„Die Welt ist viel zu bunt um allzu schwarz zu sehen“

 

Marianne Foerster, Ulrich Timm (Hrsg.)

 

Der Garten meines Vaters Karl Foerster

Bornimer Gartentagebuch in sieben Jahreszeiten


Vollständig aktualisierte, erweiterte und neu fotografierte Ausgabe mit Fotos von Ferdinand Graf Luckner 

 

Hardcover, Pappband, 160 Seiten, 180 farbige Abbildungen

ISBN: 978-3-7913-8969-1, Prestel Verlag München 2024, 38 €

 

 

Karl Foerster - dieser Name ist Programm und steht für den wohl bedeutendsten Staudenzüchter des 20. Jahrhunderts. Wer "Foerster" hört und Staudenfan ist, denkt möglicherweise sofort an Phloxe wie „Düsterlohe“ oder „Wenn schon denn schon“ (li. Bild) oder aber an seine Rittersporne. Noch heute werden Sorten wie „Finsterahorn“ oder „Berghimmel“, die er einst gezüchtet hat, in Staudengärtnereien angeboten.

 

Lebenswerk in Tagebuchform

Bei dem 2024 im Prestel Verlag erschienenen Hardcover-Buch handelt sich um die vollständig aktualisierte und erweiterte Ausgabe eines Standardwerks von 2005, das zum 150. Geburtstag von Karl Foerster 2024 neu aufgelegt wurde. Das saisonale Gartentagebuch von Marianne Foerster wurde mit neuen Bildern des bekannten Fotografen Ferdinand Graf Luckner illustriert und um verschiedene Texte ergänzt, u.a. um eine Geschichte des Bornimer Gartens und eine Auflistung der Lebensdaten von Karl Foerster.

Der Staudenzüchter Karl Foerster (1874–1970) hat seinen Bornimer Garten (oben) ab 1911 angelegt. Er entwickelte sich zum vorbildhaften Mustergarten und Gesamtkunstwerk und wurde später von Tochter Marianne gepflegt. Heute verwaltet von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in Bonn, steht die Anlage unter Denkmalschutz und ist ein beliebtes Ziel für alle Gartenfreunde. 


In dem Buch führt Marianne Foerster (1931-2010), ebenfalls Gärtnerin und Gartenplanerin, den Leser durch den rund 5000 qm großen Garten und zwar durch alle sieben Garten-Jahreszeiten. Nach drei Lehrjahren in der väterlichen Gärtnerei und weiteren zwei Jahren als Gehilfin war sie für mehr als drei Jahrzehnte im Brüsseler Büro des Gartenarchitekten René Pechère tätig. Von 1990 bis zu ihrem Tod im März 2010 kümmerte sie sich um den Garten in Potsdam-Bornim und nahm sich der Herausgabe der Schriften ihres Vaters an.

Foerster hat seit den 1920er-Jahren der Gartenkultur Europas entscheidende Impulse gegeben. Er hatte ein besonderes Verhältnis zu Pflanzen, sah sie als Individuen. Sein Ziel war es, mit geringem Pflegeaufwand größtmögliche Schönheit zu gewährleisten. Aus diesem Grunde beobachtete er seine Stauden und suchte nach Züchtungen mit den besten Eigenschaften bzgl. Stabilität, Wachstum, Gesundheit oder Farbe. So gelangen ihm rund 370 Neuzüchtungen winterharter Blütenstauden, allen voran Rittersporne (re. unten) und Phloxe.

 

Mit seinem Fokus auf winterharte Stauden wurde er zum Vordenker einer modernen, nachhaltigen und naturnahen Gartengestaltung. Bei Foerster standen das Zusammenspiel von Erscheinungsbild, Farbe und Duft im Mittelpunkt, dazu war ihm an widerstandsfähigen und ausdauernden Pflanzen gelegen. Auch Wildstauden, Gräser und Farne aus aller Welt interessierten ihn. „Man muss die Pflanzen nach ihrem Willen fragen“, war das Credo des Empirikers. Auf riesigen Versuchsfeldern pflanzte er 20- bis 30.000 Exemplare einer Art und überließ sie dem Zufall, sprich, der Wildbestäubung. Er selbst sah sich als Chronist und Beobachter, als "Buchführer" von Mängeln. Nach zwei Jahren siebte er die besten Pflanzen aus, dann folgten drei weitere Beobachtungsjahre, und erst danach kürte er die Sieger unter Flammenblumen, Sonnenkraut und Astern.


Vielseitiges Genie

1874 in Berlin als Sohn einer Malerin und eines Astronomen geboren, wurden Karl Foersters Kunstsinn und seine wissenschaftliche Neugier früh gefördert. Er absolvierte eine klassische Gärtnerlehre an der Königlichen Gärtnerlehranstalt am Wildpark bei Potsdam. 1903 gründete er seine eigene Staudengärtnerei auf dem elterlichen Land in Berlin-Westend, zog aber bereits  1910 nach Bornim bei Potsdam auf einen etwa 5000 m² großen Acker um. Hier entstand das Wohnhaus der Familie mit Haus-, Lehr- und Schaugarten.

 

1927 heiratete Karl Foerster die Sängerin und Pianistin Eva Hildebrandt, Tochter Marianne wurde 1931 geboren. Im Zweiten Weltkrieg stellte man auf Kartoffel- und Gemüseanbau um,  doch schon 1945 durfte Foerster mit Genehmigung der Sowjetischen Militäradministration erneut einen „Züchtungs- und Forschungsbetrieb winterharter Blütenstauden“ betreiben. Foersters Betrieb überstand beide Weltkriege, wobei seine Haltung zum Nationalsozialismus gelegentlich in Frage gestellt wurde. Zwei Jahre nach seinem Tod, 1970, wurde die Gärtnerei zum „Volkseigenen Gut Bornimer Staudenkulturen“ umgewandelt, Wohnhaus und Garten 1981 als „Karl-Foerster-Gedenkstätte“ unter Denkmalschutz gestellt. Marianne kehrte schließlich 1990 nach Bornim zurück, und von da ab entstand ihr Gartentagebuch.

 

„Wenn ich noch einmal auf die Welt komme, werde ich wieder Gärtner, und das nächste Mal auch noch. Denn für ein einziges Leben ward dieser Beruf zu groß“  

 

Foerster war nicht nur Botaniker und Gärtner, sondern auch Garten-Schriftsteller und Garten-Philosoph, Gartenpoet, Naturanwalt und wurde zu einer Art "Garten-Guru". 1911 entstand als erstes Buch „Winterharte Blütenstauden und Sträucher der Neuzeit“, 1917 folgte  „Vom Blütengarten der Zukunft“, danach viele weitere, z.B. 1940 „Blauer Schatz der Gärten“, eine Hommage an Foersters Lieblingsblütenfarbe, oder als letztes Werk „Es wird durchgeblüht. Thema mit Variationen (1968). In insgesamt 28 Büchern hat Foerster sein umfassendes Wissen der Nachwelt hinterlassen. 

 

Phlox paniculata und Delphinium (Rittersporn, Foto rechts als Beispiel) hatten es ihm angetan. Insgesamt sind ihm 370 eigene Züchtungen gelungen, wovon etwa ein Drittel noch heute im Handel ist. Seine ganze Liebe galt dem Rittersporn, der „blauen Blume“. 1920 züchtete er den „Berghimmel“, weitere folgten, allein 73 Sorten an Ritterspornen. 1928 erschien sein Buch „Der Rittersporn – Geschichte einer Leidenschaft“. Seine Leidenschaft für Phlox folgte auf dem Fuß: „Das Leben ohne Phlox ist ein Irrtum“ – so ein Zitat.

Zur Bundesgartenschau 2001 in Potsdam wurde der Garten in Bornim als Gartendenkmal rekonstruiert. Foerster war es immer wichtig gewesen, dass seine Gartenanlage jedem interessierten Besucher offen stand. Dieses Ansinnen hat Tochter Marianne weitergeführt. Festgehalten hat sie ihre Beobachtungen in einem Gartentagebuch und dieses steht im Zentrum des Buches, auf etwa 120 Seiten. Zuvor wird jedoch in einem geschichtlichen Abriss die  Entwicklung der Anlage aus Schaugarten, Wohnhaus und Gärtnerei von 1910 an geschildert. Der Bornimer Garten gilt nämlich als die erste Schau- und Lehranlage der Gartenkultur, als erster Studien- und Versuchsgarten.

Er war von Anfang an als „Garten der sieben Jahreszeiten“ angelegt, geplant als mehrteilige Anlage mit Senkgarten, Frühlingsweg, Naturgarten, Wohngarten (einer Rasenfläche, von Stauden und Bäumen gerahmt), mit Herbstbeet, Steingarten und Versuchsgarten für neue Züchtungen und Versuche. Der Senkgarten war kulturgeschichtlich der bedeutendste Teil der Gartenanlage und steht im Buch im Zentrum. Im Laufe der Jahre kam es zwar zu einigen Veränderungen und Sanierungen, doch im Rahmen der Bundesgartenschau Potsdam 2001 wurde er wiederhergestellt. Diese Maßnahmen werden ebenfalls im Detail geschildert.

 

 

 

Rundgang durch die Jahreszeiten

Anschließend an die farblich abgehobenen Seiten mit den Lebensdaten von Karl Foerster folgt das „Bornimer Gartentagebuch“. Hierbei geht es um die Erscheinung des Gartens in den sieben (!) Jahreszeiten. Die jeweiligen Leitpflanzen werden beschrieben und mit stimmungsvollen Fotos illustriert. Es gibt teils ausführliche Informationen zu einzelnen Pflanzengruppen, wie z.B. Rhododendren, oder Hinweise zu Sorten und Pflege, Rückschnitt und Kompostmischungen, zu Wühlmausplage und Schnecken und es geht auch um richtiges Wässern und perfekte Farbkombinationen.

Dem Vorfrühling (Foto li. oben) – mit Duftveilchen, Christrosen, Primeln, Bergenie, Zwiebelblumen – folgt der Frühling (Lungenkraut, Blaukissen, Sonnenröschen) - auf dem Foto oben ein Ahorn am Rand des Senkbeetes – ehe man im Frühsommer bereits einem ersten Höhepunkt zusteuert: Rosen und Rittersporne, Salbei und Funkien entfalten dann ihre volle Pracht. 

Der Hochsommer (Foto unten) trumpft mit Dahlien, Taglilien, Phloxen, Astilben und Sonnenbraut auf, im Herbst wird es dann farblich etwas gedämpfter, mit Ziergräsern, Sonnenhut, Herbstanemonen oder Sedum. Der Spätherbst produziert noch einmal ein schönes Farbenschauspiel (es geht hier zudem um den Rückschnitt von Pflanzen), während im Winter dann die Winterruhe von Farbtupfern wie Zaubernuss oder Felsenmispel unterbrochen wird.

 




   Herbststimmung in Foersters Garten

 

 

 


„Wer mit seinem Garten zufrieden ist, verdient ihn nicht.“

 

Karl Foersters Dreiklang der Farben ist ein weiteres (neu zugefügtes) Kapitel im Buch. Es geht um das  Prinzip „vom Ton zum Klang“, von der Einzelpflanze zur Gesamterscheinung, um die Zusammenstellung mehrerer Farben, um empfehlenswerte Dreiklänge. Eine Liste mit verschiedenfarbig blühenden bzw. belaubten Pflanzen der entsprechenden Farbgruppen ist zugefügt.

 

Die folgenden „Profi-Tipps der Chefgärtnerin“ - gestellt an die heutige Chefgärtnerin des Gartens, Kristina Scheller – bringen wenig Neues. Es geht vor allem um Bestand und Gegebenheiten von heute im Vergleich zu früher. Interessanter ist wieder das letzte Kapitel „Marianne Foerster, die Planerin“. Dieser Text würdigt die Tochter des großen Staudengärtners als eigenständige, talentierte Gartengestalterin und nennt auch tabellarisch ihre Lebensdaten und ihren Werdegang.

 

Der Besuch im Staudenparadies Foersters, im Bornimer Garten lohnt sich, und wer nicht selbst nach Potsdam reisen kann, hat Gelegenheit, ihn mit diesem schön aufgemachten Prestel-Buch kennenzulernen. Ideal zum Blättern, Foto-Ansehen und Lesen, anregend zum Neu-Planen und Recherchieren, macht der Band vor allem Lust, sich mehr mit den Foerster-Züchtungen zu befassen.

 

HINWEIS:

Die Staudengärtnerei Gaißmayer in Illertissen (www.gaissmayer.de) sei abschließend als Tipp für süddeutsche Gartenfans in Sachen Foerster-Züchtungen erwähnt. Gerade die Phlox-Auswahl ist hier riesig.

 

 ©Text: MB, Fotos: Prestel Verlag (aus dem Buch), Phloxe und Rittersporn sowie letztes Bild: MB (aus dem eigenen Garten).

 

Besuch im Metropolitan Museum


Patrick Bringley, All die Schönheit dieser Welt. 

Wie mir die Kunst dabei half, meine Trauer zu überwinden.

Verlag Allegria (Ullstein Buchverlage), Okt. 2023

320 Seiten Hardcover mit Schutzumschlag, 24,99 €, ISBN 9783793424321

Originaltitel: The Day Watchman - A Guard`s Search for Solace and Meaning at the Metropolitan Museum of Art. .Aus dem Amerikanischen von Jochen Winter.

 

 „The Met“, wie das Metropolitan Museum in New York City kurz genannt wird, ist ein Museum der Superlativen, ein weltweit einzigartiger Musentempel, die größte Kunstsammlung der westlichen Welt. 1870 hat eine Gruppe amerikanischer Geschäftsleute und Intellektueller die Sammlung ins Leben gerufen und ab 1880 entstand der zentrale Kernbau, bis heute das einzige größere Gebäude und Museum innerhalb des Central Park, mit repräsentativer Beaux-Arts-Fassade. 1926 war der Komplex fertig, im Laufe der Zeit wurde mehrfach um- und angebaut um die 36.000 Stücke aus der ganzen Welt, die rund 5000 Jahre Geschichte abdecken, unterzubringen. Sie verteilen sich auf insgesamt ca. 185.000 qm, auf vier Hauptetagen und 19 Abteilungen – z.B. American Wing, Asian Art, Arms & Armor, Egyptian Art oder Greek & Roman.

 


Es gibt hier alles. Bauten, wie der sehenswerte ägyptische Tempel der Dendur aus augusteischer Zeit, wurden komplett rekonstruiert. Ausgestellt sind aber auch bedeutende historische Gemälde wie das berühmte Porträt George Washingtons von Gilbert Stuart oder Emanuel Leutzes’ Gemälde „Washington Crossing the Delaware“, die auch den Autor begeistern. Außer Kunstwerken befinden sich im Met Waffen, Drucke, Fotos, Musikinstrumente, Möbel, Kostüme oder kuriose Stücke wie mehr als 200.000 Baseball-Sammelkarten.

 

Heilung im Museum

Patrick Bringley, vormals Journalist beim New Yorker, entschied sich nach dem Krebstod seines älteren, nur 26 Jahre alten Bruders, sein früheres Leben hinter sich zu lassen und bewarb sich als Museumswärter im Metropolitan Museum of Art. Er wird genommen und bleibt zehn Jahre. In dieser langen Zeit beobachtet er Tag für Tag die vielen Besucher des berühmten Museums einerseits, die Kunstwerke andererseits, und überwindet so seine innere Leere. Vor allem das Studium der Kunstwerke gibt ihm neuen Mut, durch den er allmählich seine Trauer bewältigt.

 

Große Eingangshalle des Museums mit Ticketverkauf

Bringley ist ein ruhiger Beobachter und gibt zugleich interessante Einblicke hinter die Kulissen eines der größten Museen der Welt. Er beschreibt wie die Rädchen in diesem Riesenmuseum ineinandergreifen, welche Rolle die Wärter (und andere) dabei spielen, wie die Schichten und Hierarchien ablaufen. Alles geht seinen Gang, jeder muss auf den anderen vertrauen können. Keine Missgunst, kein Neid, schlicht Toleranz und Nebeneinander unter den Wärtern. Diese sind gerne übersehene Figuren in schlecht sitzenden, dunkelblauen Anzügen, die lediglich nach WCs oder dem Standort der (natürlich nicht hier befindlichen) „Mona Lisa“ gefragt werden. Dabei überwachen sie mit Adleraugen die Kunstwerke und die Millionen von Besuchern pro Jahr. Stehen und Schuhverschleiß sieht Bringley zu Anfang als Problem, Wärter präferieren daher auch bestimmte Abteilungen wegen der Böden. Dafür steht dem Wärter fast das ganze Labyrinth an Gängen und Sälen, Räumen und Nischen offen, sogar an Montagen, wenn das Museum geschlossen ist und vor allem Kuratoren und Handwerker unterwegs sind.

 

Das Buch ist eine Museumschronik und ein Kunstführer, in dem es ausführlich um Sammlungen und Kunstwerke geht. Patrick Bringley geht durch die ihm als Wärter immer wieder neu zugeteilten Bereiche, macht sich vertraut und kürt seine Lieblingsstücke. Er hält „Zwiesprache“ mit den Objekten und lernt innezuhalten. Es ist ein abwechslungsreicher Job, zumal die Gruppe der Museumswärter  (männlich und weiblich) alles andere als homogen ist: Es ist ein Sammelsurium aus Künstlern, Musikern, einfachen Arbeitern, Immigranten, Aussteigern und Träumern, und ganz verschiedenen Schicksale, Geschichten, Ethnien und Einstellungen treffen hier aufeinander. Der Autor schließt Freundschaften und beginnt sich in der Museums-Welt wohl zu fühlen. Mehr und mehr schöpft er Kraft aus Kunstwerken, fängt an, sich Lieblingswerke in bestimmten Abteilungen zu notieren und Besucher zum Denken anzuregen und seine Euphorie weiterzugeben.

Alles im Fluss statt großer Action

Der Autor ist ein Neugieriger, ein Suchender, und das kommt in diesem Roman gut heraus. Es gibt keine „Action“, keine Super-Highlights, eher fließt die Schilderung über Ereignisse, Entdeckungen und Kunstschätze einfach so dahin. Dennoch: Man wird angeregt, das eine oder andere Kunstwerk dann doch nachzuschlagen. Dafür stellt der Autor auf über 30 Seiten am Ende des Buches seine Lieblingswerke vor, darunter z.B. der New Yorker Kouros im Bild rechts, mit Datierung und Inventarnummer sowie Anleitung, wie man die Werke im Museum bzw. unter www.metmuseum.org  (anhand der Nummer unter „Art“, „The Met Collection“) selbst finden kann. Ganz am Schluss gibt es dann noch eine ausführliche Bibliografie zu einzelnen Gattungen/Themenkreisen.

 

Heute lebt Bringley mit  Frau und Kindern in Sunset Park, Brooklyn, und bietet regelmäßig Stadt- und Museumsführungen, v.a. im Rahmen von Bowery Boys Walks an. „Whitman and Melville’s New York by Foot and Ferry“ ist eine weitere beliebte Tour mit Bringley. Er veranstaltet Lesungen und Diskussionen in Museen und Bibliotheken und genießt den Ruhm, den ihm sein erstes Buch,  All the Beauty in the World“, eingebracht hat. Es ist kein aufsehenshascherisches Buch, aber jeder Fan des Metropolitan Museums, jeder Museums- und Kunstfan überhaupt, sollte es gelesen  und vielleicht sogar als anregendes Nachschlagewerk in der eigenen Bibliothek haben.


• Infos: www.patrickbringley.com

Coverfoto: ©Verlag Allegria/Ullstein, übrige Fotos: ©Margit Brinke

Wien – Berlin – Iowa. Wenn sich Welten begegnen

Stefanie Sargnagel, Iowa,

Rowohlt Buchverlag; Dezember 2023, gebunden 304 Seiten, 22 €

ISBN-10:  3498003402  ISBN-13: ‎978-3498003401

 

Iowa

 

„Eier mit dicker Schale, mehr Bio geht nicht, orthodoxestes Bio, Bio-Extremismus, ungewaschene Eier aus unrasierten Kloaken gottgefäliger Hennen, gefüttert von unbehandelten Bauernhänden ungeimpfter Mädchen. Das wird schmecken.“

 

So schreibt die 38-jährige österreichische Schriftstellerin und Cartoonistin Stefanie Sargnagel über einen Besuch auf einer Amish Farm zusammen mit ihrer Reisegefährtin Christiane, die darauf besteht, dort Eier zu kaufen. Sargnagel ist direkt, mit bissigem Humor, verblüffender Naivität und schonungsloser Ehrlichkeit gesegnet – und dazu alles andere als eitel. In „Iowa“, erschienen im Dezember 2023 bei Rowohlt, erzählt sie über ihre Reise ins ländliche Amerika, eben in den gleichnamigen Bundesstaat. Es geht um ihre Annäherung an eine komplett fremde Welt – die dann doch in manchen Punkten so unähnlich ihrer eigenen gar nicht ist – und es geht um Freundschaft.

 

2022 reiste die Autorin eher widerstrebend in die USA um ihre mehrwöchige Stelle als Lehrerin in Creative Writing an einem College in Grinnell (Foto unten), einem 8.000-Einwohner-Städtchen zwischen der Hauptstadt Des Moines und Iowa City, anzutreten. Das private Grinnell College von 1846 mit einem historischen Campus ist elitär, privat, teuer und sehr liberal. Anders als man in der ländlichen Abgeschiedenheit im Mittleren Westen vermuten würde, gibt es Studenten verschiedener sexueller Orientierung und Hautfarben.

 

Wien und Berlin, Wort und Musik

Stefanie Sargnagel studierte in der von Daniel Richter geführten Klasse der Akademie der bildenden Künste Wien Malerei, verbrachte aber mehr Zeit im Callcenter um Geld zu verdienen. Seit 2016 ist sie freie Autorin, ihre beiden Bücher „Statusmeldungen“ und „Dicht“ brachten ihr Preise ein, u.a. den Ingeborg-Bachmann-Preis 2016. Und sie ist zudem Cartoonistin, was man leicht auf ihrer Instagram-Seite prüfen kann.  

 

Sargnagel wird begleitet von der (wesentlich älteren) Musiklegende Christiane Rösinger, von der auch die korrigierenden (spaßigen) Fußnoten im Roman stammen. Rösinger, die von Sargnagel bewunderte Musikerin und Schriftstellerin hat ebenfalls einen Auftritt im College, reist dann aber früher ab. Sie war Gründerin, Sängerin und Texterin der Berliner Bands „Lassie Singers“ und „Britta“, dazu in den 1990ern eine der Betreiberinnen der legendären Flittchenbar am Berliner Ostbahnhof. „Songs Of Love And Hate“ heißt ihr erstes Soloalbum von 2010. Sie schreibt Kolumnen und Beiträge und hat zwei Romane (2008 „Das schöne Leben“ und 2015 „Liebe wird oft Überbewertet“) veröffentlicht.

 


Zwei verwandte Seelen, zwei leicht schrullige Künstlerinnen in Iowa – gemeinsam führen die Beiden ein recht gemütliches Leben im vom College zur Verfügung gestellten Haus. Die eine besteht auf den Fernsehsessel, die andere präferiert das Sofa, nur der Fernseher geht nicht und man schaut Serien auf dem Laptop. Wie ein altes Ehepaar. Man fahndet nach genießbarem Essen und ist dann doch nicht wählerisch, lässt sich von einer österreichischen Grinnell-Professorin in die Bars und die kulinarische Szene der Stadt einführen und herumkutschieren. Später machen sich die Beiden selbständig auf, das neue Niemandsland mit seinen endlosen Feldern, riesigen Supermärkten, Tankstellen und religiösen Kolonien zu erkunden. Sie fahren in die Hauptstadt und nach Dubuque, die älteste Stadt Iowas am Westufer des Mississippi, besuchen die Niederlassungen von Religionsgruppen wie Ananda und Amish und bewundern die Metropole Chicago, von der aus Christiane zurückfliegt und wo Stefanies Mutter am Ende ankommt.

 

Truthahnmägen und Lässigkeit

Sie sind überrascht über Truthahnmägen auf der Bartheke, über die Vielfalt geschmacklosen Fastfoods, über Waffenwahn und Übergewichtigkeit. Ja, gewisse Vorurteile über die USA werden auch in diesem Roman abgearbeitet, doch immerhin erschöpft sich die Autorin nicht darin, sondern schildert vielmehr humorvoll und oft berührt ihre Beobachtungen, sich selbst dabei ebenfalls immer wieder auf die Schippe nehmend. Spott ist da, aber keine Überheblichkeit.

 

Sargnagel lobt auch manches amerikanische Verhalten: „die Stimmung lässig und unaffektiert, es herrscht nicht der typisch bürgerliche Beflissenheitswettbewerb, wie man ihn aus dem deutschen akademischen Milieu kennt, man will eine gute Zeit haben und sich nicht gegenseitig beeindrucken.“ Sie wundert sich über die "engagierten, lebenshungrigen Studenten" und fragt sich, ob es hier auch AnarchistInnen, depressive TrinkerInnen und derartiges gibt, wo man doch stolze 70.000 Dollar fürs Studienjahr bezahlt. Und sie reflektiert über das romantische Leben in Österreich, vergleicht Wien mit Berlin (amphetamintriefende Technoschuppen, Bohèmekultur) und findet durchaus Gemeinsamkeiten zwischen den Bars und Barflies in Grinnell und Wien.

 

Sargnagel und Rösinger tourten schon gemeinsam mit Stand-up Comedian Denice Bourbon als „Legends of Entertainment“. Auch im Roman kabbeln sich die beiden ständig, liebevoll und widerspenstig. Es geht um Alter und Altmodischsein (Rösinger), um Technikabhängigkeit und Internetsucht (Sargnagel), um Essgewohnheiten, Waffenwahn und Geschlechterrollen, Sucht und Alkohol. Abgesehen von den lebendigen Bildern, die Sargnagel von einem Bundesstaat malt, den wohl die Wenigsten kennen, ist ihre Sprache genial. Über die Kommunikation während eines Kuchenbackwettbewerbs in einer lokalen Kirche schreibt sie beispielsweise: „Man kann den Wörtern bei der Kuchenrunde zusehen, wie sie von einer Seite des Tisches zur anderen kriegen, als würden sie auf de Rücken einer alten Schildkröte an den Kuchen vorbei getragen...“ Viel schneller und genussvoller liest sich dementgegen dieser überaus empfehlenswerte Roman von Sargnagel!


Buchcover: ©Rowohlt Verlag,

Autorinnen-Foto:©Apollonia Theresa Bitzan

Foto Effigy Mounds NM Iowa und Grinell (unten): ©Iowa Tourism Office.

STREET ART WELTWEIT - NAMEN, DIE MAN SICH MERKEN SOLLTE

 

©Prestel/V.Ballantine

Alessandra Mattanza, New Street Artists

24 Künstler:innen, deren Namen man sich merken sollte - Newcomer:innen in der Szene von Adelaide bis Paris, von Kopenhagen bis Sao Paulo

Hardcover, 240 Seiten, ISBN: 978-3-7913-8991-2, 36 €, Prestel Verlag München, 2023

 

In letzter Zeit sind viele Bücher über Murals und Graffiti,  Street Art und Street Artists erschienen. Auch in dem neuen Buch von Alesandra Mattanza geht es um Straßenkünstler. Sie gibt in dem großformatigen, schön bebilderten Band, der unlängst im Prestel Verlag erschienen ist, einen Überblick über die internationale Street Art-Szene mit Fokus auf die neuen Stars in Großstädten weltweit. Mattanza hat Werke von 24 Street Artists ausgewählt, die nach Meinung der Autorin das Zeug dazu haben, sich zu neuen Stars der Szene zu entwickeln (es manchmal allerdings schon sind).

 

 

Mattanza lebt in New York und ist Autorin, Drehbuchautorin und Fotografin. Sie hat bereits mehrerer Bücher zum Thema verfasst, darunter Street Art: Legendäre Künstler und ihre Visionen oder Street Art is female und Banksy (alle bei Prestel). Ebenfalls von ihr stammt Zu Hause in New York: 20 Prominente zeigen ihre Stadt (2015).  In sehr persönlichen Reportagen beleuchtet sie nun in diesem neuen Buch Hintergründe und Motivationen der Künstler:innen (so die Schreibweise im Buch!). Unter den Vorgestellten – über die Auswahl könnten Fachleute sicher diskutieren – befindet sich auch der deutsche Künstler Hendrik Beikirch, dessen großformatige, realistische und sehr ausdrucksstarke Schwarzweißporträts weltweit Gebäude zieren, der Pariser Künstler Ardif, bei dem Maschinen und Natur verschmelzen, Inti, der mit großen, farbenfrohen Wandbildern die moderne chilenische Gesellschaft kritisiert, und der Amerikaner Vince Ballentine, dessen Technik Elemente aus Rap und Hip-Hop verbindet.

 

©Hendrik Beikirch

 

Was ist Street Art?

Dazu findet man in der Einleitung Auskunft. Street Art findet ausschließlich im urbanen Raum statt, ist Teil einer Performance und öffentlich. Die gewählten Künstler:innen greifen aktuelle gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen auf und machen damit Street Art zu einer einzigartigen Kunstform. Die Stadt wird zur Leinwand, Architektur, Neighborhood und Menschen werden in die Kunst eingebunden und es findet eine  Interaktion zwischen Künstler und Öffentlichkeit statt.

 

Ein wiederkehrendes Thema sind die Auswirkungen der Technik auf Mensch und Umwelt, Natur, Flora und Fauna. Die Motivationen der Künstler sind unterschiedlich, reichen von Erfahrungen und Selbsterlebtem über Aktivismus, Engagement und Protest bis hin zu Emotionen und Gefühlen. Oft spielen der Glaube an Gleichberechtigung und der Kampf gegen Diskriminierung und soziale Ungerechtigkeit hinein. Die Kunstrichtung steht für Diversität, Freiheit und Unabhängigkeit sowie das Eintauchen in andere Kulturen.

 

Street Artists – eine Auswahl aus der Auswahl

©Adnate

Die Künstlerporträts sind alphabetisch angeordnet, der Hauptteil des Buches beginnt mit dem Australier Matt Adnate (rechts), dessen großformatige Porträts von Menschen Hochhausfassaden zieren. Bei dem Franzosen Ardif steht eine retro-futuristische Ästhetik im Zentrum, den Gegensatz zwischen «Fortschritt» und Veralterung in der Wissenschaft stellt er v.a. in Gestalt von janusköpfigen Tierfiguren dar. Vincent Ballentine ist längst ein großer Name in der New Yorker Szene. Der Afroamerikaner aus Brooklyn studierte Filmkunst und Animation, lebte u.a. in L.A. , und sieht Kunst vor allem als therapeutischen Zweck. Auch bei ihm stehen Porträts bzw. Menschen im Allgemeinen im Vordergrund.

 

 

© V.Ballantine

 

© Fnnch

Blesea steht hingegen für Popkultur. Der Franzose malt Zeichentrick-Figuren, Mangas und taucht in Fantasiewelten ein, schafft unterhaltsame Kunst. Ebenso lustig sind die Werke von Ella & Pitr, einem Künstlerpaar – sie Komödiantin, er Street Art-Künstler – aus Frankreich. Ihre ironischen, auf Reaktion abzielenden Bilder kennzeichnen ganz charakteristische Köpfe. Mit den amerikanischen bärenförmigen Honig-Plastikgefäßen wurde Fnnch (er bleibt anonym!) bekannt. Er kreiert "Popart" im Silicon Valley, mit Bärchen, die verschiedenste Charaktere verkörpern und die man z.B. auf den Straßen von San Francisco findet, aber auch mit anderen Pop Art-Motiven.

 

© Fin Dac
Der Ire Fin Dac betrachtet die Wand als Leinwand und schafft großformatige impressive Fassadenbilder, die ebenfalls leicht zu identifizieren sind: Er hat sich auf Porträts von asiatischen Frauen, fremd und sinnlich, mutig, selbstbewusst und elegant spezialisiert. Vielfach tragen die Frauen eine Art Maske vor den Augen. Gefragt nach seiner Motivation, gibt er an, dass es vormals kaum positive Darstellungen asiatischer Frauen gab, sie wurden im Allgemeinen als Kurtisanen, Geishas oder Dragon Ladies abgebildet. Auch bei Royyal Dog, selbst aus Südkorea stammend und in L.A. lebend, steht Multikulti im Mittelpunkt – jenseits der Grenzen von Ethnien und Nationen bildet er ein Mosaik der Menschheit ab. Gerne stellt er POC in traditioneller koreanischer Kleidung dar. 

 

 

 

 

 

©Royyal Dog

INTI – Inti Castro – hat chilenische Wurzeln und großes Interesse für amerikanische Ureinwohner, für Kulte und Rituale. Er ist bereits seit 1996 als Street Artist tätig und produziert weltweit. In seinen Bildern nutzt er die Ikonografie verschiedener Kulturen und schafft eine Verbindung zwischen den Welten.

 

Eine der nicht allzu zahlreichen Frauen in der Szene ist Danielle Fastrion. Sie arbeitete beim Kollektiv 5 Poointz Long Island City Queens mit oder auch beim Bushwick Collective. Sie wuchs in Brooklyn auf und sagt von sich "Ich möchte mich weiterentwickeln und immer besser werden" und einmal in aller Welt ihre farbstarken Frauenporträts zu zeigen. Im Werk einer weiteren Frau, Jacoba Niepoort , in Dänemark geboren, in Massachusetts aufgewachsen, steht der menschliche Körper im Vordergrund. Ihr Thema sind verschlungene Leiber, die sich über ganze Hauswände räkeln, häufig als Linienlabyrinth. Meist sind die Gesichter nicht klar erkennbar oder verdeckt, denn die Künstlerin möchte die Aufmerksamkeit darauf lenken, was Körper und Hände tun wenn sie miteinander in Beziehung treten.

© Brandan Odums

© Brandan Odums
Flora und Fauna sowie Surrealismus mit „romantischen Anklägen“ stehen bei den Australiern Scott Nagy & Krimsone im Vordergrund, sie fühlen sich als "multidisziplinäre Mural-Maler" und weniger als Street Art-Künstler. Im Bann der Farben stehend, ist es ihnen wichtig, Stimmungen zu erzeugen und Szenen lebendig zu machen. 

Wesentlich direkter wirken die Bilder von Brandan BMIKE Odums aus New Orleans. Sein Hauptmotiv sind (afroamerikanische) Kinder. Er hatte wesentlichen Anteil daran, dass Bywater, ein in der Vergangenheit eher wenig beliebtes (Industrie-)Viertel, neu belebt wurde. Er verbindet Kunst und Aktivismus, legt Wert auf klare, direkte Aussagen und leichte Verständlichkeit. Inspiration für ihn sind Fotografie und Musik.

 

Einen komplett andere Stil pflegt Okuda San Miguel: viel Farbe und geometrische Formen – ein Fest für die Sinne! Seine Murals sind ein Mosaik aus bunten geometrischen Formen, die sich zu Portäts, Tieren o.a. Motiven zusammenfügen. In Spanien geboren und beeinflusst vom Land, sind seine Kunstwerke farbenfroh und glücklich, reich an Natur und Kunst. Eines seiner Meisterwerke ist die Ausmalung der International Church of Cannabis in Denver (2017).

 

© TV Boy

© TV Boy

Auch TVBoy - Salvatore Benintende aus Palermo ist mit seinem „Neopop-Stil“ ein Unikum. Er übermittelt Botschaften,  indem er oft Persönlichkeiten der Vergangenheit, wie die Mona Lisa, und Berühmtheiten der Gegenwart, z.B. Politiker, zusammenbringt. TVBoy ist der Meinung, dass wahre Street Art illegal sein muss und schafft daher häufig auch schnelle Paste-ups, z.B. Make Peace not War mit Donald Trump und Kim Jong-un.

Unterschiedliche Stile, verschiedene interessante Charaktere, grandiose Werke sind in dem neuen Band zu entdecken und es macht Spass Künstler und Werke zu vergleichen, Parallelen zu ziehen und weiter zu recherchieren. Dieses Buch ist ein Hingucker und absolut sein Geld wert!