urgroßvater des weltberühmten Komponisten. 

 

Bis heute wird die Sozialsiedlung nahezu ausschließlich aus dem Stiftungsvermögen (Forstwirtschaft und Immobilien) der drei Linien der Fugger-Familie – Fugger-Kirchberg, Fugger-Babenhausen und Fugger von Glött – finanziert.

 

Lesenswertes über die Fugger und darüber hinaus

 

Die Absolventin der Filmhochschule Astrid Gabler, die seit 2016  die Abteilungen Kommunikation und Programme der Fuggerschen Stiftungen leitet, hat als Herausgeberin viele Fachleute in das Projekt eingebunden: die Historiker Dr. Stefan Birkle, Franz Karg M.A. und Prof. Dr.  Dietmar Schiersner – alle für das Fugger-Archiv tätig –, die Historikerin Dr. Anke Sczesny und die Architekturhistorikerin Dr. Hilde Strobl.

 

Über die Entstehung der Siedlung, die Familiengeschichte und die historische Einordnung schreibt Prof. Schiersner in den beiden ersten Kapiteln, „Um 1500: Die Fugger, Augsburg und die weite Welt“ und „Schenken und Stiften – Frömmigkeit und Familie“. Interessant auch sein Aufsatz „Der Mietnachlass als soziale Innovation: Warum ein Rheinischer Gulden?“. Hilde Strobl untersucht in ihrem Aufsatz die Architektur der Fuggerei zwischen Tradition und Modernität, Franz Karg beschäftigt sich mit Veränderungen und Krisen der Siedlung und der Stiftungen im Laufe der Geschichte. 

 

Für Anke Sczesny steht der interessante Aspekt der Armenfürsorge und Armutsbewältigung bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zentrum und Stefan Birkle widmet sich in dem Abschnitt „Arbeiten für die Fuggerei“ den vielfältigen Aufgabenbereichen: von den Verwaltern und der Administration über die Baumeister und die Bedeutung der Forstwirtschaft für die Stiftung, bis hin zu den Handwerkern, die Kirche und den sozialen und medizinischen Dienst.

 

Ein Prachtband zum Geburtstag

 

Eine Großteil der Texte stammt von Sigrid Gribl, als selbstständige Texterin und Autorin seit 2014 auch als Beraterin für Texte und Inhalte für die Fuggerschen Stiftungen aktiv. Sie hat z.B. Texte über die Geschichte der Fuggerei von 1905–1945, über die Fuggerei-Bewohner oder das interessante Kapitel „Legenden, Fake News, Tatsachen zur Fuggerei“ verfasst.

 


Den gelungenen Abschluss des Bandes lieferte die mehrfach ausgezeichnete und in Leipzig lebende Schriftstellerin Anja Kampmann (u.a. „Wie hoch die Wasser steigen“ 2018 oder „Der Hund ist immer hungrig“ 2021, beide Carl Hanser Verlag, München). In „Möchten’s Pfannkuchen? Eine Einladung in die Fuggerei von heute“ schildert sie ihren dreitägigen Besuch in der Fuggerei und die Begegnungen mit den heute dort lebenden Menschen. Den Schluss bildet das Gedicht „Fuggerei“.

 

Es  ist ein Vergnügen und dazu informativ, in diesem Buch über die älteste Sozialsiedlung der Welt zu zu lesen, doch auch die Aufmachung und besonders die Bildauswahl, bei der die Menschen im Mittelpunkt stehen, machen den Band attraktiv und zu einem netten Geschenk. Es handelt sich um eine Mischung aus modernen und historischen Bildern, Grafiken und Texten, die den Anlass der Publikation, der Feier des 500. Geburtstags der Fuggerei, gebührend würdigen. Interessanter Lesestoff mit vielen Infos zur Geschichte der ältesten Sozialsiedlung der Welt und ein Buch, das man gerne immer wieder zur Hand nimmt.

 

Weitere Informationen:

www.fugger.de/fuggerei.html

www.augsburg-tourismus.de

M. Brinke – P. Kränzle, CityTrip Augsburg, Reise Know-HowVerlag, Bielefeld,

ISBN: 978-3-8317-3256-2, 144 Seiten, 4. Aufl. 2019

Fugger & Welser Museum Augsburg

 

© Text & Fotos: MB-PK


CALLAN WINK, BIG SKY COUNTRY


Callan Wink, Big Sky Country

Aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Meyer

Suhrkamp Verlag Berlin, 2021

Gebunden, 378 Seiten, 
ISBN: 978-3-518-42983-9, 23 €

Im Original erschienen unter dem Titel "August" (Random House).

 

„Big Sky Country“ ist der Spitzname des US-Bundesstaates Montana, 1962 als werbewirksamer Slogan vom Montana State Highway Department aufgebracht. Er bezieht sich auf den endlosen Horizont, die gigantische Weite der Landschaft Montanas. In dieser spielt ein guter Teil des  Debut-Roman des Amerikaners Callan Wink (*1984), der von Hannes Meyer ins Deutsche übersetzt wurde und kürzlich im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Wink ist ein junger, noch nicht allzu bekannter Autor. Er arbeitet im Sommer als Fly Fishing Guide auf dem Yellowstone River in Montana, im Winter lebt, surft und schreibt er im kalifornischen Santa Cruz. 2016 erschien bereits sein Erzählungsband „Dog Run Moon“ ("Der letzte beste Ort").



Fernab von Glitz und Glimmer

Schauplätze des Romans sind das ländliche Michigan und das dünn besiedelte Montana, weit weg von Glitz und Glimmer, von großstädtischem Leben und hoher Kultur.  Es handelt sich um einen sog. Bildungs- und Entwicklungsroman oder um eine »coming-of-age story« im ländlichen Amerika, im »Heartland« der USA. Wink begleitet seinen Protagonisten August – so auch der Titel der englischen Originalfassung – über einen Zeitraum von rund 13 Jahren, beginnend Ende der 1990er-Jahre, als er 12 Jahre alt war, bis zu einem Alter von Mitte 20.

 

Der 12-jährige August, »Augie« genannt, wächst auf einem Milchviehbetrieb in Michigan auf und verbringt seine Zeit vor allem mit Kühemelken, Heumachen, im Geräteschuppen, mit seinen Hunden oder beim Fischen. Auf Geheiß seines Vaters macht er sich daran, die sich übermäßig vermehrenden Katzen auf dem Hof zu töten. Für jeden abgelieferten Schwanz erhält er einen Dollar – so beginnt der Roman. Der Junge soll schließlich hart und ein richtiger Mann werden, dabei ist er in Realität eher ein Träumer mit wenig Emotionen, der lieber abhängt und beobachtend durch die Gegend streift. Konflikten geht er aus dem Weg, er prügelt sich nicht gern. 

 

 
Während Augie Katzen zur Strecke bringt, bröckelt die Ehe der Eltern. Vater Darwin – Wink wählt gerne bedeutungsträchtige Namen! – arbeitet hart und ist bodenständig, während die kettenrauchende Mutter Bonnie eher verträumt, esoterisch und etwas skurril wirkt. Sie hat „Gedankenwolken“ und geht den Pfad der Selbstvervollkommnung, fühlt sich benachteiligt und unterfordert. Der Vater nimmt sich die handfeste, zupackende, viel jüngere „Hilfsarbeiterin“ Lisa zur Geliebten; sie erfüllt eher seine Vorstellungen von einer Ehefrau. Bonnie ist ausgezogen, ins alte Farmhaus, während Vater und Freundin das neue Haus bewohnen. Der junge August pendelt zwischen Mutter und Vater, ist hin- und hergerissen.

 

Neustart im Big Sky Country Montana

Die eingereichte Scheidung veranlasst die Mutter mit August wegzuziehen, nach Montana – es ist ein langer, emotionsgeladener Roadtrip, der da geschildert wird. Sie findet Arbeit als Bibliothekarin in Livingston und man lebt in einem bescheidenen Haus, einem ehemaligen Bordell. Der Big Sky von Montana soll sie und August „befreien“ und zu sich kommen lassen. Dabei wirkt August zunächst recht antriebslos, er radelt über die endlosen Straßen Montanas und angelt an einsamen Flussufern. Es dauert, bis der schüchterne Junge Freundschaften schließt. Er beginnt American Football zu spielen, was zwar zu seiner Statur passt, wovon er jedoch regelmäßig Kopfweh bekommt. Er bemüht sich redlich, ein richtiger Mann zu werden und geht eine kurze Affäre mit einer älteren Nachbarin namens Julie ein, die zugleich enge Freundin der Mutter ist.

 

Nachdem diese Liebschaft jäh endet, zieht er P.B.R (Papst Blue Ribbon) und Pickup Trucks den Frauen und anderen Vergnügungen vor. Jungengespräche mit Bier und Whiskey am Lagerfeuer, die er gelegentlich mitmacht, sind fortan die einzige Abwechslung – neben den Telefongesprächen mit dem Vater (und später auch mit der Mutter), die sich wie ein roter Faden durch den Roman ziehen. Es sind triviale Gespräche, vor allem über das Wetter und die Landwirtschaft, übers Essen und den Fortschritt mit den Frauen. Der Vater versucht ihn immer wieder zu überzeugen, zurückzukehren, gibt vor, Hilfe zu brauchen und versteht nicht, wieso August für andere arbeitet, statt die eigene Farm zu übernehmen.

 

August wirkt unsicher und abgeklärt zugleich, jung und alt, dumm und klug. Er hängt am Landleben, liebt Natur und Landschaft, tut aber den ganzen Roman über wenig Signifikantes. Nach Beendigung der Highschool ist er unentschlossen, beobachtet, wie mehr und mehr seiner Freunde sich an einem College einschreiben oder sich in Folge der Anschläge des 11. September anwerben lassen und in den Krieg ziehen, nach Afghanistan, um den islamistischen Terror zu bekämpfen.

 

Schlüsselerlebnis mit Folgen

 

In Teil 2 des Buches kommt dann ein Freund Augusts, Ramsey, in eben diesem Krieg ums Leben, und wird als Held gefeiert. In seinem Angedenken findet eine Feier, oder eher ein Saufgelage, statt, dass mit einer Massenvergewaltigung endet, ein Schlüsselereignis für August, der weder aktiv daran beteiligt war, noch versucht hat, das Geschehene zu verhindern. Dabei hätte er gerne mit der Betroffenen, June, Freundschaft geschlossen. Der Drahtzieher der Aktion macht August das Leben schwer, doch dieser setzt sich ausnahmsweise einmal durch, beschließt aber nach der Begegnung, abzuhauen.

 

Er packt seine Sachen und landet auf der Virostok Ranch bei Ancient und Kim – sehr gegensätzlichen Charakteren. Diese abgelegene Ranch liegt in der Nähe einer Hutterer-Gemeinde, einer religiösen Gruppe, die hier mit allerhand Mythen und Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht wird. Tim Duncan wird Augusts neuer Freund, mit ihm zieht er nach hartem Arbeitstag durch Bars, besucht Rodeos und lernt auf dessen Geheiß widerwillig das Tanzen und die Regeln im Umgang mit Frauen. Als ein anderer Cowboy ihm seine Freundin Maya ausspannen will, prügelt er sich mit ihm, doch ansonsten prägen Lethargie, Alkohol, harte Arbeit mit Ancient auf der Ranch, und Begegnungen mit ein paar skurrilen männlichen Gestalten den Alltag. August ist genügsam.

 


Der letzte, dritte Teil beginnt mit einem Arbeitsunfall auf der Ranch, nach dem August zwei Finger amputiert werden müssen. Er kehrt zur Mutter zurück, die inzwischen vor einer neuerlichen Heirat steht. Tim kommt ihn besuchen und schenkt ihm zwei Hunde – der Kreis zum Kind »Augie« schließt sich – und August rechnet in einer Art Showdown mit dem Anstifter des damaligen Verbrechens an June ab.  Am Ende erfährt er, dass der Vater die Farm verkauft hat, um mit der schwangeren Lisa nach Traverse City zu ziehen. In der Abschlussszene nimmt August den alten Pickup und fährt weg, fast wie im Film, während die Eltern ihre beiden Stühle wieder näher aneinander rücken.

 

Unspektakulär, aber aussagekräftig

Insgesamt verläuft Augusts Leben ziemlich unspektakulär und ist der Roman höchst unaufgeregt. Wer auf Action und Spannung steht, kann auf Winks Roman verzichten. Es geht langsam voran, wobei das Erzähltalent von Callan Wink unumstritten ist. Seine Prosa lässt das Gras im Wind rhythmisch wogen und zeichnet Landschaftsbilder mit Wolken, Wind und Weite. Das Landleben wird mit Kühen und frisch gemolkene Milch, Maschinen und Motoröl zum Ereignis. Die ganze Geschichte zeichneten sich durch ihre Belanglosigkeit aus, durch emotionale Distanz und das Fehlen von Nostalgie oder Sentimentalität. Alles fließt dahin und im Zentrum steht der unaufgeregte Blick auf das Leben eines heranwachsenden Jungen zunächst auf einer Milchfarm in Michigan und dann in den Weiten Montanas.

 

© Text: MB

© Fotos: MB mit Ausnahme der Montana-Landschaft oben, © Montana Office of Tourism

DIE KRIMI-KOLUMNE

Heute möchte ich zur Abwechslung vier Krimis vorstellen, die allesamt von amerikanischen Autor(inn)en verfasst wurden und in den USA spielen. Zwei davon liegen auch in deutscher Übersetzung vor (Paretsky und Kellerman), die beiden anderen nur in Englisch.

 

Sara Paretsky, Fallout

V.I. Warshawski Series, Book 18 (2017, dt.: „Altlasten“)

 

Sara Paretsky ist eine Altmeisterin im Krimi-Genre und sie verzettelt sich auch nicht, wie viele ihrer Kollegen, mit zu vielen verschiedenen Serien. Ihre V.I. Warshawski-Reihe läuft seit 1982 und umfasst rund 20 Bände. 1986 gründete Paretsky  gemeinsam mit anderen Kriminal- und Thrillerautorinnen die Organisation Sistersin Crime. In Deutschland sind die Bücher großteils im Piper Verlag, zuletzt im Ariadne Verlag Hamburg erschienen.

 

Paretsky wuchs im US-Bundesstaat Kansas auf und studierte Politikwissenschaft an der Universität von Kansas in Lawrence. Dort spielt auch ihr „Stand-alone“-Roman „Bleeding Kansas“ von 2008 und dorthin kehrt sie in Krimi-Band 18 mit dem Titel, „Fallout“ (dtsch. „Altlasten“) zurück.

 

Hauptfigur ist V.I. (Victoria Iphigenia) Warshawski, die eine Privatdetektei in Chicago betreibt, Nebenfiguren sind ihre beiden Hunde, Peppy und Mitch, und ihr Nachbar Mr. Contreras, dazu die jüdische Ärztin Lotti und deren Mann Max. Zusammen mit Hund Peppy ist V.I. in „Fallout“ in Kansas unterwegs, auf der Suche nach einem verschwundenen afroamerikanischen Trainer und Filmemacher namens August Veriden, der aus unerklärlichen Gründen mit einem früheren schwarzen Filmstar namens Emerald Ferring abgetaucht ist. Warshawski folgt diversen Fährten in Kansas, vor allem in der College-Kleinstadt Lawrence, der Geburtsstadt von Ferring, und wirbelt dabei viel Staub auf, der nicht immer direkt mit dem Fall zu tun hat. Sie stößt auf Familienstreitigkeiten, Rassismus, alte unaufgeklärte Mordfälle, Bioterrorismus und andere Unwägbarkeiten. Der Krimi zeigt viele Facetten und wird nie langweilig.

 


Faye Kellerman, Walking Shadows

Peter Decker/Rina Lazarus Series, Book 25,

 (2019, dt.: „Erbsünde“)

 

Faye Kellerman, aus  St. Louis/Missouri stammend, ist mit dem Psychologen und Bestsellerautor Jonathan Kellerman verheiratet und lebt heute in Los Angeles. Einige Bände haben beide gemeinsam verfasst und auch Sohn Jesse schreibt. Kellerman ist bekennende orthodoxe Jüdin und entsprechend behandeln auch ihre meisten Romane Kriminalfälle im jüdisch-orthodoxen Milieu. Der anfangs in Kalifornien lebende Kommissar und Konvertit Peter Decker löst viele davon, in den neueren Bänden tatkräftig von seiner Frau Rina Lazarus, manchmal auch von Tocher Cindy, ebenfalls Polizistin, unterstützt. Die Kinder sind inzwischen aus dem Haus und das Paar ist mittlerweile in den vorgeblich ruhigeren Ort Greenbury/New York gezogen, da Decker, „semi-retired“, kürzer treten möchte.

 

In „Erbsünde“ (Walking Shadows) von 2019 geht es um einen für die ländliche Region in Upstate New York brutalen Mordfall. Ein junger Mann, Brady Neil, aus dem benachbarten Hamilton ist tot. Decker macht sich auf die Suche nach den Hintergründen, stößt auf einen Juwelendiebstahl mit Todesfolge und auf Unkorrektheiten in Polizeikreisen. Familienbande sind zu entwirren, eine junge Polizistin stellt sich erfolgreich gegen ihren Polizisten-Vater und bewährt sich, und Tyler McAdams, Deckers junger, altkluger Protegé sowie Rina unterstützen Decker bei der Wahrheitsfindung. Absolut gut konstruiert und überaus lesenswert bis zum Ende!

 

 


David Baldacci, Daylight

Atlee Pine Series, Book 3 (Engl., bis dato noch nicht übersetzt)

 

Ohne Vorteile schüren zu wollen, bei diesem und dem nächsten Krimi merkt man, dass er von Männern geschrieben wurde! Während es in den beiden zuvor empfohlenen Krimis vergleichsweise „beschaulich“ zugeht und Logik, Recherchetechniken und bodenständige Vernunft eine Rolle spielen, wird es bei Bestsellerautor Baldacci „handgreiflicher“ und zugleich „utopischer“.

 

David Baldacci war ein „jack-of-all-trades“ ehe er sich als Jurist dem Schreiben zuwandte. Heute sind seine Bücher in viele Sprachen übersetzt und liegt die Gesamtauflage weltweit bei über 40 Mio. Exemplaren. Sein erstes Werk „Der Präsident“ („Absolute Power“) wurde 1997 mit Clint Eastwood und Gene Hackman verfilmt und auch die Buchserie um die Protagonisten Sean King und Michelle Maxwell war gut für eine TV-Serie.

 

In seiner neuesten Reihe – neben Camel Club, King & Maxwell, Shaw & James, John Puller, Will Robie, Amos Decker – spielt Atlee Pine die Hauptrolle. In Band 3 der Atlee-Pine-Reihe agiert die FBI-Agentin zusammen mit John Puller, dem altbekannten erfahrenen Ermittler der Militärpolizei (Army). Während Pine zusammen mit der etwas betulichen Assistentin Carol Blum auf der Suche nach ihrer Zwillingsschwester ist und deren Kidnapper sucht, leitet John Puller am gleichen Ort Untersuchungen zu einem Drogenring in Militärkreisen. Bald schon ergeben sich Bindeglieder zwischen beiden Fällen und Puller und Pine ermitteln, teils unter Einsatz ihres Lebens, gemeinsam – und katapultieren sich in immer höhere Sphären. Die Demokratie und die nationale Sicherheit geraten ebenso in Gefahr wie das Ansehen des Militärs und am Ende hat Atlee ihre Schwester noch immer nicht gefunden. Wird allmählich Zeit!

 


Lee Child & Andrew Child, The Sentinel

A Jack Reacher Novel (Engl., noch nicht übersetzt)

 

John Puller (s. oben) und Jack Reacher, der Protagonist in Childs Kriminalromanen, haben viele Gemeinsamkeiten. Beide sind starke, unbesiegbare, unabhängige Männer, beide mit Militär-(Polizei)-Hintergrund. Wer zuerst kam (wohl Reacher) und wer der „Bessere“ ist, wird in Krimikreisen viel diskutiert. Reacher ist, wie frühen Bänden zu entnehmen war, nach 13-jähriger Dienstzeit mit 35 Jahren ehrenhaft als Major der US Army entlassen worden und hatte zuletzt eine Eliteeinheit der Militärpolizei geleitet. Er ist bekannt für seinen Gerechtigkeitssinn und dafür, Gut und Böse ohne Rücksicht auf Verluste zu trennen. Reachers Lebensstil ist ebenfalls ungewöhnlich: ohne festen Wohnsitz, mit Bussen oder per Anhalter unterwegs, ohne Gepäck (außer einer Zahnbürste) und ohne Beziehungen jeglicher Art führt er ein Dasein als Einzelgänger und ewig Umherziehender.

Reacher läuft auch in diesem Band, den Lee Child zusammen mit seinem Bruder Andrew verfasst hat (was man nicht unbedingt merkt) zu Hochform auf. Der gebürtige Brite Lee Child, der 1998 in die USA ausgewandert ist, heißt eigentlich James Dover Grant und zählt ebenfalls zu den meistverkauften und gelesenen Krimiautoren weltweit. Seine Reacher-Thriller kommen auf 60 Millionen Exemplare pro Auflage in fast 100 Ländern. Seine Bücher „Sniper“ und „Die Gejagten“ wurden mit Tom Cruise in der Hauptrolle verfilmt.

 

„The Sentinel“ ist die Nr. 25 in der Reihe und wurde im Oktober 2020 publiziert. Reacher strandet dieses Mal in einem Dorf bei Pleasantville, Tennessee. Er wird zu Anfang in einen Entführungs- bzw. Mordversuch verwickelt, der eigentlich einem anderen Mann gilt, nämlich dem IT Manager und Computerfreak Rusty Rutherford. Es geht im Folgenden um eine Cyberattacke, um Konspiration, um russische Spione, FBI und amerikanische Neonazis.

 

Reacher wird von einer früheren FBI-Agentin unterstützt, wirkt hier aber noch stärker als bisher aus der Zeit gefallen, schwerfällig im Umgang mit Mobiltelefonen, und ausgestattet mit Superman-Kräften. Von IT und Datenumgang scheint Reacher (und damit Child) nicht allzu viel zu verstehen, was man an manchen Details merkt. Die Handlung ist nicht immer ganz stringent, manchmal bewegt sie sich in zu abstrakten Sphären, aber dennoch handelt es sich um einen Thriller mit viel Action. Einschränkend muss gesagt werden, dass Jack Reacher mein absoluter männlicher Lieblingsprotagonist ist,  er mir aber allein, ohne Atlee, besser gefällt.

Jonathan Lethem, Motherless Brooklyn

 

 Jonathan Lethem, Motherless Brooklyn

Amerikan. Erstausgabe 1999: Knopf-Doubleday (Penguin Random House)

Deutsch u.a. bei Goldmann Verlag (2004), übersetzt von Michael Zöllner

Taschenbuch, 384 Seiten, ISBN-13 : 978-3442541874

 


Gleich vorweg: Die Rahmenhandlung ist ein Mord im Gangster- und Mafiosi-Milieu, in der Machart eines "Hard-Boiled Krimis" im Stil von Nero Wolfe oder Chester Himes. Es ist eine Hommage an Brooklyn/New York und es geht um eine
neuropsychiatrische Erkrankung namens Tourette-Syndrom (TS), die sich in sogenannten Tics – kuriose Wortäußerungen, repititive Handlungen oder Bewegungen – äußert. 

 

Hartgesottene Ganoven mit sanftem Gemüt

Der Autor von „Motherless Brooklyn“, Jonathan Lethem, stellt einen symphatischen Protagonisten und seine Zwangsneurosen in den Vordergrund: Lionel Essrog, der Erzähler des Romans, leidet unter dem Tourette-Syndrom, doch Mitleid oder Sentimentalität sind ihm fremd. Er fühlt sich „trapped like a rolling ocean under a calm floe of ice“ und begibt sich auf eine ständige Gratwanderung zwischen Selbstkontrolle und Kontrollverlust. Die gewisse Komik, die damit verbunden ist, ist Lionel gelegentlich aber auch nützlich, da man ihn nie ganz ernst nimmt. 

 

Lionel verbringt seine Kindheit in den 1970er-Jahren im Waisenhaus St. Vincents in Brooklyn, bis ein kleiner, aber großherziger und allseits respektierter Mafioso namens Frank Minna ihn und drei weitere Jungen erst für bestimmte Aufträge („Umzüge“), später dann dauerhaft aus dem Heim holt. Aus den vier Waisen werden die „Minna Men“, die unter dem Deckmantel eines Fahrservice Detektivdienste unter dem Firmenlabel „L&L“ anbieten. Alle vier - Lionel Essrog, Tony Vermonte, Gilbert Coney und der Afroamerikaner Danny Fantl - sind Detektive ohne Lizenz und werden als höchst unterschiedliche, sympathisch-unbeholfene Gestalten geschildert. 

 

„Freakshow“ ermittelt

Lionel, der unter seinen Tics leidet, als Sonderling gilt und „Crazyman“ oder „Freakshow“ genannt wird, schätzt seinen Chef Minna, der für ihn zur Vaterfigur geworden ist. Eines Nachts wird dieser jedoch nach Verlassen eines Zendo- (Buddhisten-) Zentrums niedergestochen und Lionel, der den Sterbenden noch ins Krankenhaus gebracht hat, leidet unter dem Verlust und sinnt nach Rache.


Er macht sich auf die Suche nach Franks Mörder und dringt immer tiefer in Brooklyns Unterwelt vor, wo anscheinend niemand der ist, als der er sich ausgibt, vor allem nicht Franks Bruder Gerard und seine Frau Julia oder die dubiosen Mafiosi-Auftraggeber Rockaforte und Matricardi, und auch nicht jene japanische Corporation, für die Frank ebenfalls arbeitet.


Gilbert Coney, Lionels bester Freund, ist zwischenzeitlich wegen Mordanklage an einem der japanischen Strippenzieher im Gefängnis gelandet und Kollege Tony Vermonte hofft, nach dem Tod von Minna dessen Position einnehmen zu können. Obwohl er Lionel verachtet und sich ständig über ihn lustig macht, versucht dieser ihn zu warnen. Tony wird jedoch vom „Giganten“ um die Ecke gebracht ehe Lionel diesen ausschalten kann und es quasi zum Showdown und zur Aufklärung des Falles mit Julia Minna kommt.

 


Vom Buch zum Film

 

Jonathan Lethem ist 1964 in Brooklyn geboren und wuchs nahe dem Gowanus Canal, in Boerum Hill, auf – ein Viertel, von dem er selbst sagt: „if you grew up in this neighborhood you became a cop or a criminal“. Als Sohn eines Malers und einer politischen Aktivistin studierte er ebenfalls erst Malerei, wandte sich dann aber der Literatur zu. Seine großen Erfolge feierte er mit zwei Romanen, die in eben jenem Stadtteil angesiedelt sind: „Motherless Brooklyn“ (1999) und „The Fortress of Solitude“ (2003). Lethem lebt inzwischen in Südkalifornien und hält eine Professur für Creative Writing inne.

 »Motherless Brooklyn« gibt es seit 2019 auch als Film. Der Autor selbst hatte sich schon 1999 an Edward Norton gewandt wegen der Verfilmung seines Romans. Erst fast zehn Jahre später kam dieser auf die Leinwand, die Premiere fand während des Telluride Film Festivals statt. Außer Regisseur und Drehbuchschreiber Norton selbst, spielen Willem Dafoe, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin und Bruce Willis Rollen.

© Text & Fotos: MB 

Ta-Nehisi Coates, Der Wassertänzer

Ta-Nehisi Coates, Der Wassertänzer.

 

Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben 

Originaltitel: The Water Dancer, Penguin Random House LLC

Hardcover mit Schutzumschlag, 544 Seiten

ISBN: 978-3-89667-658-0

Karl Blessing Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition, März 2020

Buchcover Foto ©Verlag

 

2015 veröffentlichte der amerikanische Journalist Ta-Nehisi Coates, 1975 in Baltimore/Maryland geboren, das Buch „Zwischen mir und der Welt“ (Between the World and Me) und in diesem erklärte er den Rassismus zum zentralen Element der amerikanischen Gesellschaft. In seinem folgenden Essay „We Were Eight Years In Power. Eine amerikanische Tragödie“ (2017) arbeitete Coates klar die Unterschiede zwischen Donald Trump und Barack Obama, zwischen Weiß und Schwarz, heraus. 

 

Die Themen Rassismus und »White Supremacy« beschäftigen den heute in New York lebenden Autor auch in »Der Wassertänzer«, seinem ersten Roman. Um diesen besser verstehen zu können, muss man wissen, dass Coates auch Texte für Comics und Pulp Fiction verfasst, u.a. war er für Marvels schwarzen Superhelden "Black Panther"  verantwortlich, einen Prinzen aus dem hoch entwickelten afrikanischen Königreich Wakanda, das unsichtbar unter einer Art Glasglocke liegt.

 

Underground Railroad und Harriet Tubman

Wie Coates in Maryland aufgewachsen, ist auch Harriet Tubman (1820-1913), die charismatische Kämpferin gegen die Sklaverei und Triebfeder der Underground Railroad im 19. Jahrhundert. Sie spielt eine Hauptrolle in Coates Roman, der in der Zeit der Sklaverei, also vor dem Bürgerkrieg 1861-65, großteils auf einer Tabakplantage in Virginia namens Lockless spielt.  Hauptfigur ist Hiram Walker, ein junger Sklave mit  besonderer Begabung, der seiner Gefangenschaft entkommt und sich der Underground Railroad anschließt. 

 


Die Mutter des in der Sklaverei geborenen Jungen, Rose, war verkauft worden, der Vater, Howell Walker, ist der Plantagenbesitzer höchstpersönlich, weswegen Hiram auch hellerhäutig ist als die anderen auf der Plantage arbeitenden Schwarzen und sich auch manchmal ein klein wenig privilegiert führt. Er lebt im  »Labyrinth«, wie die Sklavenquartiere genannt werden, bei seiner Ersatzmutter Thena, und arbeitet als Teil der »Task«, als Hauspersonal, nicht auf dem Feld. 

 

Obwohl er intelligent und mit fotografischem Gedächtnis ausgestattet ist, weswegen er zeitweise sogar Unterricht bekommt, wird sein eher einfältiger weißer Halbbruder Maynard stets vorgezogen. Auf diesen muss er später auf Geheiß des Vaters »aufpassen«, d.h. er wird zu dessen Diener, kann aber sein Ertrinken, verursacht durch den Übermut des Stiefbruders, nicht verhindern. Als er sich in Sophia, die in »Liebesdiensten« des Bruders des Plantagenbesitzers, Nathaniel Walker steht, verliebt und plant, mit ihr zu fliehen, täuscht er sich in einem von ihm geschätzten Freigelassenen, Georgie Parks, wird verraten und gefangengenommen.

 

 

Soweit der erste, »realistische« Teil des Buches, in dem es um den Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung geht, um Ungerechtigkeiten und weiße Arroganz, allerdings kommt es, anders als in vielen Romanen zum gleichen Thema, nicht zu grausamen Prügelszenen oder detailreich geschilderten Hetzjagden. Der politische Essayist Ta-Nehisi Coates differenziert subtil zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern, Herren und Sklaven.

 

Telepatische Kräfte und der Gang übers Wasser

Danach wird es »fantastischer«, Hiriam entwickelt sich zum Held mit Superkräften, was dem Spannungsbogen des Romans keinen Abbruch tut, lediglich eine andere Wendung gibt. Nach seiner Zeit in Gefangenschaft, getrennt von seiner Liebsten, gepeinigt von Schmerz, Verlust und Leid, findet sich Hiram auf der benachbarten Plantage Bryceton von Corinne Quinn, der vormaligen Geliebten des Stiefbruders Maynard und einer nun vorgeblich engen Vertrauten des Vaters wieder, die ihn zum Teil ihres heimlich betriebenen Netzwerks Underground Railroad macht. Bis er ins »freie« Philadelphia, eine weitere wichtige Station des Hilfsnetzes, kommt, ist er Rädchen im Getriebe der von Quinn streng und unerbittlich geführten Organisation.

 

Erst in Philadelphia spürt Walker bei Raymond und Otha White und deren Familie erstmals Zuneigung, Liebe und Zusammengehörigkeitsgefühl. Er schätzt seinen ehemaligen Lehrer und Underground-Agenten Mr. Fields/Micajah Bland, der jedoch bei einer Fluchthilfe umkommt. Er trifft auch erstmals (Grandma) »Moses«, wie Harriet Tubman genannt wird, deren telepatischen Fähigkeit er mit ihr teilt: über Wasser gehen zu können wenn es ihm gelingt, zu „tiefsitzenden Erinnerungen“ vorzudringen. Mit dieser „Power of Conduction"  ist es ihm möglich, Schwarze aus dem Süden in den Norden zu bringen, statt sie „Natchez-way“ ins Verderben zu schicken. Tubman (Foto unten, Wikimedia Commons) ist hochangesehen unter ihren Gefolgschaftsleuten und Hiram hilft ihr in einer »Privataktion«, Familienangehörige aus der Sklaverei zu befreien.

Sieg für die Gerechtigkeit

Später kehrt Hiram im Dienste der Organisation auf die väterliche Plantage zurück und ist nun überzeugt, für den Frieden und die Freiheit der Sklaven kämpfen zu müssen. Ziel ist vor allem, Sofia, inzwischen mit Tochter Caroline, und Thena zu »retten«. Die Plantage des immer schwächer werdenden Vaters befindet sich im Verfall und wird am Schluss des Romans, nach seinem Tod, zu einer weiteren Underground-Railroad-Station von Corinne Quinn.

 

Zugegeben, ich habe den Roman in der englischen Ausgabe gelesen, wo lediglich sonst eher unübliche Begriffe wie »Task« (zusammenfassend, jene Sklaven, denen eine konkrete Aufgabe, meist im Haus zukommt, im Unterschied zu anderen, die von Sonnenauf- bis -untergang auf den Feldern arbeiten mussten), zunächst etwas seltsam anmuteten. Es gibt die »privileged«, die Besitzenden, und die »ordinary«, man könnte sagen die tumben Rednecks. In der deutschen Übersetzung hat man versucht, Dialekt und Slang, nachzuahmen, was jedoch immer ein schwieriges Unterfangen ist. Die Sprache wirkt dadurch sehr modern, man meidet das Wort »Sklave« und benutzt politisch überkorrekt den Begriff »Verpflichtete«.

 

Es ist ein sehr emotionaler, poetischer, teils fantastisch-spirituell anmutender Roman über die Zeiten der Sklaverei, über den Underground und den Kampf von Sklaven für die Freiheit. Der Schreibstil von Coates ist dynamisch, farbig und wortgewaltig. Anhand einer Vielzahl an Nebencharakteren mit unterschiedlichsten Leidensgeschichten unternimmt der Autor eine schonungslos ehrliche Bestandsaufnahme des Schreckens der Sklaverei und des Rassismus, stellt Fragen der Ethik und Moral und bietet höchst spannenden (und informativen) Lesestoff.