CALLAN WINK, BIG SKY COUNTRY


Callan Wink, Big Sky Country

Aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Meyer

Suhrkamp Verlag Berlin, 2021

Gebunden, 378 Seiten, 
ISBN: 978-3-518-42983-9, 23 €

Im Original erschienen unter dem Titel "August" (Random House).

 

„Big Sky Country“ ist der Spitzname des US-Bundesstaates Montana, 1962 als werbewirksamer Slogan vom Montana State Highway Department aufgebracht. Er bezieht sich auf den endlosen Horizont, die gigantische Weite der Landschaft Montanas. In dieser spielt ein guter Teil des  Debut-Roman des Amerikaners Callan Wink (*1984), der von Hannes Meyer ins Deutsche übersetzt wurde und kürzlich im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Wink ist ein junger, noch nicht allzu bekannter Autor. Er arbeitet im Sommer als Fly Fishing Guide auf dem Yellowstone River in Montana, im Winter lebt, surft und schreibt er im kalifornischen Santa Cruz. 2016 erschien bereits sein Erzählungsband „Dog Run Moon“ ("Der letzte beste Ort").



Fernab von Glitz und Glimmer

Schauplätze des Romans sind das ländliche Michigan und das dünn besiedelte Montana, weit weg von Glitz und Glimmer, von großstädtischem Leben und hoher Kultur.  Es handelt sich um einen sog. Bildungs- und Entwicklungsroman oder um eine »coming-of-age story« im ländlichen Amerika, im »Heartland« der USA. Wink begleitet seinen Protagonisten August – so auch der Titel der englischen Originalfassung – über einen Zeitraum von rund 13 Jahren, beginnend Ende der 1990er-Jahre, als er 12 Jahre alt war, bis zu einem Alter von Mitte 20.

 

Der 12-jährige August, »Augie« genannt, wächst auf einem Milchviehbetrieb in Michigan auf und verbringt seine Zeit vor allem mit Kühemelken, Heumachen, im Geräteschuppen, mit seinen Hunden oder beim Fischen. Auf Geheiß seines Vaters macht er sich daran, die sich übermäßig vermehrenden Katzen auf dem Hof zu töten. Für jeden abgelieferten Schwanz erhält er einen Dollar – so beginnt der Roman. Der Junge soll schließlich hart und ein richtiger Mann werden, dabei ist er in Realität eher ein Träumer mit wenig Emotionen, der lieber abhängt und beobachtend durch die Gegend streift. Konflikten geht er aus dem Weg, er prügelt sich nicht gern. 

 

 
Während Augie Katzen zur Strecke bringt, bröckelt die Ehe der Eltern. Vater Darwin – Wink wählt gerne bedeutungsträchtige Namen! – arbeitet hart und ist bodenständig, während die kettenrauchende Mutter Bonnie eher verträumt, esoterisch und etwas skurril wirkt. Sie hat „Gedankenwolken“ und geht den Pfad der Selbstvervollkommnung, fühlt sich benachteiligt und unterfordert. Der Vater nimmt sich die handfeste, zupackende, viel jüngere „Hilfsarbeiterin“ Lisa zur Geliebten; sie erfüllt eher seine Vorstellungen von einer Ehefrau. Bonnie ist ausgezogen, ins alte Farmhaus, während Vater und Freundin das neue Haus bewohnen. Der junge August pendelt zwischen Mutter und Vater, ist hin- und hergerissen.

 

Neustart im Big Sky Country Montana

Die eingereichte Scheidung veranlasst die Mutter mit August wegzuziehen, nach Montana – es ist ein langer, emotionsgeladener Roadtrip, der da geschildert wird. Sie findet Arbeit als Bibliothekarin in Livingston und man lebt in einem bescheidenen Haus, einem ehemaligen Bordell. Der Big Sky von Montana soll sie und August „befreien“ und zu sich kommen lassen. Dabei wirkt August zunächst recht antriebslos, er radelt über die endlosen Straßen Montanas und angelt an einsamen Flussufern. Es dauert, bis der schüchterne Junge Freundschaften schließt. Er beginnt American Football zu spielen, was zwar zu seiner Statur passt, wovon er jedoch regelmäßig Kopfweh bekommt. Er bemüht sich redlich, ein richtiger Mann zu werden und geht eine kurze Affäre mit einer älteren Nachbarin namens Julie ein, die zugleich enge Freundin der Mutter ist.

 

Nachdem diese Liebschaft jäh endet, zieht er P.B.R (Papst Blue Ribbon) und Pickup Trucks den Frauen und anderen Vergnügungen vor. Jungengespräche mit Bier und Whiskey am Lagerfeuer, die er gelegentlich mitmacht, sind fortan die einzige Abwechslung – neben den Telefongesprächen mit dem Vater (und später auch mit der Mutter), die sich wie ein roter Faden durch den Roman ziehen. Es sind triviale Gespräche, vor allem über das Wetter und die Landwirtschaft, übers Essen und den Fortschritt mit den Frauen. Der Vater versucht ihn immer wieder zu überzeugen, zurückzukehren, gibt vor, Hilfe zu brauchen und versteht nicht, wieso August für andere arbeitet, statt die eigene Farm zu übernehmen.

 

August wirkt unsicher und abgeklärt zugleich, jung und alt, dumm und klug. Er hängt am Landleben, liebt Natur und Landschaft, tut aber den ganzen Roman über wenig Signifikantes. Nach Beendigung der Highschool ist er unentschlossen, beobachtet, wie mehr und mehr seiner Freunde sich an einem College einschreiben oder sich in Folge der Anschläge des 11. September anwerben lassen und in den Krieg ziehen, nach Afghanistan, um den islamistischen Terror zu bekämpfen.

 

Schlüsselerlebnis mit Folgen

 

In Teil 2 des Buches kommt dann ein Freund Augusts, Ramsey, in eben diesem Krieg ums Leben, und wird als Held gefeiert. In seinem Angedenken findet eine Feier, oder eher ein Saufgelage, statt, dass mit einer Massenvergewaltigung endet, ein Schlüsselereignis für August, der weder aktiv daran beteiligt war, noch versucht hat, das Geschehene zu verhindern. Dabei hätte er gerne mit der Betroffenen, June, Freundschaft geschlossen. Der Drahtzieher der Aktion macht August das Leben schwer, doch dieser setzt sich ausnahmsweise einmal durch, beschließt aber nach der Begegnung, abzuhauen.

 

Er packt seine Sachen und landet auf der Virostok Ranch bei Ancient und Kim – sehr gegensätzlichen Charakteren. Diese abgelegene Ranch liegt in der Nähe einer Hutterer-Gemeinde, einer religiösen Gruppe, die hier mit allerhand Mythen und Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht wird. Tim Duncan wird Augusts neuer Freund, mit ihm zieht er nach hartem Arbeitstag durch Bars, besucht Rodeos und lernt auf dessen Geheiß widerwillig das Tanzen und die Regeln im Umgang mit Frauen. Als ein anderer Cowboy ihm seine Freundin Maya ausspannen will, prügelt er sich mit ihm, doch ansonsten prägen Lethargie, Alkohol, harte Arbeit mit Ancient auf der Ranch, und Begegnungen mit ein paar skurrilen männlichen Gestalten den Alltag. August ist genügsam.

 


Der letzte, dritte Teil beginnt mit einem Arbeitsunfall auf der Ranch, nach dem August zwei Finger amputiert werden müssen. Er kehrt zur Mutter zurück, die inzwischen vor einer neuerlichen Heirat steht. Tim kommt ihn besuchen und schenkt ihm zwei Hunde – der Kreis zum Kind »Augie« schließt sich – und August rechnet in einer Art Showdown mit dem Anstifter des damaligen Verbrechens an June ab.  Am Ende erfährt er, dass der Vater die Farm verkauft hat, um mit der schwangeren Lisa nach Traverse City zu ziehen. In der Abschlussszene nimmt August den alten Pickup und fährt weg, fast wie im Film, während die Eltern ihre beiden Stühle wieder näher aneinander rücken.

 

Unspektakulär, aber aussagekräftig

Insgesamt verläuft Augusts Leben ziemlich unspektakulär und ist der Roman höchst unaufgeregt. Wer auf Action und Spannung steht, kann auf Winks Roman verzichten. Es geht langsam voran, wobei das Erzähltalent von Callan Wink unumstritten ist. Seine Prosa lässt das Gras im Wind rhythmisch wogen und zeichnet Landschaftsbilder mit Wolken, Wind und Weite. Das Landleben wird mit Kühen und frisch gemolkene Milch, Maschinen und Motoröl zum Ereignis. Die ganze Geschichte zeichneten sich durch ihre Belanglosigkeit aus, durch emotionale Distanz und das Fehlen von Nostalgie oder Sentimentalität. Alles fließt dahin und im Zentrum steht der unaufgeregte Blick auf das Leben eines heranwachsenden Jungen zunächst auf einer Milchfarm in Michigan und dann in den Weiten Montanas.

 

© Text: MB

© Fotos: MB mit Ausnahme der Montana-Landschaft oben, © Montana Office of Tourism

DIE KRIMI-KOLUMNE

Heute möchte ich zur Abwechslung vier Krimis vorstellen, die allesamt von amerikanischen Autor(inn)en verfasst wurden und in den USA spielen. Zwei davon liegen auch in deutscher Übersetzung vor (Paretsky und Kellerman), die beiden anderen nur in Englisch.

 

Sara Paretsky, Fallout

V.I. Warshawski Series, Book 18 (2017, dt.: „Altlasten“)

 

Sara Paretsky ist eine Altmeisterin im Krimi-Genre und sie verzettelt sich auch nicht, wie viele ihrer Kollegen, mit zu vielen verschiedenen Serien. Ihre V.I. Warshawski-Reihe läuft seit 1982 und umfasst rund 20 Bände. 1986 gründete Paretsky  gemeinsam mit anderen Kriminal- und Thrillerautorinnen die Organisation Sistersin Crime. In Deutschland sind die Bücher großteils im Piper Verlag, zuletzt im Ariadne Verlag Hamburg erschienen.

 

Paretsky wuchs im US-Bundesstaat Kansas auf und studierte Politikwissenschaft an der Universität von Kansas in Lawrence. Dort spielt auch ihr „Stand-alone“-Roman „Bleeding Kansas“ von 2008 und dorthin kehrt sie in Krimi-Band 18 mit dem Titel, „Fallout“ (dtsch. „Altlasten“) zurück.

 

Hauptfigur ist V.I. (Victoria Iphigenia) Warshawski, die eine Privatdetektei in Chicago betreibt, Nebenfiguren sind ihre beiden Hunde, Peppy und Mitch, und ihr Nachbar Mr. Contreras, dazu die jüdische Ärztin Lotti und deren Mann Max. Zusammen mit Hund Peppy ist V.I. in „Fallout“ in Kansas unterwegs, auf der Suche nach einem verschwundenen afroamerikanischen Trainer und Filmemacher namens August Veriden, der aus unerklärlichen Gründen mit einem früheren schwarzen Filmstar namens Emerald Ferring abgetaucht ist. Warshawski folgt diversen Fährten in Kansas, vor allem in der College-Kleinstadt Lawrence, der Geburtsstadt von Ferring, und wirbelt dabei viel Staub auf, der nicht immer direkt mit dem Fall zu tun hat. Sie stößt auf Familienstreitigkeiten, Rassismus, alte unaufgeklärte Mordfälle, Bioterrorismus und andere Unwägbarkeiten. Der Krimi zeigt viele Facetten und wird nie langweilig.

 


Faye Kellerman, Walking Shadows

Peter Decker/Rina Lazarus Series, Book 25,

 (2019, dt.: „Erbsünde“)

 

Faye Kellerman, aus  St. Louis/Missouri stammend, ist mit dem Psychologen und Bestsellerautor Jonathan Kellerman verheiratet und lebt heute in Los Angeles. Einige Bände haben beide gemeinsam verfasst und auch Sohn Jesse schreibt. Kellerman ist bekennende orthodoxe Jüdin und entsprechend behandeln auch ihre meisten Romane Kriminalfälle im jüdisch-orthodoxen Milieu. Der anfangs in Kalifornien lebende Kommissar und Konvertit Peter Decker löst viele davon, in den neueren Bänden tatkräftig von seiner Frau Rina Lazarus, manchmal auch von Tocher Cindy, ebenfalls Polizistin, unterstützt. Die Kinder sind inzwischen aus dem Haus und das Paar ist mittlerweile in den vorgeblich ruhigeren Ort Greenbury/New York gezogen, da Decker, „semi-retired“, kürzer treten möchte.

 

In „Erbsünde“ (Walking Shadows) von 2019 geht es um einen für die ländliche Region in Upstate New York brutalen Mordfall. Ein junger Mann, Brady Neil, aus dem benachbarten Hamilton ist tot. Decker macht sich auf die Suche nach den Hintergründen, stößt auf einen Juwelendiebstahl mit Todesfolge und auf Unkorrektheiten in Polizeikreisen. Familienbande sind zu entwirren, eine junge Polizistin stellt sich erfolgreich gegen ihren Polizisten-Vater und bewährt sich, und Tyler McAdams, Deckers junger, altkluger Protegé sowie Rina unterstützen Decker bei der Wahrheitsfindung. Absolut gut konstruiert und überaus lesenswert bis zum Ende!

 

 


David Baldacci, Daylight

Atlee Pine Series, Book 3 (Engl., bis dato noch nicht übersetzt)

 

Ohne Vorteile schüren zu wollen, bei diesem und dem nächsten Krimi merkt man, dass er von Männern geschrieben wurde! Während es in den beiden zuvor empfohlenen Krimis vergleichsweise „beschaulich“ zugeht und Logik, Recherchetechniken und bodenständige Vernunft eine Rolle spielen, wird es bei Bestsellerautor Baldacci „handgreiflicher“ und zugleich „utopischer“.

 

David Baldacci war ein „jack-of-all-trades“ ehe er sich als Jurist dem Schreiben zuwandte. Heute sind seine Bücher in viele Sprachen übersetzt und liegt die Gesamtauflage weltweit bei über 40 Mio. Exemplaren. Sein erstes Werk „Der Präsident“ („Absolute Power“) wurde 1997 mit Clint Eastwood und Gene Hackman verfilmt und auch die Buchserie um die Protagonisten Sean King und Michelle Maxwell war gut für eine TV-Serie.

 

In seiner neuesten Reihe – neben Camel Club, King & Maxwell, Shaw & James, John Puller, Will Robie, Amos Decker – spielt Atlee Pine die Hauptrolle. In Band 3 der Atlee-Pine-Reihe agiert die FBI-Agentin zusammen mit John Puller, dem altbekannten erfahrenen Ermittler der Militärpolizei (Army). Während Pine zusammen mit der etwas betulichen Assistentin Carol Blum auf der Suche nach ihrer Zwillingsschwester ist und deren Kidnapper sucht, leitet John Puller am gleichen Ort Untersuchungen zu einem Drogenring in Militärkreisen. Bald schon ergeben sich Bindeglieder zwischen beiden Fällen und Puller und Pine ermitteln, teils unter Einsatz ihres Lebens, gemeinsam – und katapultieren sich in immer höhere Sphären. Die Demokratie und die nationale Sicherheit geraten ebenso in Gefahr wie das Ansehen des Militärs und am Ende hat Atlee ihre Schwester noch immer nicht gefunden. Wird allmählich Zeit!

 


Lee Child & Andrew Child, The Sentinel

A Jack Reacher Novel (Engl., noch nicht übersetzt)

 

John Puller (s. oben) und Jack Reacher, der Protagonist in Childs Kriminalromanen, haben viele Gemeinsamkeiten. Beide sind starke, unbesiegbare, unabhängige Männer, beide mit Militär-(Polizei)-Hintergrund. Wer zuerst kam (wohl Reacher) und wer der „Bessere“ ist, wird in Krimikreisen viel diskutiert. Reacher ist, wie frühen Bänden zu entnehmen war, nach 13-jähriger Dienstzeit mit 35 Jahren ehrenhaft als Major der US Army entlassen worden und hatte zuletzt eine Eliteeinheit der Militärpolizei geleitet. Er ist bekannt für seinen Gerechtigkeitssinn und dafür, Gut und Böse ohne Rücksicht auf Verluste zu trennen. Reachers Lebensstil ist ebenfalls ungewöhnlich: ohne festen Wohnsitz, mit Bussen oder per Anhalter unterwegs, ohne Gepäck (außer einer Zahnbürste) und ohne Beziehungen jeglicher Art führt er ein Dasein als Einzelgänger und ewig Umherziehender.

Reacher läuft auch in diesem Band, den Lee Child zusammen mit seinem Bruder Andrew verfasst hat (was man nicht unbedingt merkt) zu Hochform auf. Der gebürtige Brite Lee Child, der 1998 in die USA ausgewandert ist, heißt eigentlich James Dover Grant und zählt ebenfalls zu den meistverkauften und gelesenen Krimiautoren weltweit. Seine Reacher-Thriller kommen auf 60 Millionen Exemplare pro Auflage in fast 100 Ländern. Seine Bücher „Sniper“ und „Die Gejagten“ wurden mit Tom Cruise in der Hauptrolle verfilmt.

 

„The Sentinel“ ist die Nr. 25 in der Reihe und wurde im Oktober 2020 publiziert. Reacher strandet dieses Mal in einem Dorf bei Pleasantville, Tennessee. Er wird zu Anfang in einen Entführungs- bzw. Mordversuch verwickelt, der eigentlich einem anderen Mann gilt, nämlich dem IT Manager und Computerfreak Rusty Rutherford. Es geht im Folgenden um eine Cyberattacke, um Konspiration, um russische Spione, FBI und amerikanische Neonazis.

 

Reacher wird von einer früheren FBI-Agentin unterstützt, wirkt hier aber noch stärker als bisher aus der Zeit gefallen, schwerfällig im Umgang mit Mobiltelefonen, und ausgestattet mit Superman-Kräften. Von IT und Datenumgang scheint Reacher (und damit Child) nicht allzu viel zu verstehen, was man an manchen Details merkt. Die Handlung ist nicht immer ganz stringent, manchmal bewegt sie sich in zu abstrakten Sphären, aber dennoch handelt es sich um einen Thriller mit viel Action. Einschränkend muss gesagt werden, dass Jack Reacher mein absoluter männlicher Lieblingsprotagonist ist,  er mir aber allein, ohne Atlee, besser gefällt.

Jonathan Lethem, Motherless Brooklyn

 

 Jonathan Lethem, Motherless Brooklyn

Amerikan. Erstausgabe 1999: Knopf-Doubleday (Penguin Random House)

Deutsch u.a. bei Goldmann Verlag (2004), übersetzt von Michael Zöllner

Taschenbuch, 384 Seiten, ISBN-13 : 978-3442541874

 


Gleich vorweg: Die Rahmenhandlung ist ein Mord im Gangster- und Mafiosi-Milieu, in der Machart eines "Hard-Boiled Krimis" im Stil von Nero Wolfe oder Chester Himes. Es ist eine Hommage an Brooklyn/New York und es geht um eine
neuropsychiatrische Erkrankung namens Tourette-Syndrom (TS), die sich in sogenannten Tics – kuriose Wortäußerungen, repititive Handlungen oder Bewegungen – äußert. 

 

Hartgesottene Ganoven mit sanftem Gemüt

Der Autor von „Motherless Brooklyn“, Jonathan Lethem, stellt einen symphatischen Protagonisten und seine Zwangsneurosen in den Vordergrund: Lionel Essrog, der Erzähler des Romans, leidet unter dem Tourette-Syndrom, doch Mitleid oder Sentimentalität sind ihm fremd. Er fühlt sich „trapped like a rolling ocean under a calm floe of ice“ und begibt sich auf eine ständige Gratwanderung zwischen Selbstkontrolle und Kontrollverlust. Die gewisse Komik, die damit verbunden ist, ist Lionel gelegentlich aber auch nützlich, da man ihn nie ganz ernst nimmt. 

 

Lionel verbringt seine Kindheit in den 1970er-Jahren im Waisenhaus St. Vincents in Brooklyn, bis ein kleiner, aber großherziger und allseits respektierter Mafioso namens Frank Minna ihn und drei weitere Jungen erst für bestimmte Aufträge („Umzüge“), später dann dauerhaft aus dem Heim holt. Aus den vier Waisen werden die „Minna Men“, die unter dem Deckmantel eines Fahrservice Detektivdienste unter dem Firmenlabel „L&L“ anbieten. Alle vier - Lionel Essrog, Tony Vermonte, Gilbert Coney und der Afroamerikaner Danny Fantl - sind Detektive ohne Lizenz und werden als höchst unterschiedliche, sympathisch-unbeholfene Gestalten geschildert. 

 

„Freakshow“ ermittelt

Lionel, der unter seinen Tics leidet, als Sonderling gilt und „Crazyman“ oder „Freakshow“ genannt wird, schätzt seinen Chef Minna, der für ihn zur Vaterfigur geworden ist. Eines Nachts wird dieser jedoch nach Verlassen eines Zendo- (Buddhisten-) Zentrums niedergestochen und Lionel, der den Sterbenden noch ins Krankenhaus gebracht hat, leidet unter dem Verlust und sinnt nach Rache.


Er macht sich auf die Suche nach Franks Mörder und dringt immer tiefer in Brooklyns Unterwelt vor, wo anscheinend niemand der ist, als der er sich ausgibt, vor allem nicht Franks Bruder Gerard und seine Frau Julia oder die dubiosen Mafiosi-Auftraggeber Rockaforte und Matricardi, und auch nicht jene japanische Corporation, für die Frank ebenfalls arbeitet.


Gilbert Coney, Lionels bester Freund, ist zwischenzeitlich wegen Mordanklage an einem der japanischen Strippenzieher im Gefängnis gelandet und Kollege Tony Vermonte hofft, nach dem Tod von Minna dessen Position einnehmen zu können. Obwohl er Lionel verachtet und sich ständig über ihn lustig macht, versucht dieser ihn zu warnen. Tony wird jedoch vom „Giganten“ um die Ecke gebracht ehe Lionel diesen ausschalten kann und es quasi zum Showdown und zur Aufklärung des Falles mit Julia Minna kommt.

 


Vom Buch zum Film

 

Jonathan Lethem ist 1964 in Brooklyn geboren und wuchs nahe dem Gowanus Canal, in Boerum Hill, auf – ein Viertel, von dem er selbst sagt: „if you grew up in this neighborhood you became a cop or a criminal“. Als Sohn eines Malers und einer politischen Aktivistin studierte er ebenfalls erst Malerei, wandte sich dann aber der Literatur zu. Seine großen Erfolge feierte er mit zwei Romanen, die in eben jenem Stadtteil angesiedelt sind: „Motherless Brooklyn“ (1999) und „The Fortress of Solitude“ (2003). Lethem lebt inzwischen in Südkalifornien und hält eine Professur für Creative Writing inne.

 »Motherless Brooklyn« gibt es seit 2019 auch als Film. Der Autor selbst hatte sich schon 1999 an Edward Norton gewandt wegen der Verfilmung seines Romans. Erst fast zehn Jahre später kam dieser auf die Leinwand, die Premiere fand während des Telluride Film Festivals statt. Außer Regisseur und Drehbuchschreiber Norton selbst, spielen Willem Dafoe, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin und Bruce Willis Rollen.

© Text & Fotos: MB 

Ta-Nehisi Coates, Der Wassertänzer

Ta-Nehisi Coates, Der Wassertänzer.

 

Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben 

Originaltitel: The Water Dancer, Penguin Random House LLC

Hardcover mit Schutzumschlag, 544 Seiten

ISBN: 978-3-89667-658-0

Karl Blessing Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition, März 2020

Buchcover Foto ©Verlag

 

2015 veröffentlichte der amerikanische Journalist Ta-Nehisi Coates, 1975 in Baltimore/Maryland geboren, das Buch „Zwischen mir und der Welt“ (Between the World and Me) und in diesem erklärte er den Rassismus zum zentralen Element der amerikanischen Gesellschaft. In seinem folgenden Essay „We Were Eight Years In Power. Eine amerikanische Tragödie“ (2017) arbeitete Coates klar die Unterschiede zwischen Donald Trump und Barack Obama, zwischen Weiß und Schwarz, heraus. 

 

Die Themen Rassismus und »White Supremacy« beschäftigen den heute in New York lebenden Autor auch in »Der Wassertänzer«, seinem ersten Roman. Um diesen besser verstehen zu können, muss man wissen, dass Coates auch Texte für Comics und Pulp Fiction verfasst, u.a. war er für Marvels schwarzen Superhelden "Black Panther"  verantwortlich, einen Prinzen aus dem hoch entwickelten afrikanischen Königreich Wakanda, das unsichtbar unter einer Art Glasglocke liegt.

 

Underground Railroad und Harriet Tubman

Wie Coates in Maryland aufgewachsen, ist auch Harriet Tubman (1820-1913), die charismatische Kämpferin gegen die Sklaverei und Triebfeder der Underground Railroad im 19. Jahrhundert. Sie spielt eine Hauptrolle in Coates Roman, der in der Zeit der Sklaverei, also vor dem Bürgerkrieg 1861-65, großteils auf einer Tabakplantage in Virginia namens Lockless spielt.  Hauptfigur ist Hiram Walker, ein junger Sklave mit  besonderer Begabung, der seiner Gefangenschaft entkommt und sich der Underground Railroad anschließt. 

 


Die Mutter des in der Sklaverei geborenen Jungen, Rose, war verkauft worden, der Vater, Howell Walker, ist der Plantagenbesitzer höchstpersönlich, weswegen Hiram auch hellerhäutig ist als die anderen auf der Plantage arbeitenden Schwarzen und sich auch manchmal ein klein wenig privilegiert führt. Er lebt im  »Labyrinth«, wie die Sklavenquartiere genannt werden, bei seiner Ersatzmutter Thena, und arbeitet als Teil der »Task«, als Hauspersonal, nicht auf dem Feld. 

 

Obwohl er intelligent und mit fotografischem Gedächtnis ausgestattet ist, weswegen er zeitweise sogar Unterricht bekommt, wird sein eher einfältiger weißer Halbbruder Maynard stets vorgezogen. Auf diesen muss er später auf Geheiß des Vaters »aufpassen«, d.h. er wird zu dessen Diener, kann aber sein Ertrinken, verursacht durch den Übermut des Stiefbruders, nicht verhindern. Als er sich in Sophia, die in »Liebesdiensten« des Bruders des Plantagenbesitzers, Nathaniel Walker steht, verliebt und plant, mit ihr zu fliehen, täuscht er sich in einem von ihm geschätzten Freigelassenen, Georgie Parks, wird verraten und gefangengenommen.

 

 

Soweit der erste, »realistische« Teil des Buches, in dem es um den Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung geht, um Ungerechtigkeiten und weiße Arroganz, allerdings kommt es, anders als in vielen Romanen zum gleichen Thema, nicht zu grausamen Prügelszenen oder detailreich geschilderten Hetzjagden. Der politische Essayist Ta-Nehisi Coates differenziert subtil zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern, Herren und Sklaven.

 

Telepatische Kräfte und der Gang übers Wasser

Danach wird es »fantastischer«, Hiriam entwickelt sich zum Held mit Superkräften, was dem Spannungsbogen des Romans keinen Abbruch tut, lediglich eine andere Wendung gibt. Nach seiner Zeit in Gefangenschaft, getrennt von seiner Liebsten, gepeinigt von Schmerz, Verlust und Leid, findet sich Hiram auf der benachbarten Plantage Bryceton von Corinne Quinn, der vormaligen Geliebten des Stiefbruders Maynard und einer nun vorgeblich engen Vertrauten des Vaters wieder, die ihn zum Teil ihres heimlich betriebenen Netzwerks Underground Railroad macht. Bis er ins »freie« Philadelphia, eine weitere wichtige Station des Hilfsnetzes, kommt, ist er Rädchen im Getriebe der von Quinn streng und unerbittlich geführten Organisation.

 

Erst in Philadelphia spürt Walker bei Raymond und Otha White und deren Familie erstmals Zuneigung, Liebe und Zusammengehörigkeitsgefühl. Er schätzt seinen ehemaligen Lehrer und Underground-Agenten Mr. Fields/Micajah Bland, der jedoch bei einer Fluchthilfe umkommt. Er trifft auch erstmals (Grandma) »Moses«, wie Harriet Tubman genannt wird, deren telepatischen Fähigkeit er mit ihr teilt: über Wasser gehen zu können wenn es ihm gelingt, zu „tiefsitzenden Erinnerungen“ vorzudringen. Mit dieser „Power of Conduction"  ist es ihm möglich, Schwarze aus dem Süden in den Norden zu bringen, statt sie „Natchez-way“ ins Verderben zu schicken. Tubman (Foto unten, Wikimedia Commons) ist hochangesehen unter ihren Gefolgschaftsleuten und Hiram hilft ihr in einer »Privataktion«, Familienangehörige aus der Sklaverei zu befreien.

Sieg für die Gerechtigkeit

Später kehrt Hiram im Dienste der Organisation auf die väterliche Plantage zurück und ist nun überzeugt, für den Frieden und die Freiheit der Sklaven kämpfen zu müssen. Ziel ist vor allem, Sofia, inzwischen mit Tochter Caroline, und Thena zu »retten«. Die Plantage des immer schwächer werdenden Vaters befindet sich im Verfall und wird am Schluss des Romans, nach seinem Tod, zu einer weiteren Underground-Railroad-Station von Corinne Quinn.

 

Zugegeben, ich habe den Roman in der englischen Ausgabe gelesen, wo lediglich sonst eher unübliche Begriffe wie »Task« (zusammenfassend, jene Sklaven, denen eine konkrete Aufgabe, meist im Haus zukommt, im Unterschied zu anderen, die von Sonnenauf- bis -untergang auf den Feldern arbeiten mussten), zunächst etwas seltsam anmuteten. Es gibt die »privileged«, die Besitzenden, und die »ordinary«, man könnte sagen die tumben Rednecks. In der deutschen Übersetzung hat man versucht, Dialekt und Slang, nachzuahmen, was jedoch immer ein schwieriges Unterfangen ist. Die Sprache wirkt dadurch sehr modern, man meidet das Wort »Sklave« und benutzt politisch überkorrekt den Begriff »Verpflichtete«.

 

Es ist ein sehr emotionaler, poetischer, teils fantastisch-spirituell anmutender Roman über die Zeiten der Sklaverei, über den Underground und den Kampf von Sklaven für die Freiheit. Der Schreibstil von Coates ist dynamisch, farbig und wortgewaltig. Anhand einer Vielzahl an Nebencharakteren mit unterschiedlichsten Leidensgeschichten unternimmt der Autor eine schonungslos ehrliche Bestandsaufnahme des Schreckens der Sklaverei und des Rassismus, stellt Fragen der Ethik und Moral und bietet höchst spannenden (und informativen) Lesestoff.

 

Therese Anne Fowler, Z. A novel of Zelda Fitzgerald


Therese Anne Fowler, Z

A novel of Zelda Fitzgerald

ISBN-10 : 9781250028662

ISBN-13 : 978-1250028662

Taschenbuch : 400 Seiten

Hsg.: Macmillan USA 2013

Sprache: Englisch

 

Dieser unterhaltsame, temporeiche und zum Nachdenken anregende Roman ist bisher (leider) nicht auf Deutsch erschienen. Er spielt in einer anderen Zeit, in den Roaring Twenties, den turbulenten 1920er-Jahren in New York City, aber auch in Frankreich, und seine Bühne ist die intellektuelle „High Society“. 

 

Jeder kennt Francis Scott Key Fitzgerald (1896–1940) und sein Erfolgswerk "The Great Gatsby" (Der große Gatsby, 1925), der 2013 mit Leonardo DiCaprio verfilmt wurde. Der hierzulande weniger bekannte erste Roman des amerikanischen Schriftstellers  hieß "This Side of Paradise" (Diesseits vom Paradies) und diesen hat Fitzgerald 23-jährig, Ende März 1920, veröffentlicht. Er machte ihn innerhalb kurzer Zeit berühmt, geriet dann jedoch in den 1930ern in Vergessenheit und wurde erst später wiederentdeckt.

 

Vom Großen Gatsby zu Zelda

In dem Roman „Z“ von Therese Anne Fowler, um den es hier gehen soll, steht jedoch nicht der Autor, sondern seine Frau Zelda Sayre – „Z“ steht für Zelda – im Vordergrund. Wie im Great Gatsby geht es auch hier um Themen wie Dekadenz, Ausschweifungen und soziale Umbrüche vor dem Hintergrund der „Roaring Twenties“, um Wirtschaftswachstum und Prohibition.

 

Zelda war weit weniger bekannt als ihr berühmter Mann, dabei war sie die treibende Kraft in der Partnerschaft. Sie war seine schillernde, temperamentvolle, stets Aufsehen erregende, aber auch energische Lebenspartnerin, die es intellektuell wie künstlerisch leicht mit ihm aufnehmen konnte. Sie war zudem seine Lektorin und Beraterin.

 

Fitzgerald hatte es als junger Armee-Lieutenant im ersten Weltkrieg 1918 nach Montgomery/Alabama verschlagen, wo er das Herz einer aufrührerischen Southern Belle aus konservativer Familie namens Zelda Sayre eroberte. Nach seinem ersten Bucherfolg „entführte“ er die 19-Jährige nach New York City und heiratete sie 1920 in der  St. Patrick's Cathedral. Von da an wurde wild gefeiert und getrunken, erst in New York, dann in Frankreich, wo Scott an seinem nächsten Roman arbeitete.

 


Leben und Feiern in den Roaring Twenties

„Sometimes“, so F. Scott Fitzgerald, „I don't know whether Zelda and I are real or whether we are characters from one of my own novels“. Es ist eine ganz besondere Love (& Hate) Story, die in den turbulenten Zwanziger Jahren spielt, in denen der Jazz aufblühte und der Frauentyp der „Flapper“ aufkam – unkonventionelle junge Damen, die kurzen Bob und kurze Röcke trugen und voll ins Gesellschaftsleben eintauchten. Es war die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, als Normalität einkehrte und Errungenschaften wie Auto, Telefon, Radio oder Kino das Leben wieder lebenswert machten. Industrie und Wirtschaft blühten auf und Kultur und Lebenskunst erhielten neuen Stellenwert. Erst der Wall Street Crash 1929 beendete die Blütezeit und ließ die Great Depression folgen.


Die Fitzgeralds verkehrten in der High Society, in New York, Paris und an der Cote d’Azur. Man traf sich im Sommer mit Picasso, Cole Porter, Gertrude Stein, Alice B. Toklas, Ezra Pound und Jean Cocteau, feierte und knüpfte Kontakte. Scott Fitzgerald pflegte eine enge Freundschaft mit Hemingway (Foto rechts), den Zelda wiederum nicht leiden konnte (und vice versa). Zelda war nicht nur eine exzentrische Schönheit, sondern auch selbst eine kreative, Frau, literarisch und künstlerisch begabt und vor allem eine vielversprechende Tänzerin. Allerdings wurde sie im Verlaufe ihrer turbulenten Ehe, aus der eine Tochter hervorging, mehr und mehr zur missverstandenen, unterdrückten Partnerin, deren eigener Roman niedergemacht wird und die sich ihrem geltungssüchtigen, immer zweifelnden, gefühlskalten und alkoholsüchtigen Gemahl beugen musste. 

Anfänglich ist im Roman die Stimmung heiter und ausgelassen, alkoholselig und ausschweifend, sie wird aber im Laufe der Partnerschaft und der beruflichen und charakterlichen Entwicklung von F. Scott Fitzgerald immer melancholischer und düsterer. Vor allem Zeldas Leben verändert sich, sie wird depressiv. Von junger, stürmischer Liebe ist bald keine Spur mehr da, an ihre Stelle treten Unterdrückung, Bosheiten, Seitensprünge, Alkoholsucht und Krankheit.

 

Von Frauenpower noch keine Spur

Das Buch ist eine lebhafte Beschreibungen der damaligen Gesellschaft, von Glanz und Glamor, Oberflächlichkeit und Exzessen. Es zeigt aber auch die geringe Wertschätzung und die Unterdrückung von Frauen in dieser Zeit. Letztendlich scheitert Zelda daran, sich aus dem „Zwangskorsett“ zu befreien und selbst zu verwirklichen. Das Ende steht im Zeichen von Alkoholismus bei F. Scott Fitzgerald und einer psychischen Erkrankung, wohl schwere Depressionen, bei Zelda. Ab 1930 wird sie immer wieder, teils gegen ihren Willen, in psychiatrische Kliniken eingewiesen und häufig falsch behandelt bzw. sogar misshandelt.

 

F. Scott Fitzgerald starb 1940 im Alter von nur 44 Jahren in der Überzeugung, sein Lebensziel verfehlt zu haben, nämlich sich als bedeutender Autor seiner Zeit zu beweisen. Zelda kam 48-jährig, 1948, beim Brand eines Hospitals um, in dem sie sich wieder einmal zur Genesung aufhielt. Die Tochter, die bezeichnenderweise nach dem Autor benannt wurde, Frances Scott Fitzgerald (1921–1986), wurde Journalistin, Autorin und prominentes Mitglied der Demokratischen Partei.

 

Hinweis: Unter dem Titel Z: The Beginning of Everything“ zeichnet eine US-amerikanische Fernsehserie, die es bei Amazon Prime Video zu sehen gibt, das Leben von Zelda nach.

 

© Text/Fotos: MB-PK

JEANINE CUMMINS, AMERICAN DIRT


Jeanine Cummins

American Dirt

Übersetzung: Katharina Naumann

Taschenbuch, 560 Seiten

ISBN 978-3-499-27682-8

Rowohlt Taschenbuch, 1. Aufl. 2020

 

American Dirt“ erschien in den USA im Januar 2020 und gelangte schnell an die Spitze der New York Times Bestseller-Liste. Allerdings kamen schon bald öffentliche Vorwürfe unter dem Deckmantel des „Verbots der kulturellen Aneignung“ auf: Eine weiße junge Frau könne und dürfe einen solchen Roman doch nicht schreiben! Dazu wurde dem Verlag bzw. dem Verlagswesen insgesamt vorgeworfen, lateinamerikanische Autoren zu benachteiligen. Ende April erschien „American Dirt“ dann auf Deutsch im Rowohlt Verlag, und, um es gleich vorwegzunehmen, es ist ein absolut lesenswertes Buch!

 

Respekt gegenüber Migranten

Die Amerikanerin Jeanine Cummins wurde in Spanien geboren und lebt heute als Autorin in New York. Cummins – selbst zu einem Viertel Puerto-Ricanerin – erklärte auf die Anschuldigungen hin, dass es ihre Absicht gewesen sei, lateinamerikanische Einwanderer würdevoll darstellen und den verbreiteten Eindruck einer „hilflosen, verarmten, gesichtslosen braunen Masse, die auf unserer Türschwelle um Hilfe schreit“ zu revidieren. Und das ist ihr auch hervorragend gelungen!

Dennoch wurde ihr vorgeworfen, sie würde den Kampf der Migranten stereotyp, verletzend und beleidigend darstellen. Ihre Lesetour wurde abgesagt, es kam zu Ausschreitungen und bösen Kommentaren in Social-Media-Kanälen. Die Frage nach dem Anlass für diesen Aufstand führt vermutlich ins Politische, denn weder Polizei noch Grenzschutz kommen in dem Buch gut weg, nicht in Mexiko und auch nicht in den USA.

 

Abenteuerliche Fluchtaktion

Es ist ein an sich einfacher Plot, eine Fluchtgeschichte, mit einer begrenzten Anzahl von Akteuren, allerdings solchen, die man in Erinnerung behält. Es geht um eine Odyssee in den Norden Mexikos mit dem legendären Flüchtlingszug „La Bestia“ – wobei damit nicht eine einzelne Linie oder ein Zug gemeint ist, sondern ein Netz aus Güterzügen –, und um eine korrupte, hinterhältige und sexistische Policia auf mexikanischem bzw. Border Patrol auf amerikanischem Boden.

 


Hauptfigur der abenteuerlichen Rettungsaktion ist Lydia Quixano Pérez, die in Acapulco einen kleinen Buchladen betreibt und mit Mann Sebastián und Sohn Luca ein gutes Mittelklasse-Leben führt. Als eines Tages ein Mann namens Javier, belesen und charmant, im Buchshop auftaucht und zwei ihrer immer vorrätigen Lieblingsbücher auswählt, verliebt sie sich in ihn. Er wird zum Stammgast und Vertrauten. Zu diesem Zeitpunkt weiß Lydia noch nicht, dass er Jefe eines Drogenkartells namens Los Jardineros ist, und ihr mutiger Mann, ein Journalist, gerade einen Enthüllungsartikel über ihn verfasst hat.

 

Wenig später wird bei einer Geburtstagsfeier die gesamte Familie Lydias Opfer eines brutalen Massakers von „los sicarios“, den Killern des Kartells. Es ist reiner Zufall, dass sie und ihr 8-jähriger Sohn verschont bleiben, sie müssen jedoch umgehend fliehen, noch bevor die eher uninteressierte Policia den Fall aufnimmt. Die beiden werden zu Migranten und darum geht es im Großteil des Buches. Um die Flucht vor den Drogenkartellen quer durch Mexiko, über mehr als 1000 Meilen, und dann zu Fuß über die Grenze in die USA. 


Obwohl Lydia, zumindest anfangs, durchaus Geld für Flug- oder Bustickets hat, muss sie solche Verkehrsmittel meiden, um keine Fährte zu hinterlassen oder von korrupten Straßenblockaden gefasst zu werden. Sie erfährt erst viel später, das Javier Fuentes, der Boss, immer wusste, wo sie ist. Anfangs geht es noch per Bus, immer auf der Hut, Richtung Mexico City, dann weiter mit „La Bestia“, auf den Dächern von Güterzügen, gen Norden, getrieben von der Hoffnung auf ein neues, unbedrohtes Leben. Der Marsch durch die Sonorawüste, geführt von einem Schlepper, ist die letzte Etappe der brutalen Reise von Lydia, Luca und einige Weggefährten.

Die Frage nach dem Warum


Es geht in diesem Roman allgemein um die Fragte, warum Leute Lateinamerika verlassen und den gefährlichen Weg zur US-Grenze einschlagen. Wie viel Mut und welche Hartnäckigkeit sind nötig, durch „Kartell-Land“ und unter Einsatz des Lebens zur US-Grenze zu gelangen, um dann, in den meisten Fällen, bei der Flucht gefasst und abgewiesen zu werden.

 Besonders schön ist die Schilderung von Luca, dem scheuen Jungen, der anfänglich wenig spricht, aber scharf beobachtet und ein geografisches Genie ist. Brutalität und Machismo, Bestechung und Vergewaltigung, Hitze, Hunger und Verzicht, Mißtrauen und Angst prägen die fesselnde Schilderung und lassen Lydia und Luca über sich hinauswachsen. Sie schließen sich mit den Zwillingsschwestern Soledad und Rebeca, 15 und 14 Jahre alt, aus Honduras zusammen und verbünden sich mit ihnen gegen dubiose und gefährliche Gestalten aller Art.


Im Zentrum dieses Romans stehen der Kampf ums Überleben und bedingungslose Mutterliebe, es geht aber auch um Nächstenliebe seitens der meist armen Bewohner entlang der Flüchtlingsrouten, die Hilfsaktionen kirchlicher Gruppen und um den schmalen Grat zwischen Zusammenhalt und Misstrauen unter den. Denn die Angst vor dem Verschwinden, vor Unfällen, Verstümmelung und Tod ist überwältigend und omnipräsent. Dieser Roman ist eine ebenso anrührende und mitreißende wie brutal-realistische Story, die sich fast wie ein Thriller liest und zum Denken anregt. Nicht entgehen lassen!

 

© Foto Buchcover: Rowohlt Verlag, alle anderen: MB