Charles C. Mann, Amerika vor Kolumbus. Die Geschichte eines unentdeckten Kontinents


Charles C. Mann, 

Amerika vor Kolumbus. Die Geschichte eines unentdeckten Kontinents.

Rowohlt Verlag Hamburg, 2016 (dt. Erstausgabe, übersetzt von Bernd Rullkötter)

720 Seiten, gebunden, 29,95 €


 

 


Neue Funde und Forschungsergebnisse haben in den letzten Jahrzehnten das bislang kursierende Bild vom vorkolumbischen Amerika in seinen Grundfesten ins Wanken gebracht. Zwar weiß man längst, dass Kolumbus nicht der erste Europäer in der „Neuen Welt“ war – Wikinger und europäische Fischer waren lange vor ihm an der Ostküste Nordamerikas unterwegs gewesen –, doch inzwischen müssen auch andere Aspekte neu überdacht werden.
 Einen spannend zu lesenden Überblick über den jüngsten Forschungsstand und überraschende neue Theorien liefert das Werk des Wissenschaftsjournalisten Charles C. Mann. Auf über 700 Seiten schafft es der preisgekrönte Autor, der u.a. für The Atlantic Monthly, Science, Geo, Stern, New York Times oder Washington Post schreibt und in Amherst/Massachusetts lebt, tief verwurzelte Vorstellungen über die „Entdeckung“ Amerikas und das koloniale Amerika über den Haufen zu werfen.


Indianische Kulturen in Nord- und Südamerika
Mann macht an zahlreichen Beispielen klar, dass die indianischen Kulturen in Nord- und Südamerika oft weiter entwickelt waren als jene der Europäer, und, dass die Indianer vor 1491 einige der größten und reichsten Städte weltweit bewohnten. Zudem waren sie keineswegs, wie häufig angenommen, von der Jagd und dem Sammeln von Wildfrüchten abhängig. Im Gegenteil, die meisten Völker betrieben Landwirtschaft.


Zudem war das „Amerika vor Kolumbus“ weit geschäftiger, vielseitiger und dichter bevölkert, und vor allem auch älter, als es sich die Forscher früher vorgestellt hatten. Erst als  die Europäer auftauchten, kam es zu fundamentalen Veränderungen. Zwei Zivilisationen trafen aufeinander, deren Geschichte und Kultur nicht unterschiedlicher hätten sein können. Für die Indianer war die Begegnung folgenschwer: Masern-, Pocken- und die Grippeviren, die die Europäer einschleppten, kosteten vielen das Leben und eingeschleppte Pflanzen brachten das Ökosystem durcheinander. So fanden beispielsweise die Pilgerväter 1620 bei ihrer Landung im heutigen Massachusetts eine fast verlassene Region vor und nutzten eine aufgelassene Indianersiedlung. Die hier lebende Gruppe von Nauset-Indianer war durch eine von englischen Fischern zuvor eingeschleppte Krankheit fast ausgerottet worden.


Neue Erkenntnisse über die indianische Lebensweise
Ähnliches hatte sich überall in der „Neuen Welt“ zugetragen, sodass die europäischen Siedler oft das Gefühl hatten, in einer Wildnis gelandet zu sein. Es ist der große Verdienst von Charles C. Mann, klar zu stellen, dass die beiden amerikanischen Kontinente nicht nur dicht besiedelt, sondern auch effektiv bewirtschaftet waren. An zahlreichen Beispielen, u.a. aus Neuengland, Mesoamerika (Mexiko) und Südamerika, erläutert er, dass indianische Kulturen, wie die der Irokesen, Inka oder Maya, weiterentwickelter waren als jene in Europa und dass manche indianische Stadt größer war als beispielsweise London oder Paris.


Der Autor gewährt überraschende Einblicke in die Lebensweise der Indianer und zeigt auf, wie noch heute ihre Mais-, Kürbis- und Kartoffelanbauflächen weite Teile des Kontinents prägen. Er betont, dass die Indianer zum großen Teil „keine nomadischen, ökologisch vorbildlichen Menschen, die zu Pferde Büffel jagten“ gewesen sind. Im Gegenteil: Sie schufen einige der größten und reichsten Städte der Welt, beispielsweise Norte Chico im heutigen Peru. Schade nur, dass im vorliegenden Band die Ancient Puebloans – früher als „Anasazi“ bekannt – nur am Rande vorkommen. Dabei hatten auch sie im nordamerikanischen Südwesten eine blühende Landschaftwirtschaft betrieben und zahlreiche große Siedlungen errichtet, die dann im 12. Jahrhundert plötzlich aufgegeben wurden.


Das englische Original von Manns Buch erschien erstmals 2006 unter dem Titel „1491: New Revelations of the Americas Before Columbus“, die deutsche Erstausgabe, übersetzt von Bernd Rullkötter, 2016. Von Mann stammt darüber hinaus ein Folgeband mit dem Titel „1493: Uncovering the New World Columbus Created“ (2011), als „Kolumbus’ Erbe. Wie Menschen, Tiere, Pflanzen die Ozeane überquerten und die Welt von heute schufen“ (2013) ebenfalls im Programm des Rowohlt Verlags.

© Fotos: Cover - Rowohlt Verlag, NC Tourism (Roanoke Island, lQueen Elizabeth II.), andere: MB - oben: Bild im ND Heritage Center Bismarck zur einstien Lebensweise der Mandan-Hidatsa, unten: Mesa Grande Cultural Park (Mesa/AZ).

Stadt Befreit. Wittelsbacher Gründerstädte.

Ausnahmsweise soll es in diesem Blogbeitrag einmal um Bayern statt um die USA gehen, aus aktuellem Anlass und weil es sich um ein wirklich lesenswertes Buch handelt.

Später als ursprünglich vorgesehen, nämlich erst am 10. Juni, startete das Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG) in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Aichach-Friedberg und den Städten Aichach und Friedberg die Bayerische Landesausstellung 2020 mit dem Titel „Stadt befreit. Wittelsbacher Gründerstädte“. Die sehenswerte Ausstellung ist noch bis zum 8. November zu sehen und findet an zwei Plätzen statt: im neu renovierten Wittelsbacher Schloss in Friedberg und im ebenfalls neu gestalteten FeuerHaus in Aichach – beides Orte, an denen der Aufstieg des Adelshauses der Wittelsbacher einst ihren Anfang nahm.

Die Landesausstellung ist gut aufgemacht und blickt zurück in die Zeit nach 1180. Sie erzählt, wie und wann Bayern seine Städte bekam: in dem historisch gesehen kurzen Zeitraum, von etwa 1200 bis 1300. Der jungen Herzogsdynastie der Wittelsbacher diente die gezielte Gründung und Förderung von Städten und Märkten der Festigung ihrer wirtschaftlichen, militärischen und politischen Macht. Doch auch für die Bürger bot das Leben in den neuen Städten unschätzbare Vorteile: Sicherheit der Person, Schutz des Eigentums, Freiheit des Handels – und deshalb lautet ein bis heute populäres Motto: „Stadtluft macht frei!“.

 

Interessanter Ausstellungskatalog


Stadt Befreit. Wittelsbacher Gründerstädte

Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2020

Hsg.: Haus der Bayerischen Geschichte (P. Wolf, E. Brockhoff, R. Fischer, S. Schormair, M. Veronesi), Augsburg 2020, 304 S., ca. 200 farbige Abb., 24 € (im HdBG-Online-Shop) bzw. fest gebunden im Buchhandel, 29,95 €

 

 

 

 Wer historisch interessiert ist, aber keine Gelegenheit mehr hat, die Ausstellung(en) anzusehen, sollte sich unbedingt den informativen, gut aufgemachten Katalog besorgen. Dort werden nämlich nicht nur die höchst vielseitigen kostbaren Exponate zur Gründungsgeschichte bayerischer Städte beschrieben, sondern es gibt zudem von Experten verfasste weiterführende Essays.

 
 
Das Katalogbuch zur Bayerischen Landesausstellung  richtet sich an ein breites Publikum. Es geht um die Zeit des Spätmittelalters, in der dank der Wittelsbacher urbanes Leben in neuen Städten und Märkten in relativ kurzer Zeit aufblühte und sich das Alltagsleben komplett veränderte.  Die Wittelsbacher unterhielten ihre Stammburg in Oberwittelsbach, nahe Aichach, und nutzte Städtegründungen als Machtinstrument um zu einem der bedeutenden Herrschergeschlechter Europas aufzusteigen, dem z.B. auch König Ludwig I. oder König Otto von Griechenland angehörten.

 

250 Seiten prallvoll mit Informationen

 

Einen guten ersten Überblick im Buch gibt die Einleitung vom Chef des HdBG, Richard Loibl, „Stadt befreit – wie und warum es dazu kam“, illustriert durch instruktive Fotos von Stadtmodellen.

 

Der rund zwei Drittel des Buches umfassende Katalogteil beginnt dann 1180 mit dem Kapitel „Der Bischof und die Stadt“. Geschildert wird die Ausgangssituation: Klöster, Burgen, Märkte und Bischofssitze bestimmten das Geschehen ehe um die Jahrhundertwende eine wirtschaftliche und sozialen Revolution einsetzte und der Handel begann eine größere Rolle zu spielen. 1156-1180 bestimmten zwei Personen die Politik: Kaiser Friedrich Barbarossa und der Welfe, Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern. Des Kaisers treuester Gefolgsmann in Italien war Otto von Wittelsbach. Es kam zum Streit zwischen Staufern und Welfen und 1180 entmachtete der Kaiser Heinrich den Löwen und setzte den getreuen Wittelsbacher als neuen Herzog von Bayern ein.

 

In Kapitel 2 des Katalogs – „Gründerfieber 1200-1350“ – geht es um die „urbane Revolution“ in Altbayern, als Städte wie Pilze aus dem Boden schossen. Ausstellungsstücke befassen sich mit dem Städtebau und archäologischen Funden, die Rückschlüsse auf Mauern, Grundrisse, Brücken, Werkzeuge oder Wasserversorgung zulassen.

 

 


In Teil 3 , „Wie die Städte in die Höhe wuchsen. 1350-1500“, füllen sich die Städte, eine neue städtische/bürgerliche Kultur entsteht, neue Stadtviertel und Einrichtungen kommen auf, große Bürgerhäuser werden gebaut. Nach 1300 wird die schützende Steinmauer zum Hauptmerkmal einer Stadt. Erst mit dem Ausbruch der Pest 1458 wird erstmals das Bevölkerungswachstum gebremst. Fundstücke wie Wappensteine, Stadttorschlüssel oder Hellebarden illustrieren die historischen Geschehnisse. Die zunehmende Bedeutung des Handwerks belegen Truhen, Teller, Bestecke, Becher, und Dokumente wie ein Matrikelbuch der Uni Ingolstadt (1472–1547), Stiftungsbriefe oder Spitalgründungen belegen das Aufblühen der Städte.


„Die Zierden des Landes 1500-2020“, das letzte Katalogkapitel, zeigt, wie die neuen Städte sich zu Herzogssitzen und Verwaltungszentren entwickelt hatten, so z.B. München, Ingolstadt oder Landshut als Residenzstädte der Wittelsbacher. Ab Mitte des 16. Jh. stehen dann auch mehr bildliche Zeugnisse – wie Stadtansichten und -modelle – zur Verfügung.

 

Weiterführend ...

Den zweiten großen Teil des Buches machen Essays aus, von Experten geschrieben und ideal zum Vertiefen in die Materie. Es geht ausführlich um den Aufstieg der Wittelsbacher, um ihre Städtepolitik  und Stadtgründungen im 13. und 14. Jh. am Beispiel von Castra Regina (Regensburg), Landshut, Straubing, Deggendorf oder Dingolfing.

 


Attraktivität und Grenzen städtischen Lebens in den 1150er- bis 1250er-Jahren, Städte und Märkte im Wittelsbacher Land, die Archäologie und Architektur mittelalterlicher Stadtgründungen, und nicht zuletzt das Leben der Bürger und die Bedeutung von Stadtrecht, sozusagen ein Ausblick in die Zukunft, sind weitere interessante Themen. Wer noch mehr erfahren will, der findet im Anhang zudem eine ausführliche Literaturliste.

 

Infos: https://wittelsbacherland.de/bayerische-landesausstellung-2020

Text & Fotos: © MB/PK


Delia Owens, Der Gesang der Flusskrebse


Delia Owens, Der Gesang der Flusskrebse
Übersetzt von: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Originaltitel : Where the Crawdads Sing
ISBN-13 : 978-3446264199
Geb. Ausgabe : 464 Seiten
Hanser Literaturverlage (hanserblau), 2019

 

Dies ist ein Buch, dass man so schnell nicht aus der Hand legt, einer der besten Romane, den ich in letzter Zeit gelesen habe! »Der Gesang der Flusskrebse« erschien im Sommer 2019 bei Hanser, bereits ein Jahr früher bei Penguin Random House unter dem Titel »Where the Crawdads Sing«. Er stand 2019 mehrere Wochen lang auf der New York Times-Bestsellerliste und in Deutschland 42 Wochen lang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Es ist eine Kriminalgeschichte und Entwicklungsroman, Naturbeschreibung und Poesie in einem. 

Delia Owens (*1949 in Georgia/USA), ist Wildbiologin und Zoologin und lebte mit ihrem Mann lange Zeit in Afrika. Das erklärt auch früher erschienene Titel wie »Cry of the Kahahari« oder »The Eye of the Elephant«. »Where the Crawdads Sing« ist der erste Roman von Owens. Sie lebt mittlerweile auf einer Ranch in Idaho, ist jedoch auch immer noch in Sambia aktiv. Als Kind verbrachte die Autorin viele Sommerurlaube mit ihren Eltern in North Carolina, wo auch ihr Romandebüt spielt.

 

Alleingelassen im Sumpf  

Eine gezeichnete Karte vorn im Buch gibt Orientierung, zeigt die Schauplätze, an denen sich die Story abspielt: die Reading Cabin, Point Beach, Jumpin’s Bait & Gas oder der Fire Tower. Der Text gliedert sich dann in zwei große Teile: The Marsh und The Swamp, wobei die Autorin selbst feststellt: »Marsh is not swamp. Marsh is a space of light, where grass grows in the water, and water flows into the sky«. 

Das Buch beginnt mit einem Leichenfund am 30. Oktober 1969 im beschaulich-konservativen Küstenort Barkley Cove. Von da an springt das Geschehen immer wieder hin und her zwischen den Ermittlungen um den Toten, einem gewissen Chase Andrews, und der Geschichte von Miss Catherine Danielle Clark, am 10. 10. 1945 geboren, wie es in einer alten Familienbibel verzeichnet ist. Die Erzählung über »Kya«, wie sie kurz genannt wird, beginnt 1952 mit der Flucht der Mutter aus den Fängen eines trinkenden, prügelnden Vaters, ein Kriegsveteran. Sie lässt die Kinder zurück, obwohl Kya überzeugt ist, dass »The mama deer always come back«. Dies bewahrheitet sich jedoch nicht, doch, wie sich später herausstellt, leidet die malende Mutter mit pinkem Nagellack und schönen Kleidern in New Orleans und versucht vergeblich ihre Kinder zu sich zu holen. Ihr Mann, Kyas Vater, verweigert es ihr. 

Bald gehen auch die älteren Geschwister weg, Bruder Jodie als letzter, und Kya, die mit sechs Jahren Jüngste, ist dem Vater ausgeliefert. Sie bemüht sich, ihm gefällig zu sein und entdeckt auch gute Seiten an ihm, wenn er nüchtern ist und ihr z.B. Bootsfahren und Fischen beibringt. Doch bald schon, kehrt auch er immer seltener nach Hause zurück und Kya ist verstärkt auf sich gestellt. 1952 geht sie für einen Tag in die Schule, und trifft eines Tages, als sie heimlich das Boot des Vaters ausgeliehen hat, auf Tate Walker, einem früheren Freund des Bruders.

Die Einzigen, denen sich Kya, inzwischen zehnjährig und allein im Marschland mit seinen Salzwiesen und Sandbänken lebend, anvertraut, und die ihr helfen, sind der schwarze Shop- und Tankstellenbetreiber »Jumpin’« und seine Frau Mabel. An Jumpin’ verkauft Kya die nachts am Strand gesammelten Muscheln, und später andere Produkte wie Räucherfisch. Mabel gibt ihr Kleidung und hilft in Notlagen. 

Auch Tate taucht immer häufiger in ihrem Leben auf. 1960 beginnt Kya Federn und Muscheln zu sammeln und tauscht sie, zunächst heimlich, mit Tate. Als er merkt, dass sie nicht lesen kann, erteilt er ihr Unterricht im »Reading Shack«, einer verfallenen Hütte, die niemand kennt. Sie entwickelt Ehrgeiz und eine intensive Freundschaft mit Tate nimmt ihren Lauf. Er, ebenfalls Einzelgänger und an Biologie, Flora und Fauna interessiert, geht dann jedoch zum Studieren weg, was Kya fast das Herz bricht. Sie ist furchtbar enttäuscht und stürzt sich ins Studium von Biologiebüchern, beobachtet Vögel und beginnt verstärkt und methodisch eine Sammlung aufzubauen.

 

Falsche Versprechungen und wahre Liebe 

Teil 2 beginnt 1965, Kya, jetzt 19, hat sich zur wilden Schönheit entwickelt und lernt Chase Andrews kennen, der sie zunächst hofiert und ihr große Versprechungen macht. Aus Wohlstand und Ehe wird jedoch nichts, Tate warnt sie rechtzeitig, als er zu Besuch kommt und Teile ihrer Sammlung ausleiht um sie einem Wissenschaftler zu präsentieren. Es soll dauern, bis der ebenfalls leidende Tate ihr Herz zurückerobert, zunächst kommt jedoch 1967 der Bruch mit Chase, der sich heimlich verlobt hat. 

1968 erscheint Kyas erstes Buch »Thed Sea Shells of the Eastern Seaboard« und damit gelangt das "Marsh Girl" zu etwas Geld und Ruhm. Tate holt sich sein Exemplar mit der Widmung »To the Feather Boy From the Marsh Girl« ab. Im selben Winter kehrt auch Bruder Jodie, Vietnam-Veteran mit Studienabschluss, zurück und erzählt ihr von der inzwischen verstorbenen Mutter. Auf einem der Gemälde von ihr, die Jodie mitbringt, erfährt sie auch von Tate, der sie als Kind vor aggressivem Vater gerettet hat.

1969 folgt die zweite Buchveröffentlichung, »The Eastern Seacoast Birds«, im selben Jahr passiert das Unglück und die für Viele undurchschaubare, nicht angepasste, wilde Kya gerät – obwohl zum betreffenden Zeitpunkt bei ihrem Verlag in Greenville – unter Verdacht. Es ist bekannt geworden, dass sie einen Vergewaltigungsversuch des verheirateten, aber stets untreuen Chase gerade noch abwehren konnte und deshalb möglicherweise auf Rache aus war. 

Der ausführlich geschilderte Prozess 1970 findet im Beisein aller Getreuen von Kya statt – Tate, Jodie, Jumpin’ und Mabel, sowie Scupper, dem Vater von Tate. Kya wird dank eines engagierten Verteidigers von der Jury frei gesprochen und lebt schließlich mit Tate, ebenfalls Forscher, glücklich in der »Wildnis« zusammen, sammelt und publiziert. Erst bei ihrem frühen Tod, 64-jährig, stößt Tate auf ihre wahren Geheimnisse. 

Delia Owens erzählt intensiv und atmosphärisch von einem Leben in der Natur, von gesellschaftlichen Zwängen und Vorurteilen, Freundschaften, Vertrauen und Betrug. Bis zum Schluss und trotz des erwarteten Happy Ends, gelingt es ihr, die Spannung zu halten - mit etwas unerwarteten Enthüllungen am Ende!

Alexander von Humboldt

H. Walter Lack, Alexander von Humboldt und die botanische Erforschung Amerikas
Prestel-Verlag (München) 2018, 280 Seiten, 142 farbige Abbildungen, 82 Farbtafeln
ISBN: 978-3-7913-8414-6, 49,95 €

Ottmar Ette & Julia Maier, Alexander von Humboldt – Bilder-Welten. Die Zeichnungen aus den Amerikanischen Reisetagebüchern
Prestel-Verlag (München) 2018. Prachtband im Schmuckschuber, gebunden, mit Lesebändchen, 736 Seiten, 600 farbige Abb.
ISBN: 978-3-7913-8312-5, 148 €


Beide Buchcover und Fotos Tagebucheinträge ©Prestel Verlag
Porträt Humboldt: Wikimedia Commons




„Brüder im Geiste“
Am 19. Mai 1804 betrat Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt (1769–1859) am Ende seiner amerikanischen Forschungsreise in Philadelphia erstmals nordamerikanischen Boden. Damals hatte eine für die damals noch jungen USA wegweisende Expedition gerade begonnen: Wenige Tage zuvor, am 14. Mai, war das sog. Corps of Discovery von St. Louis in Richtung Nordwesten aufgebrochen. Die beiden Offiziere Meriwether Lewis und William Clark sollten mit ihrem Expeditionscorps nicht nur das 1803 vom französischen Kaiser Napoleon erworbene bis dato weitgehend unbekannte Land westlich des Mississippi in Besitz nehmen, sondern zugleich im Auftrag des damaligen US-Präsidenten Thomas Jefferson das Land erforschen und dokumentieren.

Humboldt hatte ursprünglich keinen längeren Aufenthalt in Amerika geplant, doch in US-Präsident Thomas Jefferson fand er einen „Bruder im Geiste“. So blieb der Deutsche nicht nur bis Anfang Juli in den USA, er war zudem drei Wochen lang Gast des Präsidenten in Washington D.C. und auf dessen Wohnsitz in Monticello in Virginia (Foto). Der Universalforscher Humboldt und der Privatgelehrte und Mitbegründer der modernen Demokratie Jefferson sollen sich stundenlang unterhalten haben. „Mit ganzer Hingabe“ hätte Jefferson Humboldts Ausführungen über seine von 1799 bis 1804 dauernde Amerikareise zugehört – so berichtet Jeffersons Sekretär William A. Burwell. Und auch Humboldt muss von Jefferson begeistert gewesen sein – die Beiden korrespondierten bis zu Jeffersons Tod, 1826, und tauschten sich über naturwissenschaftliche Themen, Geografie und Tagespolitik aus.

Humboldt, der Botaniker

Alexander von Humboldt ist der wohl universellste Forscher, den die Wissenschaft bis heute hervorgebracht hat. Dass er ungeachtet seiner vielseitigen Interessen jede einzelne Studie mit akribischer Sachkenntnis durchgeführt hat, beweist sein Beitrag zur Erfassung der lateinamerikanischen Pflanzenwelt. Anlässlich seines 250. Geburtstags im Jahr 2019 legte der Prestel-Verlag München zwei Bücher vor: einmal einen großformatigen Prachtband mit den besten botanischen Illustrationen aus Humboldts eindrucksvoller Sammlung, zum anderen einen Band im Schmuckschuber, in dem erstmals alle Zeichnungen und Skizzen aus Humboldts Tagebüchern von seiner großen Amerikaexpedition zusammengestellt sind.

Ersteres Buch, »Alexander von Humboldt und die botanische Erforschung Amerikas«, wurde von H. Walter Lack zusammengestellt, Professor an der FU Berlin, einst Direktor am Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin-Dahlem und zugleich Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte der Botanik. Für das zweitgenannte, »Alexander von Humboldt – Bilder-Welten. Die Zeichnungen aus den Amerikanischen Reisetagebüchern« zeichnen Ottmar Ette und Julia Maier verantwortlich. Beide Bände ergänzen sich hervorragend und sind nicht nur für historisch oder botanisch interessierte Leser purer Lesegenuss sondern auch ein schönes Geschenk.

1799 war Humboldt zusammen mit dem französischen Botaniker und Arzt Aimé Bonpland nach Südamerika aufgebrochen. Erstmals kam ein Europäer nicht als Eroberer, sondern als Wissenschaftler. Der Band weist neben 82 großformatigen, farbigen Pflanzentafeln mit kurzen Beschreibungen – z.B. kommen Hypericum (Johanniskraut), Rosa canina (Hundsrose) und Dahlia (Dahlie) vor – einen informativen Einleitungsteil auf. Darin geht es nicht nur um den Forscher und seinen Begleiter, sondern auch die komplizierte Veröffentlichungsgeschichte der botanischen Ergebnisse. Herausragend ist die hervorragende Qualität der reproduzierten Bildtafeln. Der Band gewährt Einblick in den Pflanzenkosmos des amerikanischen Kontinents und belegt zudem die Bedeutung Humboldt für die Botanik.

Humboldts Bilder-Welten
Seinen unbändigen Enthusiasmus und die oft abenteuerlichen Umstände, unter denen Humboldt Pflanzen sammelte, spiegeln die Reisenotizen wider, die sich wie ein Abenteuerroman lesen. Auf der Forschungsreise von 1799 bis 1804 durch den Norden Südamerikas sowie Mittelamerika entstanden zahlreiche Tagebücher und die Zeichnungen und Skizzen sind in diesem zweiten, mit über 700 Seiten schwergewichtigen Prachtband vereint. Fast 4000 Seiten Papier hatte Humboldt mit detaillierten schriftlichen Ausführungen sowie Hunderten von Zeichnungen gefüllt, sie reichten von Tier- und Pflanzenskizzen bis zu geometrischen Studien. Nach Sachgebieten geordnet und mit Kommentaren sowie Tagebuchauszügen versehen, werden die Illustrationen im Originalformat in Faksimile-Qualität abgebildet.



Humboldt-Kenner Ottmar Ette, Professor für Romanistik an der Universität Potsdam, leitete auch das Forschungsprojekt zur Auswertung von Humboldts Amerikanischen Reisetagebüchern. In einer kurzen Einleitung befasst er sich mit der Reise Humboldts und seinen Reisetagebüchern und zeigt den Wissenschaftler als Kosmopoliten und Netzwerker. Julia Maier, Kunsthistorikerin und Romanistin, die über die Zeichnungen in Humboldts Amerikanischen Reisetagebüchern promovierte, erklärt anschließend die Vorgehensweise bei der Publikation der Materialfülle.

Wie beim ersten Band ist die Reproduktion vorzüglich, meist wurden die Seiten originalgroß abgebildet, sorgfältig transkribiert bzw. übersetzt und kommentiert. Am Ende wurden von den etwa 4000 Seiten der Tagebücher fast 450 in diesem Band abgebildet. Nicht nur für „Humboldtianer“ sind beide Bände ein Muss im Bücherregal, auch wer sich ausführlicher mit Amerika beschäftigen möchte, muss auf sie zurückgreifen.

Susan Neiman: Von den Deutschen lernen

Susan Neiman: Von den Deutschen lernen. Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können
Aus dem Englischen von Christiana Goldmann
Hanser Berlin Verlag, Berlin 2020
576 Seiten, 28 Euro
ISBN-10: 3446265988
ISBN-13: 978-3446265981

Der Originaltitel dieses hochinteressanten, wenn auch nicht immer leicht lesbaren Buches von Susan Neiman lautet: „Learning from the Germans. Race and the Memory of Evil“. Angesichts des Selbstbewusstseins der Amerikaner und der USA stellt sich vorab die Frage: Inwiefern könnte denn Deutschland den USA als Vorbild dienen?

Amerikanische Jüdin in Berlin
Am Ende der über 500 Seiten Text ist es Susan Neiman gelungen, den deutschen und den amerikanischen Umgang mit der eigenen Vergangenheit zu schildern und zu werten. Neimans frühe Karriere (geboren 1955 in Atlanta/Georgia) verlief nicht ganz geradlinig und nach Schulabbruch und etlichen Jobs studierte sie an die Harvard Universität Philosophie. 1986, nach der Promotion, folgte ein längerer Aufenthalt an der Freien Universität Berlin – wohlgemerkt, vor dem Fall der Berliner Mauer und der deutschen Wiedervereinigung. 1989 bis 1996 war Neiman Professorin an der Yale University in New Haven/Connecticut, danach für fünf Jahre an der Universität Tel Aviv.
Als sie im Jahr 2000 die Leitung des Einstein Forums in Potsdam übernahm, wurde ihre Entscheidung, als Jüdin nach Berlin zu ziehen, in Freundeskreisen mit großem Unverständis quittiert. Doch die Frau des verstorbenen Wiener Psychoanalytikers Felix de Mendelssohn (1944-2016) ging ihren Weg und lebt heute in Berlin-Neukölln.

Holocaust – Sklaverei
Neiman befasst sich zunächst damit, wie sich die Deutschen mit ihren eigenen Verbrechen auseinandersetzen (auf dem Foto das Holocaust Memorial in Berlin), und vergleicht diesbezüglich – was eher ungewöhnlich ist – auch Osten und Westen miteinander. Die deutsche Erinnerungskultur und der Umgang mit dem Holocaust stehen auf der einen Seite, Rassismus und die Aufarbeitung der Sklaverei in den USA auf der anderen.

Gegebenheiten und Verhaltensweisen vergleicht die Autorin auf ihre eigene, überhaupt nicht trocken-wissenschaftliche Weise. Sie setzt auf eine Mischung aus wissenschaftlicher Analyse, historischen Fakten und Anekdoten, Betrachtungen und Interviews, Begegnungen und Reflexionen. In Deutschland lässt sie Juden zu Wort kommen und journalistische Passagen wechseln sich ab mit argumentativen. Ihre Interviewpartner – z.B. die Arendt-Expertin Bettina Stangneth, Jan Philipp Reemtsma (Organisator der Wehrmachtsausstellungen) und Cilly Kugelmann (Jüdisches Museum Berlin) – tragen dazu bei, dass Neiman ein neues Genre einführt: das der intellektuellen Non-Fiction.

Brilliant ist Susan Neiman vor allem dann, wenn es um die Situation und Beschreibung des amerikanischen Rassismus geht. Das Massaker von Charleston 2015, bei dem ein Weißer neun Afroamerikaner ermordet hat, war für sie Anlass, das Buch in Angriff zu nehmen. Als jüdische Amerikanerin, die in den Südstaaten aufgewachsen ist und seit 20 Jahren in Berlin lebt, kann sie sich durchaus ein Urteil darüber erlauben, in welchem Verhältnis die deutsche „Vergangenheitsaufarbeitung“ zur historischen Aufarbeitung von Rassismus und Sklaverei in den Vereinigten Staaten steht.

Gleichermaßen interessant – und anfechtbar – ist Neimans Beschäftigung mit den Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland. Die Autorin bestreitet, dass es in der DDR keine selbstkritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gegeben hätte. Vielmehr sei im Osten die Haltung in Sachen Antifaschismus klarer gewesen als im Westen die Auseinandersetzung mit der Entnazifizierung. In den USA konstatiert Neiman hingegen schwere Versäumnisse. Ihrer Meinung herrschen dort bis heute Fehlinterpretationen und Lügen in der Darstellung der Sklaverei vor. Rassismus wird vielfach in den USA weiter verleugnet und Scham oder Schuldbewusstsein bzgl. geschehener Verbrechen gibt es kaum.

Täter und Opfer
Während eines Sabbaticals reiste Neiman nach Mississippi – zurück in die Südstaaten, wo sie aufgewachsen ist. Dort, wo schon immer das Erbe der Sklaverei omnipräsent und Rassismus Teil des Alltags ist, geht Neiman auf Spurensuche. Sie trifft Menschen und philosophiert über die Frage, wie eine Gesellschaft die eigene Geschichte verarbeiten kann.

Mississippi ist „schwarz“ und gleichzeitig „Trump Country“. Der „Lost Cause“, die Niederlage der Südstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg, wo es dem Süden um den Erhalt der Sklaverei als Gesellschafts- und Wirtschaftsform ging, hängt noch immer nach. Im Zentrum von Neimans Ausführungen steht der Fall Emmett Till, ein 14-jähriger schwarzer Junge auf Familienbesuch aus Chicago, der 1955 von weißen Männern gelyncht worden war, weil er mit einer jungen weißen Frau gesprochen hatte.

Neiman stellt fest, dass sich die Geschichte des Rassismus fortsetzt, zumal in den USA seit jeher Weiß und Schwarz – historisch: Täter und Opfer – nebeneinander her, teilweise sogar miteinander leben. Ihre Argumente werden aktuell fast täglich von der Realität überholt: Black Lives Matter, der Sturz von Statuen vom Sockel und landesweite Proteste.

Deutsche Vergangenheitsaufarbeitung erfolgreich
Wie sollten Gesellschaften mit der eigenen Geschichte umgehen, wie mit dem verübten Unrecht? Für Neiman ist die deutsche Vergangenheitsaufarbeitung am Ende eine Erfolgsgeschichte. „Vergangenheitsaufarbeitung“ – das Wort „Vergangenheitsbewältigung“ wird bewusst gemieden –, wurde nach Meinung Neimans in Deutschland mit Bravour bewältigt, wohingegen die USA bis dato überhaupt keine geleistet haben.

Sicher ist es mutig, Holocaust und Sklaverei gegenüberzustellen. Inwieweit die Vergangenheitsaufarbeitung in den USA und in Deutschland tatsächlich verglichen werden kann, soll am Ende jedoch jeder selbst entscheiden. Einen Denkanstoß dazu gibt das lesenswerte Buch allemal!

Zora Neale Hurston, Barracoon

Zora Neale Hurston, Barracoon: Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven
Penguin Verlag, München 2020
gebunden, 224 Seiten, 20 €
ISBN-10: 3328601309
ISBN-13: 978-3328601302
Buchcover ©Verlag
Porträt Autorin ©WikiCommons





Nein, so gut es in Zeiten von „Black Life Matters“ gepasst hätte, dies ist kein Buch über die Sklaverei in Nordamerika und die Grausamkeiten der Weißen. Zora Neale Hurstons Buch „Barracoon“ unterscheidet sich von klassischen Sklavengeschichten. Diesbezüglich täuscht auch der Untertitel des im Penguin Verlag erschienenen Buches. Aber es ist gut so, denn stattdessen lernt der Leser einen vormals im Zusammenhang mit Sklaverei kaum beachteten neuen Aspekt kennen: die Feldzüge afrikanischer Herrscher, die massakrierten und Gefangene machten und diese an Weiße verkauften, die sie auf Schiffen in die Neue Welt brachten.

Zora Neale Hurston

Man kennt die 1891 in Alabama geborene und 1960 in Florida verstorbene Autorin in erster Linie im Zusammenhang mit der Gruppe „Harlem Renaissance“, jenem intellektuellen Konglomerat an Schriftstellern, Dichtern und anderen Künstlern, die in den 1920er-Jahren Geschichte gemacht haben. Hurston war außerdem Volkskundlerin und Anthropologin, die als solche durch „Mules and Men“ (1935) bekannt wurde. Ihr erster Roman „Sweat“ von 1926 spielt in ihrer Heimatstadt Eatonville in Florida und beschäftigt sich mit Rassen-Konflikten, ihr bekanntestes (eher feministisches) Werk „Their Eyes Were Watching God“ („Vor ihren Augen sahen sie Gott") folgte 1937.

Hurstons Lehrer am Barnard Institute (Columbia University, NYC), an dem sie 1928 ihren Abschluss machte, war interessanterweise der deutschstämmige Ethnologe, Sprachwissenschaftler und Geograph Franz Boas (1858–1942). Er war 1886 nach Amerika immigriert und gilt als „Vater der amerikanischen Anthropologie“. Die Differenzierung in höher- und minderwertige Kulturen lehnte Boas stets ab und legte stattdessen Wert auf eine Beurteilung von Kulturen nach jeweils eigenen Kriterien.

Unter Boas Leitung führte Hurston 1927 mehrere Monate lang Feldforschungen in Florida und Alabama durch. In Africatown (oder „Plateau“), einer 1860 von einer Gruppe von 32 Westafrikanern, die auf dem letzten Sklavenschiff nach USA gelangt waren, gegründeten Siedlung rund 5 km nördlich von Mobile/Alabama, traf sie auf den hochbetagten Oluale Kossola. Er lebte zu diesem Zeitpunkt seit mehr als 60 Jahren in Africatown, war bereits von anderen Anthropologen, Historikern und Journalisten besucht und befragt worden und vielleicht bekannter als Hurston selbst. Sie hatte zunächst den Auftrag, für das „Journal of Negro History" einen „Bericht aus erster Hand" über den Raubzug zu verfassen, dem Kossola zum Opfer gefallen war. Letztendlich wurde ein interessantes Buch daraus.

Cudjo Lewis Geschichte


„Barracoon“ erzählt die Geschichte von Oluale Kossola, den man in Nordamerika „Cudjo Lewis“ nannte. Er war 1860 auf dem letzten – illegal operierenden – Sklavenschiff „Clotilda“ über die Mittelpassage nach Nordamerika verschleppt worden. Ende des 18. Jh. hatten die Amerikaner neben Briten und Portugiesen den atlantischen Schiffshandel mit Menschen dominiert. Der Transport von Sklaven war Teil des Dreieckhandels, jener Handelsroute zwischen Europa, Afrika und Amerika, auf der Rohstoffe, Rum und eben auch Arbeitskräfte transportiert wurden. Schon 1808 war ein „Gesetz zum Verbot der Einfuhr von Sklaven“ in Kraft getreten, Verstöße wurden wie Piraterie mit der Todesstrafe geahndet. Dennoch waren weiterhin Sklavenschiffe unterwegs.

So machte sich im März 1860 der Schoner „Clotilda“ unter Kapitän William Foster, unterstützt von dem Händler und Großgrundbesitzer Timothy Maeher auf die Fahrt nach Ouidah/Westafrika. 125 Afrikaner, die in Barracoons von Dahomey (Benin) saßen, wurden aufgenommen und man legte nach 45 Tagen an der 12-Mile Island im Mobile River an. Die Afrikaner gingen von Bord und wurden aufgeteilt, das Schiff in Brand gesetzt und versenkt um die Fahrt zu kaschieren.

Hurston befragte 1927 den betagten, heiter-scharfsinnigen Kossola über sein Leben und er erzählt ihr – teils erfreut über das Interesse, teils widerwillig, teils bestochen mit Pfirsichen und Schinken und dankbar für Hurstons Fahrtdienste – über seine Zeit in Westafrika, über ständige Kriege zwischen Herrschern und Dörfern, über seine Gefangennahme und die Unterbringung in den „Barracoons“. Dieses aus dem Spanischen abgeleitete Wort für Baracke oder Zwinger, in denen Menschen vor dem Verkauf eingesperrt wurden, diente dann auch als Buchtitel.

Afrikanischer Sklavenhandel

1860 war Kossola im Alter von 19 Jahren auf der Clotilda unfreiwillig nach Amerika gekommen. Sein Heimatdorf in Dahomey (jetzt: Benin) war überfallen worden, Männer und Frauen seines Dorfes massakriert oder gefangen genommen und als Sklaven in die Barracoons am Hafen gesperrt worden, ehe sie an Amerikaner verkauft wurden. Kossola spricht mit Hurston vor allem über seine Kindheit und Jugend in Afrika, über die verbreiteten Machtkämpfe und die recht rauen Sitten unter Königen und zwischen Sippen, über Riten und Traditionen. Über seine Heimat und das Leben dort zu berichten, ist ihm wichtiger als die Gefangennahme selbst oder das Leben in der Sklaverei. Die fünfeinhalb Jahre als Sklave in den USA werden im Buch auf knapp zwei Seiten abgehandelt.

Ein Hauptanliegen des Buches ist vielmehr, herauszustellen, dass nicht allein die Weißen die Schuldigen waren, sondern auch afrikanische Stammesfürsten bzw. Könige beteiligt waren. Sie waren es, die andere Afrikaner einfingen um sie wie Ware nach Amerika zu verkaufen. „Mein Volk hatte mich in die Sklaverei verkauft, und die Weißen hatten mich gekauft.“ – so Kossola. Der König von Dahomey war bekannt für seine Menschenjagden, für Menschenopfer und für das königliche Gefängnis.

Dank des 13. Zusatzartikels zur US-Verfassung wurde Kossola 1865 wieder ein freier Mann, jedoch entwurzelt und mit großer Sehnsucht nach seiner alten Heimat. Sein Plan zurückzukehren, scheiterte am Geld für die lange Überfahrt. Schließlich gelang es ihm, Land zu erwerben und er ließ er sich mit ein paar Dutzend „Leidensgenossen“ in „Africatown“ (heute: Africatown Historic District) nieder und versucht dort nach den Regeln und Gesetzen der alten Heimat zu leben. Er gründet eine Familie, doch Kossolas Frau und alle seine Kinder starben vor ihm – ein eher deprimierendes Ende für einen stolzen Mann, der auf zum Fototermin mit Hurston seinen besten Anzug anzieht, aber keine Schuhe, da er aussehen möchte „... wie in Afrika, weil das ist, wo ich sein will."

Kein einfaches Buch


Das Buch ist keine reine Erzählung, es ist fast schon eine wissenschaftliche Abhandlung. Außer Kossolas eigenem Bericht, enthält es einen umfassenden Vorspann mit Vorworten von Alice Walker, der Herausgeberin Deborah G. Plant sowie von Zora Neale Hurston selbst. Dazu kommt ein umfangreicher, informativer Anhang mit Nachwort von Plant sowie Glossar und zahlreichen Anmerkungen und Erklärungen zu historischen Fakten. Zudem wurde ein Kapitel des englischen Originals angefügt, das eine gute Vorstellung von der Sprache Kossolas gibt.

Zora Neale Hurstons Zeitzeugenbericht, zum Zeitpunkt der Niederschrift einer von wenigen Berichten über die Sklaverei in den USA, erschien posthum 2018, zunächst in den USA unter dem Titel „Barracoon. The Story of the Last „Black Cargo“. Damals war das Manuskript schon 87 Jahre alt und damit so alt wie Oluale Kossola, der 1841 geborene Protagonist. Die Autorin war bereits seit 58 Jahren tot. Sie hatte 1931 das Manuskript fertig gestellt, ohne dass sich jemand dafür interessiert hätte.

Hurston lässt Kossola seine Geschichte großteils in direkter Rede mit eigenen Worten erzählen. Sie hatte mehrmals abgelehnt, den Text in standardisiertem Englisch zu veröffentlichen, wollte die Geschichte so authentisch wie möglich wiedergeben und die Unmittelbarkeit des gesprochenen Wortes bewahren. Das war nicht nur ein schwieriges Unterfangen für Hurston, sondern auch keine leichte Aufgabe für den Übersetzer der deutschen Ausgabe, Hans-Ulrich Möhring. Dieser hat sie jedoch meisterhaft gelöst. Das Problem der Übersetzung wird zudem im umfangreichen Anhang thematisiert.

Zum Schluss noch ein Lesetipp zum Thema Sklavenhandel zwischen Afrika und Nordamerika sowie über die Geschichte der Sklaverei, dieses Mal mit Blick auf die Ureinwohner (zu späterem Zeitpunkt wird dieser Titel noch besprochen werden):
Andrés Reséndez, The Other Slavery. The Uncovered Story of Indian Enslavement in America (2016)

Francisco Cantú, No Man’s Land

Francisco Cantú, No Man’s Land. Leben an der mexikanischen Grenze
Carl Hanser Verlag (München 2018)
übersetzt aus dem Amerikanischen von Matthias Fienbork
240 Seiten; ISBN: 978-3-446-26026-9, 22 €
Buchcover © Hanser Verlag, Autorenfoto© Keith Marroquin, Hanser Verlag.

Francisco Cantú war zwischen 2008 bis 2012 als Officer der United States Border Patrol in den Wüstenregionen von Arizona, New Mexiko und Texas auf Grenzpatrouille. Über seine Erlebnisse schrieb er ein Buch, das unter dem Titel „No Man’s Land“ 2018 auch in Deutschland erschienen ist. Es ist der erschütternde Erfahrungsbericht eines Insiders, der die Sinnlosigkeit von Grenzen deutlich macht.

Trump und seine Mauer
„Es ist wichtig zu verstehen,“ meinte Cantú in einem Artikel, den er im Sommer 2018 für die New York Times verfasste, „dass die derzeitige Krise an der Grenze in Wahrheit nur die abscheuliche Verdeutlichung eines jahrzehntelangen Versuchs darstellt, den Ausnahmezustand zu erreichen.“ Für ihn ist der Effekt von Donald Trumps plumper Rhetorik lediglich, dass endlich mehr Menschen aufmerksam geworden sind auf die Situation der Migranten an der südlichen Grenze. Denn „die Militarisierung der Grenze, der Umstand, dass wir die Landschaft regelrecht als Waffe nutzen, … – all das passiert seit Jahrzehnten ohne einen nennenswerten Aufschrei von unseren Politikern, Medien oder unserer Gesellschaft als Ganzes“.




Das Buch von Francisco Cantú ist zur richtigen Zeit erschienen. Diskussionen um die Grenze zu Mexiko waren für die meisten Amerikaner und den Rest der Welt die Ereignisse an der „Border“ sehr weit weg. Cantú (*1985), Enkel eines mexikanischen Einwanderers, hat Politik studiert und wollte am eigenen Leib erfahren, was an der Grenze wirklich abläuft. Deshalb bewarb er sich bei der U.S. Border Patrol – ganz gegen den Willen seiner Mutter, einer ehemaligen Rangerin im Guadalupe Mountains National Park. Doch Cantú war der festen Überzeugung, dass er die Wüste, den Überlebenskampf und die Spannungen zwischen den Kulturen nur verstehen könne, wenn er selbst vor Ort ist.

Auf Grenzpatrouille

So rettete er als Mitglied der Border Patrol einerseits Verdurstende aus der Wüste, deportierte aber andererseits illegale Einwanderer oder erlebte, wie Familien auseinandergerissen und Flüchtlinge erniedrigt wurden. In seiner Reportage zeigt er, was Grenzen für die Menschen wirklich bedeuten. „No Man’s Land“ gleicht einer Tragödie und bildet dennoch die Realität wahrheitsgetreu ab: objektiv, grausam und zutiefst berührend.
 Was Cantú an der amerikanisch-mexikanischen Grenze erlebte, brachte ihn fast um den Verstand, auch als er ins Büro versetzt wurde und die Grenze nur noch am Bildschirm überwachte. Schnell wurde ihm klar, dass Grenzpolizisten keine unerfahrenen Studenten sind wie er selbst, sondern vielfach verbitterte ehemalige Polizisten und Soldaten, denen in der Ausbildung eingetrichtert wurde, sie hätten es an der Grenze mit Banditen der mexikanischen Drogenkartelle zu tun. In Wahrheit sind die Grenzpatrouillen langweilig und am Ende griffen die Officer immer nur verängstigte und hilflose Flüchtlinge auf, die eigentlich überhaupt nicht in das „Terroristenprofil“ passen.

Einerseits schildert Cantú die Ereignisse aus persönlicher Sicht, erzählt von seinen Zweifeln und Alpträumen. Andererseits versucht er anhand von sachlichen, teils sehr akademisch gehaltenen Einschüben die Geschichte, Entwicklung und Ideologie der Grenze zwischen den USA und Mexiko zu erläutern.  Dieser Perspektivenwechsel macht die Lektüre nicht immer einfach, aber hochinteressant. Im letzten Drittel des Buches ändert sich der Ton, wird persönlicher und zieht den Leser tiefer in die herrschende Misere hinein: Nun schildert der Autor das Schicksal seines neuen Freundes José, der seit 30 Jahren in den USA lebt, eine Familie gegründet hat, doch nach dem Besuch seiner sterbenden Mutter in Mexiko nicht mehr in die USA zurückgelassen wird. Ein für die Grenze typisches Schicksal, an dem Cantús Engagement scheitert und seine Hilflosigkeit angesichts der bornierten Bürokratie zutage tritt.

In „No Man’s Land“ geht es um die gleichgültige Brutalität des Systems, um die Ungerechtigkeit der derzeitigen Gesetze und darum, wie eine militarisierte Grenze Familien kaputt und den amerikanischen Mythos von Freiheit und Gleichheit zur Farce macht. Cantú, der heute in Tucson/Arizona lebt, erhielt 2017 dafür den prestigeträchtigen Whiting Award – alljährlich verliehen an die besten Nachwuchsautoren. Der Originaltitel „The Line Becomes a River. Dispatches From the Border“ erschließt sich beim Lesen und dank des Epilogs. Es gibt nämlich durchaus noch offene Grenzabschnitte wie am Rio Grande River in Texas, wo der „kleine Grenzverkehr“ Alltag ist.



WEITERE LESETIPPS

Wer das Thema weiter vertiefen möchte – hier eine Auswahl anderer lesenswerter Bücher:

• Octavio Solis, Retablos. Stories from a Life Lived Along the Border (City Lights Publisher, 2018)

• Luis Alberto Urrea, Across the Wire. Life and Hard Times on the Mexican Border (Anchor Books/Doubleday, 1993)

• Sam Hawken, La Frontera (2013, deutsch: „Kojoten“, Polar-Verlag 2015)